Von A nach B: Das Kind ist König

Unsere Autorin fährt mit dem E-Lastenrad Winther Kangaroo Luxe über das Tempelhofer Feld in Berlin. Von
Aus der Serie: Von A nach B ZEITmagazin Nr. 29/2015

Meine beiden Kinder gehen nicht gerne zu Fuß, fast könnte man sagen: Sie sind ein wenig faul. Fahrrad oder Laufrad sind keine Lösung, weil wir an einem Berg wohnen und sie noch nicht so gut bremsen können. Also setze ich meine Tochter oft auf den Sattel meines Fahrrads, meinen Sohn dahinter in den Kindersitz, die Taschen kommen vorne in den Korb – und ich schiebe. Weil mir meist nach kurzer Zeit die Arme wehtun, wollte ich schon lange mal ein Kinder-Lastenrad ausprobieren – und zwar eines mit Elektroantrieb, weil ich, nun ja, auch ein wenig faul bin. Die Händlerin von Moghul Rikschas in Neukölln, einem Spezialgeschäft, erklärt mir, das Kangaroo Luxe mit Elektromotor sei eines der besten, weil es so wendig ist. Der Lastenkorb am Lenker schwenkt aus wie die Führerkabine eines Schwertransporters, das Rad neigt sich wie ein ICE T in der Kurve.

Meine Kinder trippeln aufgeregt mit den Füßen, bevor sie einsteigen dürfen. Als wir losfahren, quietschen sie vor Begeisterung über diese fahrbare Loge und bestaunen die vorbeirauschende Stadt wie ein Königspaar. Allerdings ist unser Gefährt recht breit, und auf der Neuköllner Sonnenallee gibt es keinen Radweg (vermutlich weil sie hier andere Probleme haben). Zum Glück ist um zehn Uhr morgens wenig los auf der Straße, die meisten hier schlafen wohl noch. Nur ein Autofahrer hat sich herverirrt, und er hat kein Verständnis für unser königliches Gefährt. "Fahr doch gleich in der Mitte!", ruft er. Ich bin froh, als ich das Tempelhofer Feld erreiche, wo früher der Flughafen war – kein Auto, keine Gefahr. Eine Freundin und ihr Sohn Mika stoßen zu uns. Der sitzt auf seinem blauen Rad mit der Aufschrift "Polizei" und blickt prüfend auf unser Gefährt. Ich trete einmal in die Pedale, dann surrt der Motor, und wir schießen an Mika vorbei. "Ich will auch so ein Gerät!", ruft er uns hinterher. Ein paar Hundert Meter weiter warten wir auf Mika, er nennt mich von nun an "Raketen-Annabel". Wieder zu Hause, beraten er und meine Tochter, ob ihre Ersparnisse für dieses Fahrrad reichen. Meine Tochter bringt ihre Spardose, die recht voll klingt. Leider ist nicht genug drin.

Als wir am nächsten Morgen wieder zu dritt mit meinem alten Rad losziehen, sind meine Kinder sehr still. Sie trauern dem Kangaroo hinterher.

Technische Daten

Rahmen: Aluminium, Leistung Elektromotor: 250 W, Akku: 9 Ah, Höchstgeschwindigkeit: 20 km/h, Schaltung: 8-Gang-Ketten- schaltung, Bremsen: Hydraulische Scheibenbremsen, Basispreis: circa 4.200 Euro

Annabel Wahba ist Redakteurin beim ZEITmagazin

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Als jemand der in Berlin aufgewachsen ist, frage ich mich, von welchen Bergen sie reden, es gibt in Berlin keine Berge. Und fuer Leute die nicht mal eben gut 4000 Euro fuer ein Fahrrad uebrig haben, man kann auf ein normales Fahrrad durchaus einen Kindersitz am Lenker und einen zweiten auf dem Gepaecktraeger montieren und dann damit fahren und zwei Kinder transportieren. Alternativ gibt es diese Kinderlogen auch als Anhaenger fuer ein normales Fahrrad oder aehnlich wie in dem E-Lastenrad integriert, aber ohne Elektromotor, beides ist deutlich billiger. Und in Berlin braucht man wirklich keinen Motor zum Fahrradfahren, auch nicht wenn man zwei Kinder transportieren will.

Klingt nett, aber wäre mir viel zu teuer. Wie andere angemerkt haben, gibt es für den halben Preis schon einen guten Anhänger für zwei Kinder und ein ziehendes Fahrrad (für dreiviertel des Preises meinetwegen ein gutes Ebike) dazu.

Kann man das Lastenrad wenigstens einigermaßen günstig wieder auf Last umrüsten, wenn die Kinder zu groß sind? Zumindest beim Weber Ritschie2-Anhänger gibt es einen Touring-Deckel für 400€ und damit ist der Anhänger dann nicht gleich überflüssig.

HughMann

#3  —  5. August 2015, 14:05 Uhr

Ein Fahrrad mit Elektrofahrrad für 4000 Euro um seine faulen Bälger im Flachland zu transportieren. Sowas nennt man dann wohl wohlstandsverwahrlost.