Harald Martenstein: Über die Kommunikation mit Kindern

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 28/2015

Wenn ich mit dem Baby ins Hallenbad gehe, muss nach dem Baden die Windel gewechselt werden. Das Problem besteht darin, dass sich das Baby wehrt, es zappelt und windet sich, es will nicht auf dem Wickeltisch liegen. Ich brauche zum Anlegen der Windel beide Hände, andere schaffen das vielleicht mit einer Hand, ich brauche zwei. Ich hole dann einen Stuhl, stelle mich drauf, und auf diese Weise kann ich, auf einem Bein stehend, mit dem zweiten Knie den Körper des zappelnden Babys von oben auf dem Wickeltisch fixieren, natürlich auf nachhaltige, wertschätzende Weise und nicht brutal, während ich beidhändig die Windel wechsle. Kürzlich habe ich einen Film über alte Väter gesehen, der älteste Vater war 80, und das Kind war ganz frisch. Eines steht fest, mit 80 schaffe ich die Nummer mit dem einbeinigen Wickeln nicht mehr.

Das ist aber nicht das Schwierigste, am schwierigsten ist es in der Umkleidekabine. Das Baby anzuziehen ist relativ einfach. Aber ich muss mich ja ebenfalls anziehen. In dem Moment, in dem ich das Baby loslasse, krabbelt es sofort los. Die Tür der Umkleidekabine reicht nicht bis zum Boden, es gibt einen Spalt, durch den das Baby blitzschnell und krabbelnderweise verschwindet. Dann ist es weg, ein Sonderangebot für den internationalen Kinderhandel. Damit ich ein größeres Zeitfenster zum Austausch meiner Badehose gegen eine Unterhose zur Verfügung habe, eine Tätigkeit, für die ich ebenfalls zwei Hände brauche, muss ich die Kabine verlassen. Dann sehe ich das Baby ungefähr fünf Sekunden lang krabbeln, bis es um die Ecke verschwindet und in einen anderen Gang des Schwimmbads einbiegt. Diese Zeit genügt, um die Badehose auszuziehen und die Unterhose über die Füße zu streifen, mehr ist nicht drin. Ich muss das Baby möglichst rasch wieder einfangen, und zwar im Kampf mit der Unterhose, die etwa in Wadenhöhe hängt, das heißt, ich kann nur ganz kleine Trippelschrittchen machen und muss mit den Armen rudern, weil ich sonst stürze. Damit das Baby nicht bis in die Mandschurei weiterkrabbelt, sondern innehält, rufe ich "Kuckuck! Kuckuck!". Es stoppt dann meistens und schaut mich fragend an. Ich packe es und schleppe es zurück zu meinen Kleidern, wo das Spiel von Neuem beginnt. Die anderen Schwimmbadbesucher schauen ebenfalls fragend.

Es muss einem völlig egal sein, was die Leute denken, dies ist eine interessante Parallele zwischen dem Kinderaufziehen und dem Kolumnenschreiben. Demnächst werde ich wieder in den USA sein, wo Nacktheit tabu ist. Dort werde ich, falls das Baby immer noch so drauf ist, einfach die nasse Badehose anlassen, denn ich glaube, Inkontinenz ist in den USA nicht so stark tabuisiert wie Nacktheit. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – mit diesem Satz bin ich endlich bei Angela Merkel und der Griechenlandkrise. Ich werde über Griechenland schreiben. Aber zuerst eine Bemerkung über Italien. Letzte Woche war ich in Italien. Die Italiener sahen das Baby und riefen "Bello Bimbo!". Mindestens 50 Mal ist mein Kind in Italien "Bimbo" genannt worden. Wie heißt du, Bimbo? Komm her, Bimbo. Willst du einen Keks, Bimbo? Das Wort "Bambino" ist den Italienern zu mühsam, sie kürzen es ab, in Deutschland ist das ein politisch unkorrektes Wort. Wie sollen wir in Europa jemals zueinanderfinden? Wir sprechen einfach nicht die gleiche Sprache. Christine Lagarde, die Chefin des Währungsfonds, hat über die griechische Regierung sinngemäß gesagt, die Kommunikation mit Kindern sei schwierig. Das ist auch mein Kommentar zur Griechenlandkrise.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Ich hab's nicht ganz verstanden, Herr Martenstein. Besteht die Griechenlandkrise jetzt darin, dass Sie es nicht schaffen, innerhalb von fünf Sekunden von der Badehose in die Unterhose zu wechseln, oder dass die Italiener ihren Nachwuchs als "Bimbo" titulieren? (Was übrigens, wenn ich zu ihrer politisch unkorrekten Sprachverwirrung beitragen darf, in den USA eine geringschätzige Bemerkung hinsichtlich der vermuteten geistigen Kapazität von - halbwegs erwachsenen - Frauen wäre...)

Im übrigen würde ich vermute, dass das "Bimbo" den angebotenen Keks durchaus angenommen hat. Es scheint also völlig überflüssig zu sein, die gleiche Sprache zu sprechen - wir verstehen unsere wechselseitigen Bedürfnisse durchaus auch so - wenn wir nur wollen.

Zur Schief(ent)wicklung in der Kindesaufzucht ... Der eine is dem annern sien Deubel (sagte meine pommersche Großmutter), meistens. Oft sind bedenkliche Verhaltensweisen dabei - hier gleich mehrere. 1. Wickeltisch: Höchst gefährlich, wg. Absturzgefahr in jüngsten Jahren. Kleinst-Heinrich, Sohn Heinrichs des Löwen, fiel runter - sein Schädelbruch hat die Weltgeschichte verändert. Mutter Clementia war Badenerin (Zähringen! Schäuble!!), kriegte trotzig kein Söhnchen mehr und wurde verabschiedet - Clexit. Erst danach gab es welfisch-anglonormannische Liaisons (bekannte Spätfolgen - Georges, Victoria, and so on). Also: Auf den Boden mit dem Koten! Der knieschwache Vater kann sich halten wie die gebrechlichen Mönche von St.Gallen, auf Formula = Kniekissen (meint Alt-Praktiker, im Zweifel links, gewiß doppelt-linkshändig).
2. Kraxit: Im Prinzip erfreuliches Wegkrabbeln, zu bändigen mit Brust-Schulter-Geschirr und einzuklinkender Leine. Aufschrei des Altliberalen? Ach was, temporär-normatives Regelwerk der Vormundschaft - regelverhaftet wie EU/Euro - findet Gefallen bei Gläubigern: "Unsere Kinder werden es uns danken".
3. Sprachliche Diversifikation - beeinflußbar durch Eigennamen-Initiative. In Italien singe man nicht Baby-ballaballa, sondern "Bello e impossibile" - abgekürzt Belpo, neuberlinerisch für Welpe. Im Landes des Greecebreis empfiehlt sich aber gedehntes "Oooch" - ganz nahe am beliebten Ochi.
4. Pubertäre Varoufikation - dat kriesche mer später.