Tennisplatz: Großes Tennis

Nachdem Boris Becker 1985 Wimbledon gewann, waren die Deutschen verrückt nach Tennis. Die Euphorie ist lange vorbei. Ein Besuch auf der einst größten Anlage der Welt.
ZEITmagazin Nr. 30/2015

Von dem spannendsten Tennismatch, an das ich mich erinnere, habe ich keine Bilder im Kopf. Weil ich es nicht gesehen habe. Ich saß auf der Rückbank unseres Autos, eingezwängt zwischen meinen Brüdern, auf dem Weg in den Urlaub nach Österreich. Ungefähr zwei Stunden nachdem wir losgefahren waren, begann in Frankfurt das Spiel Michael Westphal gegen Tomáš Šmíd. Davis Cup, es ging um den Einzug ins Finale.

Nach meiner Erinnerung wurde damals, 1985, das gesamte Match im Radio übertragen, es dauerte fünfeinhalb Stunden. Stunden, in denen Westphal, der Außenseiter, schon fast besiegt war, als er nach zwei verlorenen Sätzen im dritten mit einem Break hinten lag. In denen zweimal der Teppich riss, auf dem er spielte. Den vierten Satz gewann er mit 11 : 9. Der fünfte war noch umkämpfter. Still saßen wir auf der Rückbank und hofften, das Ende noch mitzubekommen, es ging auf Mitternacht zu, und bei der Ankunft hätten wir ins Bett gemusst. Aber genau als Westphal seinen Matchball zum 17 : 15 verwandelte, war unsere Fahrt zu Ende. Alle anderen Reisen nach Österreich waren mir quälend lang vorgekommen, geprägt von nervigen Verhandlungen mit unseren Eltern, die lieber Radio hören wollten statt Drei ???-Kassetten. Aber bei dieser Fahrt gab es keinen Streit. Wir wollten einfach alle Tennis hören.

Ein paar Monate vorher hatte Boris Becker Wimbledon gewonnen. Das änderte alles. Wir sahen die "Schlacht von Hartford", Becker gegen McEnroe im Davis Cup. Wie Michael Chang Ivan Lendl in Paris mit Aufschlägen von unten aus dem Konzept brachte. Die unzähligen Duelle zwischen Steffi Graf und Martina Navrátilová. Wir wussten, dass Stefan Edberg mit seiner Zunge immer so komisch seine Wange ausstülpte, als habe er eine heiße Kartoffel im Mund, und wir konnten die Spieler mit verbundenen Augen an ihrem Stöhnen erkennen.

Es war die große Zeit des Tennis in Deutschland, und von ihr erzählen die Fotos des Tennis Center Keferloh. In den Achtzigern stand die Anlage in der Nähe von München mit 70 Plätzen zehn Jahre lang im Guinness Buch der Rekorde als größte Tennisanlage der Welt, an manchen Tagen spielten hier bis zu 2.000 Menschen. Ivan Lendl bereitete sich in Keferloh auf Wimbledon vor, Steffi und Boris waren natürlich auch mal da. Die Anlage ist bis heute in Betrieb.

Aber die Bilder erzählen nicht nur vom Tennis-Boom, sondern auch von seinem Ende. Der kam, weil ohne Steffi und Boris die Identifikationsfiguren fehlten. Weil plötzlich überall Golfplätze entstanden. Und weil der Fußball sein Proll-Image ablegte. Viele, die in den achtziger Jahren Tennis spielten oder schauten, spielen seit den neunziger Jahren Golf – oder schauen Fußball. Auch ich habe seit vielen Jahren kein Tennismatch mehr gesehen. Wenn ich die Bilder aus Keferloh betrachte, denke ich: Schade eigentlich.

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