Stilkolumne: Wo bleibt die Moral?

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 28/2015

Die vegane Lebensweise ist tief in unsere Kultur eingedrungen. Der Mensch, der auf tierische Produkte in seiner Nahrung verzichtet, hat Vorbildcharakter. Es gibt eine unüberschaubare Zahl von veganen Kochbüchern und eine einigermaßen wütende Debatte darüber, ob der Veganismus nun gesundheitsschädlich ist oder nicht. Wer Fleisch isst, fördert die Massentierhaltung. Wer Fleisch isst, hungert den Planeten aus, weil die Rinderherden das Getreide auffressen. Wer Fleisch isst, fördert den Klimawandel, weil die Rinder so viel Methan ausstoßen – um nur ein paar der Argumente zu nennen.

Man wundert sich: Wenn die Leute so heftig über Fleisch streiten, warum streiten sie nicht über Leder? Die einzigen Materialien, die seit je stark umstritten sind, sind Pelze. Vor allem jene, die in der Luxusindustrie verwendet werden. Über all die Häute, die Tieren heute abgezogen werden, spricht man allerdings kaum. Dabei ist Leder – ein Material, aus dem einst Kleidungsstücke gefertigt wurden, die ihre Träger viele Jahre begleiten sollten – ein Massenartikel geworden. Rund 1,8 Milliarden Quadratmeter Leder werden laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO weltweit jedes Jahr produziert, Tendenz steigend. Damit ließe sich zweimal die Stadt Berlin pflastern. Die Verarbeitung von Leder belastet die Umwelt stark, denn das Weichen, Beizen, Gerben des Materials geschieht oft mithilfe von extrem aggressiven Chemikalien.

Leder ist zu einem Discount-Artikel geworden, der genauso verarbeitet wird wie viele andere Materialien. Es ist nicht mehr nur noch Grundstoff für Jacken und Schuhe, sondern wird auch für Hosen, Blazer und Tops verwendet. Dank moderner Stanz- und Lasertechnologien sind völlig neue Zuschnitte möglich. Mit dem Preis von Leder sinkt allerdings auch die Wertschätzung dafür: Lederartikel sind zur typischen Wegwerfware der Fast Fashion verkommen.

Früher wurde der teure Nerz von der Mutter an die Tochter vererbt. Heute landet das hauchfeine Ledertop mit eingestanztem Muster nach ein paar Monaten im Müll. Wer würde sich noch 70 Paar Schuhe anschaffen, wenn er dafür 70 Mal zusehen müsste, wie ein Tier getötet wird?

Wenn es ums Essen geht, wird vorausgesetzt, dass man mit seinen persönlichen Gewohnheiten moralisch haftbar zu machen ist.

Für Kleidung gilt das offenbar nicht.

Foto:  Ledertop von Porsche Design

Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Der Artikel liest sich, als ob der Schreiberling nach der Hälfte die Lust verloren hätte. Leder hat einen Absatzaufschwung bekommen, wie in durch den Modetrend fast jedes Material bekommen hat. Dazu wird Leder ''Als Nebenprodukt'' der Fleischindustrie gewonnen. Ich persönlich habe noch niemanden mitbekommen, der Leder wie Wegwerfware behandelt, für diese Argumentation hätte ich wirklich gerne mal Quellen...

Standpunkt
#2  —  31. Juli 2015, 19:14 Uhr

"Die vegane Lebensweise ist tief in unsere Kultur eingedrungen."

Naja, die meisten Menschen in Deutschland essen immer noch gerne Fleisch bzw. tierische Produkte: "Eine Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim zum Fleischkonsum in Deutschland kam 2013 zu dem Ergebnis, dass der Anteil vegan lebender Menschen in Deutschland unter 0,5% und damit unter 400.000 liege." (Wikipedia)

Und das nennt der Autor "tief eingedrungen"?

"Der Mensch, der auf tierische Produkte in seiner Nahrung verzichtet, hat Vorbildcharakter."

Für mich hat dieser Mensch keinen Vorbildcharakter. Er lebt ungesünder, es fehlt ihm das tierische Eiweiß. Ein Bekannter aus der Sportmedizin hat mir versichert, dass die Werte von Vegetariern / Vaganern durchgehend schlechter sind als die der Fleischesser. Mäßiger Fleischkonsum ist gesünder als gar keiner, ja er gehört zur evolutionären Grundausstattung des Menschen!

Ich stimme Ihnen zu, allerdings ist Veganismus in den letzten zwei Jahren unglaublich trendy geworden. Zwei meiner engsten Freunde wurden plötzlich Vegetarier mit starken Hang zum Veganen (zB. Hafer- statt Kuhmilch).

Ich bewundere Leute, die das konsequent machen möchten und andere nicht versuchen zu missionieren.
Allerdings kann ich es nicht mehr hören, dass in den sozialen Netzwerken ständig propagiert wird (und scheinbar hier jetzt auch), dass Menschen, die sich fleischlos ernähren, schlicht die besseren Menschen seien weil sie angeblich immer toleranter sind als Fleischesser. Also ich kenne auch genug Leute, die zwar kein Fleisch mehr essen aber dennoch soziale Totalausfälle sind, wenn es um Empathie geht.
Es ist schlicht verkehrt zu glauben, dass diese Ernährungsweise für jeden in Frage kommt und für jeden der heilige Grahl bedeutet. Gerade Kindern dies aufzuzwingen, die sich im Wachstum befinden, finde ich grotesk.
Alles in allem ist es eben auch nur ein Trend. Wie Pfeiltattoos, diese Plastik-Zopfgummis oder Yoga.

Nein, lieber Kolumnist, Veganertum hat keinen "Vorbildcharakter". Alles andere. Es wirkt bestenfalls wie der im Wortsinne dekadente Versuch, sich selbst zu überhöhen und - wie das meistens mit der pharisäerhaft vor sich her getragenen Scheinmoral ist - dem anderen eine "Mindermoral" zuzuweisen. Mit einem Wort: es ist lediglich eines der Kennzeichen einer reichen, im Wortsinne satten Gesellschaft, die vor lauter Langeweile kaum noch weiß, worüber man sich als nächstes echauffieren könnte.
Und es muss sich auch niemand für den Verzehr von Tieren entschuldigen. Der ist nämlich sehr natürlich - auch das im eigentlichen Wortsinne.
Die gedanklichen, moralischen und vielleicht auch persönlichen Schwächen des Veganers mag man dann als Kolumnist, der ja gegenüber dem Leser die Gestaltungshoheit des jeweiligen Artikels hat, unter den Tisch zu kehren versuchen, es wird aber trotzdem nicht besser.