Frederick Lau "Ich verspürte eine leise Sehnsucht nach etwas, was ich selbst nicht hatte"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 32/2015

Ein Ort ganz für mich allein – davon habe ich schon als Kind geträumt. Ein Platz, an dem ich durchatmen kann. Ich komme aus einer einfachen Familie. Mein Vater war Trödelhändler, er besaß ein Antiquitätengeschäft mit angeschlossener Restaurationswerkstatt. Er hatte ein Faible für schöne Dinge – und alles, was er dafür hielt. Er konnte sich nur schwer von etwas trennen, sei es ein Ball, eine Uhr oder ein Klapprad. Seine Sammelleidenschaft kannte keine Grenzen.

Die Wohnung meiner Eltern war komplett zugestellt. Nicht mit Schund, sondern mit Sachen von Wert. Eigentlich hielt ich mich nur zum Schlafen zu Hause auf. Im Wohnzimmer gab es einen ausziehbaren Sessel, das war mein Schlafplatz. Morgens ging ich zur Schule und blieb danach den Rest des Tages draußen. Meist besuchte ich Klassenkameraden, einige von ihnen wohnten in schönen Häusern mit Pool oder einem Trampolin im Garten. Darauf war ich nicht unbedingt neidisch, aber ich verspürte eine leise Sehnsucht nach etwas, was ich selbst nicht hatte.

Außer einem eigenen Zimmer fehlte es mir als Kind trotzdem an nichts. Meine Eltern setzten alles daran, mich glücklich zu machen. Mein Vater ist 1936 geboren, er stammt aus einfachen Verhältnissen und bekam mich erst spät. Unsere Beziehung ist sehr speziell. Er hat mir einen Sinn für die wichtigen Dinge im Leben vermittelt. Er hat mir Herzensbildung angedeihen lassen, mir einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht.

Als kleiner Junge lief ich mit ihm oft stundenlang durch die Hinterhöfe Berlins. Er erzählte mir etwas über die Klinkerbauten der Gründerzeit, erklärte mir die Details an den Fassaden. Das faszinierte mich. Überhaupt mag ich Dinge, in denen Passion steckt. Für einen schönen Biedermeier-Sekretär kann ich mich viel mehr begeistern als für eine teure Uhr. Das habe ich meinem Vater zu verdanken.

Mit 16 bin ich in meine erste eigene Wohnung gezogen. Sie befand sich nur wenige Straßen von meinem Elternhaus entfernt. Nachdem ich die Schlüssel erhalten hatte, betrat ich mit einem Kopfkissen unterm Arm mein neues Zuhause. Es gab noch keine Möbel, die Wohnung war komplett leer. Ich legte mich mit dem Kissen unterm Kopf auf den Boden, blickte an die Decke und war einfach nur glücklich.

Vor Kurzem habe ich ein kleines Häuschen gemietet. Nicht allein für mich, sondern vor allem für meine Frau und meine Tochter. Nach hinten raus gibt es einen Garten, da haben meine Frau und ich einen Buddelkasten für unser Kind aufgestellt. Erst neulich lag ich bei uns auf der Wiese, ich schaute in den Himmel und fand es wunderschön. Ich musste an meine Schulfreunde denken, an ihre schicken Elternhäuser. Jetzt lag ich in meinem eigenen kleinen Garten, den ich mit meiner Frau bepflanzt hatte. Ich war einfach nur froh und glücklich und auch ein bisschen stolz. Weil ich für meine Tochter den Ort gefunden habe, von dem ich selbst immer geträumt hatte. Ein Ort, der ihr das Träumen ermöglicht.

Frederick Lau, 25, in Berlin geboren und aufgewachsen, ist einer der gefragtesten jungen Schauspieler Deutschlands. Seinen Durchbruch hatte er 2008 mit dem Film "Die Welle". Für seine Rolle in Sebastian Schippers Berlin-Drama "Victoria" ist er mit dem Deutschen Filmpreis als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet worden

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