Die großen Fragen der Liebe: Muss er seinen Freund einweihen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 30/2015

Die Frage: Sam und seine Schwester Astrid treffen sich im Sommer oft in einem Ferienhaus, das ihren Eltern gehört. Astrid ist verheiratet, hat aber immer wieder Liebschaften mit Frauen. Nach einigen Gläsern Wein erzählt sie, dass sie gerade ein Verhältnis mit der Frau von Sams bestem Freund hat. Sam hat Astrids Ehemann noch nie leiden können und gönnt es ihm, dass ihm Astrid Hörner aufsetzt. Aber sein Freund tut ihm leid. Soll er ihm sagen, was er erfahren hat? Astrid scheint sich in den nächsten Tagen nicht mehr daran zu erinnern, was sie erzählt hat. Sie hat Sam nicht einmal Stillschweigen auferlegt. Er fragt sich, was er sich von seinem Freund wünschen würde, wenn er in dessen Lage wäre – und warum Astrid ihm ihr Verhältnis überhaupt gestanden hat.

Wolfgang Schmidbauer: Aufklärungen durch Dritte sind mit Vorsicht zu handhaben. Nicht selten ahnt ein Partner die Untreue des anderen, zieht es aber vor, den Drachen der Eifersucht einzuschläfern. Er hat seine Gründe dafür, die ein Außenstehender nicht plump ignorieren sollte. Problematisch finde ich Sams Ausrede, Astrid habe ihm keine Schweigepflicht auferlegt. Nichts weiterzutratschen versteht sich nach einem vertraulichen Gespräch unter Geschwistern von selbst. Allerdings hat Astrid durch ihr Geständnis auch Sam in eine schwierige Lage gebracht; sie wusste ja von seiner Freundschaft zu dem Ehemann ihrer Geliebten. Wenn Sam noch einmal mit Astrid spricht, wird vielleicht klar, dass ihr Schritt eine Art Probelauf war, aus der Heimlichtuerei herauszufinden.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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