Die großen Fragen der Liebe: Muss sie ihm die Wahrheit ersparen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 32/2015

Die Frage: Martina lernt Nick auf einer Party kennen. Sie verstehen sich sofort und tauschen Nummern aus. Martina überlegt seit längerer Zeit, ob sie sich aus einer Fernbeziehung verabschieden soll. Sie findet Nick attraktiv und ist traurig, als sie von der Gastgeberin erfährt, dass Nick mit einer Freundin gekommen war. Nick meldet sich am nächsten Tag, er will Martina unbedingt wiedersehen. Auch er ist unzufrieden mit einer Fernbeziehung. Es entspinnt sich eine Affäre. Nick klagt über seine Freundin, Martina hört zu. Nach einigen Wochen erzählt sie dann von ihrem Freund. Nick verabschiedet sich unter einem Vorwand. Am nächsten Morgen kommt eine bittere Mail, er hätte viel lieber nie etwas von einem anderen Mann erfahren. Wie kann Nick nur so unlogisch sein?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Martina muss sich mit einer Schattenseite von Nicks kindlichem Charme beschäftigen. Er denkt nicht viel nach, er handelt nach dem Motto: Meine Eifersucht tut weh, deine Eifersucht ist überflüssig. Gefühle sind nicht gerecht, sondern erst einmal selbstbezogen. Es ist ein langer, stets von Rückfällen bedrohter Prozess, in dem sich Erwachsene das Austausch-Prinzip erarbeiten. Es lautet: Was ich selbst nicht erleiden will, darf ich auch dem Gegenüber nicht zumuten. Der naive Egoismus des Kindes geht in eine ganz andere Richtung: Meine Privilegien sind unantastbar, deine darf ich ignorieren. Wo sie die Liebe nicht zur einzigen machen können, sollten Liebende lernen, mit ihren wechselvollen Liebesgeschichten zu leben.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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