Harald Martenstein Über eine deutsch-russische Beziehung

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 33/2015

Wir waren mit einem befreundeten Paar essen, alten Kollegen. Es handelte sich um ein Lokal im Berliner Westend, das auch bei den Berliner Russen beliebt ist. In Russland scheint es sich so zu verhalten, dass im Laufe des Lebens bei der weiblichen Bevölkerung die Röcke immer kürzer, die Fingernägel immer länger und die Lippen sowie andere Körperteile immer größer werden. Ist das in der Taiga wirklich von Nutzen? Der russische Mann altert eher unauffällig.

Die Frau erzählte, dass sie beide kürzlich bei einem ehemaligen Spitzenpolitiker zum Essen eingeladen waren. Er sei bereits ein älterer Herr, ich glaube, um die siebzig, aber in jeder Hinsicht noch sehr aktiv. Er habe auch eine neue Frau. "Sie ist Russin", sagte die Kollegin, mit einer leichten Schärfe in der Stimme.

"Aha", sagte ich.

"Sie ist aber schon über fünfzig", sagte die Kollegin. "Nein", sagte ihr Mann, "was erzählst du denn da? Auf keinen Fall ist sie über fünfzig. Sie ist sehr nett."

"Wir haben also in deren Garten gegessen. Es war ein ganz normales Abendessen. Nur, sie hatte einen Bikini an. Untenrum war es sogar nur ein Stringtanga. Und, jawohl, sie ist garantiert über fünfzig. Eher sechzig. Wir haben natürlich Abendkleidung angehabt, Kostüm, Jackett und so was. Den ganzen Abend mussten wir uns diese ... na, diese Dinger anschauen." Statt "Dinger" verwendete sie ein anderes Wort.

"Das ist wirklich ungewöhnlich", sagte ich. "Sehr eigenwillig. Wie gut kennt ihr euch denn?"

"So gut nicht!"

"Hat sie denn gesagt, warum sie zum Dinner einen Bikini trägt?"

"Ja. Sie hat gesagt, dass ihr Kleid beim Blumengießen nass geworden ist." Nun herrschte am Tisch einige Sekunden lang nachdenkliches Schweigen.

"Das kann doch jedem mal passieren", sagte der Mann. "Es hatte seit Tagen nicht geregnet. Die Blumen brauchten Wasser."

"Ach", sagte die Frau, "sie hat nur ein einziges Kleid? Die Ärmste."

Der Mann erzählte, was die Russin beruflich tut. Sehr interessant, eine faszinierende Person. Seine Frau hörte das aber gar nicht gern. Sie musste offenbar die ganze Zeit an den Bikini denken, während er sich voll und ganz auf die beruflichen Aspekte konzentriert hat.

Als wir wieder zu Hause waren, wollte ich mich über den Mythos Osteuropäerin informieren und habe festgestellt, dass es sogar ein Fachblatt dafür gibt, es handelt sich um das ZEITmagazin. Bereits zwei Mal sind dort in jüngerer Vergangenheit kleine Essays speziell über die Russin erschienen, beide aus der Feder meines Kollegen Adam Soboczynski. Während im Westen Klugheit in der Regel mit zurückhaltendem Auftreten und entsprechender Kleidung assoziiert werde, herrschten im Osten andere Spielregeln. Schon Thomas Mann habe im Zauberberg die erotische Angriffslust der Russin zum Thema gemacht, die, anders als es der westlich geprägte Augenschein nahelegt, keineswegs unterwürfig oder unemanzipiert sei, sondern "kalt und klug wie eine Sowjetfunktionärin". Begegnungen mit Russinnen endeten für westliche Männer häufig in finanziellen Desastern, der Autor nennt die Namen Mel Gibson, Ron Wood und Lothar Matthäus. Und wenn die Russinnen jetzt tatsächlich die deutsche Politik ins Visier nehmen? Kalt und klug, im Auftrag Putins? Es ist immer wieder beruhigend, zu wissen, dass Deutschland von einer Frau regiert wird.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich wäre aufgestanden und gegangen - Russin hin Russin her.
Selbst in Russland gibt es sowas wie Etikette und Gastfreundschaft.
Wer seine Gäste im -de facto- Eva Kostüm empfängt, sendet damit mehr oder minder eine Botschaft aus:
Ihr seid nicht willkommen, eure Meinung kann mir egal sein.
Oder aber das Fräulein leidet an einer sanften Krankheit, die sie zum ständigen Entledigen ihrer Kleidung nötigt.
In diesem Falle ist natürlich eine kulturübergreifende Form der Nachsicht angezeigt.

"Mit Putin im Busch!"

Teufel noch eins! In welchem Busch!?

Wer diese Bikini-Tangas trägt, hat wohl kaum noch einen Busch. Maximal einen exakt koupierten, floralen Streifen.

Aber dieser Putin ist ein wahrer Tausendsassa. Wo er sich diesmal in schurkischer Heimlichkeit verbarg, die Welt täuschte, die Gutgläubigen an der Nase herumführte, Witwen und Waisen schockierte und Seehundbabys auf den Schwanz tarnt, werden wir wohl wieder erst erfahren, wenn es (wieder ... leider, leider) zu spät ist.

Es ist auch die Art "russischer Männern", die zeigen, was sie haben. Bei uns hat man das bevor das russische Geld der Reichen der Jelzin-Ära die Nobel-Urlaubsorte Europas überschwemmte schlicht als Neureiche bezeichnet.

Natürlich gibt es die Parade-Neureichen auch in Russland und gut möglich, dass die russischen Neureichen noch ein ganzes Stück (neu-)reicher sind als die Neureichen, die wir bis dahin kannten.

Da nun wieder einen russischen Charakterzug draus zu stricken, weil man selbst zu wenig weltläufig ist, um zu erkennen, dass es auch viele andere Russen und Russinnen gibt, die auch wenn sie zeitnah zu viel Geld gekommen sind, nicht als Neureiche auftreten, und am Ende sogar noch den Putin-Twang nicht zu scheuen, gereicht dem Text eher nicht zum Ruhme.

Bei der Gelegenheit, wie reich sind denn nun wirklich die Geissens?
Wikipedia schweigt sich aus.
https://de.wikipedia.org/...
In der Liste der Reichsten Deutschen sind sie auch nicht zu finden.
https://de.wikipedia.org/...