90er Jahre Zig-a-zig-ah

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Spice Girls, Kurt Cobain und Stüssy: Die neunziger Jahre waren zu allem bereit. Von
ZEITmagazin Nr. 28/2015

Marlene Dietrich, 1930 im Kinofilm Marokko, eine andere Frau küssend. Jane Birkin in den späten Sechzigern, barfuß, mit Hotpants, Kippe und Korb durch die Provence spazierend. Der Ausspruch des Flapper-Girls Tallulah Bankhead: "Mein Vater hat mich vor Männern und Schnaps gewarnt, aber er hat nie Frauen oder Kokain erwähnt ..." – Die aufregendsten Momente in der Mode hatte man schon mal verpasst, als Kind der Neunziger.

Diese Zeit war dafür, behaupten Idealisten, geprägt von Nirvana und Geschmacks-Designern wie Helmut Lang, Calvin Klein, Jil Sander und Tom Ford für Gucci. Von Musik, von House und Drum and Bass, von Open-Air-Festivals, auf denen britische Superbands wie Oasis, Blur, Massive Attack und The Prodigy spielten. Traf ja auch alles zu. Aber nur für den, der es sich peinlich genau so einrichtete.

In Wahrheit war der Alltag beeinträchtigt von Ricky Martin, Macarena und dem Ruf "Zig-a-zig-ah". Und ganz ehrlich: Es war nicht einmal so, dass man das besonders empörend fand. Das Gefühl den Dingen, der Welt, der eigenen Entwicklung gegenüber war erst einmal indifferent. Stil war irrelevant, wichtig war eigentlich nur, dass das auch so rüberkam. Wenn heute der Look der neunziger Jahre wieder getragen wird, sehnt man sich, anders als bei den Sechzigern, nicht nach dieser Zeit zurück. Man meint die Neunziger nicht. Die leicht modifizierten Trends wirken für die nachrückende Generation einfach wie neu.

Man wird direkt ein bisschen ärgerlich, wenn man beschreibt, was der Schriftsteller Christian Kracht mal "die Gwyneth-Paltrow-Jahre" nannte: diese insgesamt vorzeigbare, aber komplett geheimnislose und latent verheulte Ära. Dabei begann sie ansehnlich, mit Naomi Campbell, die neben ihren Supermodelkolleginnen in Motorradstiefeln und Hotpants durch George Michaels Videoclip Freedom ’90 tanzte. Es ging auch unterhaltsam weiter, mit Kate Moss, von der alle behaupteten, sie trage die Magersucht in die Welt (im Nachhinein wirken die Bilder von damals, ihre Figur, einfach durchschnittlich – beunruhigend dünn wurde sie erst 2005, als sie mit Pete Doherty herumjunkte).

Es ging dann 1995 weiter mit der Shopping-Satire Clueless, und obgleich die sehr lustig war, lieferte sie keinerlei modische Orientierung, ebenso wenig die beiden Topserien Melrose Place und Beverly Hills, 90210, deren Looks, wenn sie denn je auf den Punkt gewesen sein sollten, bei ihrer Ausstrahlung in Deutschland völlig vermainstreamt wirkten.

Welche Trends gab es denn damals überhaupt, worauf konnte man sich einigen?

Man sah viele schwarze Motorradlederjacken, Blümchenkleider zu Doc Martens. Und Kropfbänder, wie Natalie Portman, das wohl schönste Kind aller Zeiten, sie in Léon – Der Profi trug. Man sah Scrunchies-Haarbänder an den Olsen-Zwillingen.

Viele Frauen kopierten den an eine Ananas erinnernden "Rachel haircut" von Jennifer Aniston aus der Sitcom Friends. Zu Stoßzeiten (Love-Parade) beobachtete man Verwaltungsbeamte, die sich die Haare für ein Wochenende blau färbten und einen Staubsauger auf den Rücken schnallten. Man trug ein bisschen Stüssy, A Bathing Ape, X-Girl. Tops eng, Hosen weit, Röcke kurz. Adidas-Shelltops. Bunte New-Balance-Sneakers. Um es kurz zu machen – nichts davon hatte Langzeitwirkung. Geschweige denn Ikonen-Charisma. Die Rebellion bestand im Nichtrebellieren, in der Passivität oder Autoaggression.

Kurt Cobain erschien 1990 auf der Bildfläche und verließ sie 1994 wieder. Was er trug, wirkte wie besonders gleichgültig zusammengeklaubt: Streifenshirt, Strickjacke, Levi’s und alte Chucks. Er war ein genialer Rockmusiker, der ewige Hymnen und eine ganze Reihe noch viel berührenderer Songs schrieb. Er war aber auch ein Weichei (urbane Männer um die vierzig tragen seine Montur bis heute, schon weil sich darunter einiges verstecken lässt, Bierbäuche, mangelnde Ambitionen ...).

Politisch gesehen begannen die Neunziger am 9. November 1989 mit dem Fall der Mauer und endeten am 11. September 2001 mit dem Anschlag auf das World Trade Center. Hemdsärmelig gesagt hatten die Leute andere Sorgen als Mode. Aber die hatten sie zu anderen Zeiten auch, und genau das fand seinen Ausdruck, so entstand Mode ja überhaupt erst. Das machte sie zur Kultur der Erneuerung, zum Kommunikationsmittel der Jugendlichen. Die in den Neunzigern, wie gesagt, gar nichts erneuern wollten, sondern zufrieden waren, wenn sie in Adiletten Ecstasy-Pillen viertelten, mit dem Fin de Siècle und dem Schwächlings-Argument im Rücken: "Irgendwie bin ich so politikverdrossen." Sie jedenfalls pennten vor MTV, während George Bush die New World Order entwarf und Roman Herzog forderte, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse.

Warum damals eigentlich alle kollektiv schlapp waren? So blockiert die Gesellschaft erschien, so rasend überschlug sich ihre technologische Entwicklung. Es war, als sauge die Technologie alle Energien, allen Sex und alle kreativen Lebensentwürfe ab, damit die Menschen noch schneller und effektiver und gewinnbringender agieren können. Anfang der Neunziger war man jedenfalls noch ein Nerd, wenn man jeden Tag am Computer saß. Ende der Neunziger war man bereits ein Weirdo, wenn man es nicht tat.

Zumindest Miuccia Prada konnte angesichts dieser Entwicklung entscheidende Punkte einfahren. Genau auf dem Bauchnabelfrei-Minirock-Zenit erschien ihre Herbstkollektion 1994, alle Röcke endeten auf der besonders unsexy wirkenden Länge kurz unter dem Knie. Für Frühjahr/Sommer 96 präsentierte sie eine Kollektion, die so absichtsvoll hässlich wirkte, dass man sie in der Presse geek chic taufte. Und bejubelte. Seltsame Farbkombinationen, Seventies-Prints und naive Schnitte, das Ganze hatte etwas geradezu Perverses. Seitdem gilt Miuccia Prada als unfehlbares Orakel unter den Designern.

Die breite Masse dachte sich dann tatsächlich noch etwas anderes, Eigenes aus, das mit Mode erst einmal nichts zu tun hatte und trotzdem einer der prägnantesten Trends aller Zeiten wurde: Die Menschen begannen, am eigenen Körper herumzumanipulieren, wie gelangweilte, autoaggressive Teenager. Und so inkohärent das modische Bild geblieben ist, so präzise kann man die Neunziger anhand ihrer Körper identifizieren. Arschgeweihe, Nacken- oder Tribal-Tattoos, perforierte Augenbrauen, Zungen, Nasenflügel oder Bauchnabel, zu schmale Nasen und verrutschte Implantate, sie alle sagen heute: Ja. Es war egal. Aber ich war dabei.

Rebecca Casati, 44, schrieb in den Neunzigern stilprägend über Mode und Pop für "jetzt" und das "SZ-Magazin", später für den "Spiegel". Derzeit entwickelt sie eine Buchreihe für Suhrkamp. Sie war bis zu seinem Tod mit Frank Schirrmacher verheiratet.

Kommentare

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"Anfang der Neunziger war man jedenfalls noch ein Nerd, wenn man jeden Tag am Computer saß. Ende der Neunziger war man bereits ein Weirdo, wenn man es nicht tat."

Das bringt einen Aspekt auf den Punkt. In Sachen Mode fällt mir aber eine Auslassung auf, die erstaunen mag, erst recht, wo nach Einigkeit gefragt war, obwohl sie in diesem Fall möglicherweise etwas zweifelhaft bleibt: Buffalos. Diese dicken Treter an Damen-, bzw. Mädchenfüßen sind so mit das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an Mode und '90er denke, waren m.W. allerdings auch ein deutschlandspezifisches Phänomen. Das sich meiner Altersgruppe und erst recht ihrem männl. Part aber schon deshalb unauslöschbar ins Gedächtnis brannte, weil es seinerzeit bedeutete, dass gleichaltrige Mitschülerinnen stets einen halben Kopf größer waren als wir, um nicht zu sagen den ganzen, der pubertäre Vorsprung tat schließlich sein Übriges. Ob trotz- oder etwa gerade deshalb: Ich fand die Schuhe damals toll und sollte sie noch vermissen. Was aber, zugegeben, Geschmackssache ist.

Laut Zeit- wie Augenzeuge Markus Kavka übrigens lebten in den Pullis von Kurt Cobain original Motten. Insofern das heute also noch kopiert wird, ist es dann wohl wie mit allem, was aus den 90ern wieder aufgewärmt wird: Halbgar.

Kein Wunder, diese wundervolle Zeit lässt sich nicht wiederholen, man kann sie nur erzählen und wie kaum eine andere das. Ich liebe die 90er und dabei bin ich etwas zu jung für ihre (noch) bessere, erste Hälfte.

#2  —  24. Juli 2015, 5:02 Uhr
Redaktionsempfehlung Redaktionsempfehlung

Setzen sechs. Sorry, Frau Casati. Entweder haben Sie in anderen 90" gelebt als ich, oder dieser Artikel soll lediglich der Vermarktung Ihrer Bücherreihe dienen. DIE NEUNZIGER...waren modisch ebenso prägend wie die 70' 80' etc. Abgesehen der großen Marken, die Zeitlos schon VOR den 90' bekannt und erfolgreich sowie wegweisend waren (Boss, Sander, Adidas, Levis etc.), ist Ihr Unvermögen (oder absichtliches ignorieren?) der eigentlich prägenden Marken-(Mode) signifikant. Die Neunziger waren mehr als nur Buffalo. Die übrigens, in meinen damaligen Kreisen ausschließlich von Männern getragen wurden [...] (Stichwort Techno) Lehnen wir und zurrück und rekapitulieren wir : Die Schlaghose fand Ihren Höhepunkt und Revival hier nennenswert z.B. >Pash<. Ebenfalls angeagt : Diesel, Replay, Chevion ... Es gab nahezu zu jedem Typ einen Style. Meist musikalisch geprägt. War es Anfang der Neunziger das Flanellhemd mit Bikerboots, zog es gegen Mitte über Schlag und Buffalo zum Ende Chic mit Esprit, La Coste etc. an. Die Neunzige haben modisch so sehr geprägt wie die Achtziger musikalisch. Billiger Modeschmuck und "Nutten-Tattos" sowie Pircings wurden erst 2000 "Mode" und waren für meine Generation, Jahrgang 76 zu diesem Zeitpunkt schon wieder out! ....