Stilkolumne Läuft gut

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 33/2015

"Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Das sagte Karl Lagerfeld vor drei Jahren. Wenn es stimmt, dann ist in der Mode gerade wenig Kontrolle: Überall gehört die Jogginghose zur Laufstegausrüstung – in allen Varianten: Aus Seide und Kaschmir bei The Row, mit Kordelzugbund bei Jason Wu, und Rick Owens zeigt sie mit tief sitzendem Schritt.

Die Jogginghose entstand in den siebziger Jahren als Teil des Trainingsanzugs. So sollte Sport auch bei niedrigeren Temperaturen möglich sein. Zunächst war die Hose nur auf Sportplätzen üblich. In den achtziger Jahren allerdings wurde sie zum Pop-Phänomen. So sang 1986 die Rap-Gruppe Run DMC den Song My adidas: Run DMC hatte die Sportbekleidung mit den drei Streifen zu ihrem Markenzeichen gemacht. Jogginghosen waren bequem und bedeuteten gleichzeitig Anti-Establishment. Etwas, was Denim damals schon nicht mehr leisten konnte.

Allerdings verschlechterte sich das Image der Jogginghose zusehends. Sie wurde zur Heimuniform der Generation Privatfernsehen. Jogginghosen galten fortan als das bevorzugte Kleidungsstück für Leute, die ihre Wohnung nur verließen, um neue Chips und neues Bier zu holen.

Schneller aber noch als das Niveau des Fernsehprogramms sank das Ansehen formeller Kleidung. Der mit der Jogginghose verbundene Schlabberlook wurde mit den Jahren zum rebellischen Symbol schlechthin. So kleideten sich Menschen, die für sich in Anspruch nahmen, sich nicht an die ästhetischen Bedürfnisse ihrer Umwelt anpassen zu müssen. Mittlerweile wurde daraus eine neue Anpassung – nämlich an die modischen Regeln des Anti-Schicks.

Nebenbei ermöglicht die Jogginghose, dass man einigermaßen sportlich wirken kann, ohne sich zu bewegen. Das Phänomen nennt man im Englischen athleisure. Der Begriff setzt sich zusammen aus athletic und leisure, Letzteres bedeutet auf Deutsch Freizeit. Athletische Kleidung hält Einzug in den Alltag. Jogging- und Yogahosen sowie atmungsaktive Tops werden nun nicht mehr nur in der Fußgängerzone, sondern auch im Büro getragen.

Es dauerte übrigens nicht lange, bis auch Karl Lagerfeld seine modischen Vorbehalte fallen ließ. Zu den Schauen für die vergangene Wintersaison ließ er die Models in pinkfarbenen Jogginghosen aufmarschieren.

Foto: Nicht mehr aus Jersey, sondern aus Kaschmir – Jogginghose von Woolrich, 249 Euro

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