Das war meine Rettung "Ich war, halleluja, ein Sorgenkind"

Nach einem ersten Erfolg beschloss der Künstler Erwin Wurm, ganz neu anzufangen. Nur Geld fehlte. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 31/2015

ZEITmagazin: Herr Wurm, Sie setzen in Ihrer Kunst Humor als Waffe ein. Sind Sie in einer humorvollen Familie aufgewachsen?

Erwin Wurm: Mein Vater war ein lebensfroher und herzensguter Mensch. Wenn er gelacht hat, haben die Wände gewackelt, aber er konnte auch streng und jähzornig sein. Meine Mutter war eine sehr liebenswerte, warme und schüchterne Person, die versucht hat, den Haussegen durch Liebe im Gleichgewicht zu halten. Ich war schlimm, frech und habe in der Schule für Stress gesorgt, Gangs gegen die Lehrer gegründet, also echt, halleluja, ein Sorgenkind. Mein Vater war Kriminalpolizist. Er war davon überzeugt, dass man als Künstler schon mit einem Bein im Verbrechen steht. Er wollte, dass ich Polizeijurist werde. Ich habe ziemlich gegen seine Haltung angekämpft, ich musste mich immer wehren, von Anfang an, was aber im Nachhinein nicht schlecht war.

ZEITmagazin: Haben Sie und Ihr Vater sich letztlich zusammengerauft?

Wurm: Ich habe mit ihm viel über seine Vergangenheit gestritten. Im Grunde war er ein Nazi, der seine Gesinnung nie abgelegt hat. Ich muss dazusagen, dass er bei Kriegsbeginn zwölf Jahre alt war, mit 16 hat er sich dann freiwillig gemeldet. Er war der Ansicht, dass das mit den Juden natürlich falsch war, aber diese Anfangsbegeisterung hat er nie vergessen. Ich versuche immer, alles zu verstehen, und habe letztlich erkannt, dass er trotzdem mein Vater bleibt. Er war zu mir immer gut, und dafür liebe ich ihn. So haben wir eigentlich Frieden gefunden.

ZEITmagazin: Das Ankämpfen gegen Ihren Vater war sicherlich ein Kraftakt. Ist das Schaffen von Kunst es auch?

Wurm: Im Atelier führe ich einen gestalterischen Kampf gegen mich. Um die künstlerische Arbeit in Spannung zu halten, muss ich meine Arbeit stets weiterentwickeln, Neues erkunden. Manchmal ist das wie ein elegantes Dahinspazieren, manchmal geht es überhaupt nicht – das ist mein täglicher Kampf, mein täglich Brot, es klingt fast biblisch. Als Student habe ich wie ein Schwamm alles über Künstler und Philosophen aufgesogen, ich wollte so sein wie sie. Das ist mir nie geglückt. Bis es mir irgendwann nicht mehr wichtig war, weil ich durch eine schwere traumatische Zeit gehen musste. Erst danach ging es plötzlich von selber los.

ZEITmagazin: Was war geschehen?

Wurm: Meine Eltern sind beide kurz hintereinander an schweren Krankheiten gestorben. Mein Vater ist 1995 sehr schnell gestorben, meine Mutter habe ich zu mir genommen und sie eineinhalb Jahre lang gepflegt. Dann ist auch sie gestorben, das war sehr hart.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das durchgestanden?

Wurm: Ich habe viel gekämpft und war überhaupt nicht fähig loszulassen. Im selben Jahr kam auch noch meine Scheidung dazu. Ich wollte meine Kinder nicht verlieren und habe sehr gelitten, weil sie mit ihrer Mutter ins Ausland gezogen sind. Da war plötzlich die Kunst ganz nebensächlich. Ich habe eineinhalb Jahre lang nicht gearbeitet. Erst danach habe ich die One Minute Sculptures kreiert.

ZEITmagazin: Das war Ihr Durchbruch: Die Museumsbesucher nehmen für eine Minute von Ihnen beschriebene Posen ein und werden so zu einer temporären Skulptur. Aber auch als junger Künstler waren Sie schon ziemlich erfolgreich.

Wurm: Ja, ich hatte 1984 an einer Gruppenausstellung im Lehmbruck-Museum teilgenommen, zusammen mit Künstlern wie Baselitz, Lüpertz und Rosemarie Trockel. Meine Werke waren eine Gegenreaktion auf die herrschende Lehrmeinung, auf Minimal Art und Pop-Art: anachronistische Holzskulpturen. Aber ich musste entdecken, dass das nicht ich bin. Ich fühlte mich als Künstler nicht mehr frei und. Ich habe trotz des Erfolgs beschlossen, nicht einfach künstlerisch so weiterzumachen wie bisher.

ZEITmagazin: Konnten Sie sich das finanziell leisten?

Wurm: Die Galeristin Ursula Krinzinger hat mir von 1986 bis 1988 jeden Monat 30.000 Schilling, etwa 4.000 D-Mark, gezahlt. Sie meinte nur: "Mach!", und dafür bin ich ihr ewig dankbar. Sie hat mich aufgefangen. Danach haben wir eine Ausstellung gemacht und gut verkauft. Bis ich mich als Künstler gefunden hatte, hat es aber noch fast zehn Jahre gedauert. Es war letzten Endes meine Sturheit, die mich gerettet hat. Es war "zach", wie man in Wien sagt, mühsam, aber es musste sein. Ich wollte, dass meine Arbeit und meine Qualität gesehen werden. Ich musste mir das hart erarbeiten. Meine Arbeiten suggerieren Leichtigkeit und Humor, aber in Wahrheit habe ich sie immer sehr ernst genommen.

Erwin Wurm, 61, stammt aus der Steiermark. Er ist bekannt für seine ungewöhnlichen Skulpturen – etwa für das Einfamilienhaus, das er aufs Dach eines Wiener Museums setzen ließ. Wurm lebt und arbeitet im niederösterreichischen Limberg

 Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren