Gesellschaftskritik: Über Ehrgeiz

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 28/2015

Muss man Frank Plasberg dafür bedauern, dass ihm die Nachfolge Günther Jauchs als Moderator der wichtigsten ARD-Talkshow am Sonntagabend verwehrt blieb? Offenbar nicht. In einem denkwürdigen Interview mit dem Spiegel erklärte Plasberg den Abschied von seinem lang gehegten Traum für eher erleichternd, und man ist geneigt, ihm zu glauben. Ehrgeiz kann auch quälen. Leidenschaftlicher Ehrgeiz, über Jahrzehnte gepflegt und immer wieder enttäuscht, kann eine Krankheit werden – etwas, das Geist und Psyche mit Giften überschwemmt, die schließlich ihre aufputschende Wirkung verlieren und nur noch zersetzend sind. Plasberg macht sogar Andeutungen dieser Art. Aber vor allem beweist die Erleichterung, seine überzeugend formulierte Erleichterung, dass hier kein Fuchs spricht, dem die Trauben zu sauer sind, sondern einer, der das elende Springen und Japsen satthat.

Plasberg zeigt das friedvolle Gesicht, das die Resignation auch haben kann. Er hat sich seinen Traum abgeschminkt und sieht nun, nachdem die Äuglein nicht mehr vom Mascara des Ehrgeizes verklebt sind, klarer. Er beschreibt den Hickhack und die Rücksichtnehmerei im Senderverbund der ARD ganz ruhig und abgeklärt, ebenso übrigens Qualitäten und Grenzen seines Konkurrenten Günther Jauch (der habe einen "Dackelblick"), und das hat nichts von Neid und Eifersucht, wie etwa die Bunte und andere dieser grässlichen Medien behaupten. Frank Plasberg hat seinen Seelenfrieden gefunden, ähnlich wie weiland der Prinz Heinrich von Preußen, der sich in Rheinsberg zur Ruhe setzte, nachdem er endlich eingesehen hatte, dass ihm sein königlicher Bruder, der große Friedrich, niemals die verdiente Anerkennung spenden würde.

Indes verhält es sich mit dem Ehrgeiz wie mit dem Alkoholismus, der niemals endgültig geheilt werden kann: Ein Tropfen genügt ...

Auch im Prinzen Heinrich loderte der Ehrgeiz immer wieder auf, sobald sich die Möglichkeit einer Erfüllung zeigte. Was ist ihm nicht alles angeboten worden! Zweimal die polnische Krone, einmal sogar die Statthalterschaft über die britischen Kolonien in Nordamerika, aber jedes Mal scheiterte er aufs Neue am Veto seines missgünstigen Bruders. Hoffen wir, dass Frank Plasberg solche Proben auf die mühsam errungene Gemütsruhe erspart bleiben. Möge die ARD ihm ein gnädiger König sein und alle nicht ernst gemeinten Angebote im Keim ersticken.

Kommentare

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"Aber vor allem beweist die Erleichterung, seine überzeugend formulierte Erleichterung, dass hier kein Fuchs spricht, ..."
Was ein trainierter Medienprofi in einem Interview formuliert und sagt, das beweist erst einmal gar nichts. Absolut nichts.
Aber vielleicht holt dies ja Herrn Plasberg runter von seinem Thron der narzisstischen Arroganz und hievt in wieder auf den Stuhl des (scheinbar) guten, engagierten Journalisten, der er beim "Dritten" zu sein schien.
Was ich aber eher nicht glaube.

Unzucht mit Komparatistik ... Moment mal, lieber Autor, lassen Sie mich die Vergleiche weiterdenken, die Sie da gezogen haben. Sanssouci/Potsdam -FriedrichII - Jauch vs. Rheinsberg - Prinz Heinrich - Plasberg?! Der Alte Fritz stets mißgünstig gegenüber seinem jüngeren Bruder, der durchaus sein Leben lang auf polnische und walachische Throne Ambitionen hegte, übrigens berechtigte; aber dummerweise kamen die Avancen immer von der feindlichen Zarin Katharina (Frau Merkels Vorbild!), deshalb ... keine Chance, eben die böse Außenpolitik. Beide Hohenzollern-Brüder, praktizierende Freimaurer (wie auch die Neu-England-Verfassungsväter), waren schwul und nur aus Gründen der höfischen Etikette verheiratet - die gegenseitige Abneigung rührte daher, daß sie als junge Männer denselben Lover (Johann Friedrich Adolf von Marwitz) begehrt hatten. Also paßt für die Talkmoderatoren nicht einmal das Tertium comparationis des "Amtsehrgeizes" (Ambitio) - von der Todsünde des "Habenwollens" (Avaritia) ganz zu schweigen. Heinrich hat sich der begründeten Staatsraison unterworfen - von Konkurrenz zum Preußenkönig keine Spur, wohl aber scharfe Kritik gegenüber dessen Amtsführung.