Harald Martenstein: Über späte Väter

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 34/2015

Leute, die immer nur die Bestätigung ihrer eigenen Meinung lesen wollen, kann ich nicht begreifen. Die Meinung, die man selber hat, kann man doch wunderbar selbst aufschreiben. Dafür braucht man keinen anderen Autor. Ein anderer Autor oder eine Autorin ist doch nur dann von Nutzen, wenn er oder sie etwas schreibt, das man selber niemals schreiben würde, nicht mal unter Drogen. Ich lese zum Beispiel wahnsinnig gern die Kolumnen der Schriftstellerin Sibylle Berg, weil ich mich da so schön aufregen kann.

Sie geißelt, am Beispiel des Nachrichtensprechers Jan Hofer, die späten Väter. Hofer ist mit 60 Jahren Vater geworden. Das kommt mir aus meiner Biografie bekannt vor. Frau Berg stellt die Frage, ob Jan Hofer nicht ein "radikaler Egoist" sei. Auf die Idee, es sei egoistisch, einem Kind zum Leben zu verhelfen, muss man erst mal kommen. Wenn man die Leute fragt, ob sie froh sind, am Leben zu sein, hört man meistens ein "Ja". Das Leben als solches ist echt beliebt, derart hohe Zustimmungsraten hat nicht einmal Angela Merkel.

Unter anderem schreibt Frau Berg: "Ein Kind will mit seinem Vater Fußball spielen. Das kann der alte Vater körperlich nicht leisten."

Dieses Argument hört man oft. Ich möchte jetzt mal alle anderen Argumente gegen späte Väter beiseitelassen und mich ganz auf dieses eine konzentrieren, weil es so schön gaga ist. Denn erstens trifft das Fußballargument ja auch auf alle behinderten Väter zu, zum Beispiel solche, die im Rollstuhl sitzen. Die Behinderten dürften sich nach diesem Denkmodell schon mal nicht fortpflanzen, es sei denn, sie sind radikale Egoisten. Die Idee, dass nur die Gesunden und die Starken Kinder haben sollten, steht übrigens generell in einer sehr unschönen historischen Tradition.

Sachlich stimmt es ja auch nicht. Günter Netzer spielt mit 70 sicher immer noch besser Fußball als viele 40-Jährige. Und ich war schon mit 20 ein schlechter Fußballspieler. Am überraschendsten finde ich es allerdings, wenn ausgerechnet eine Frau so etwas Frauenfeindliches und Sexistisches schreibt. Ich dachte immer, ich sei der schlimmste Sexist unter den deutschen Kolumnisten. Aber sogar ich gebe zu: Frauen sind durchaus in der Lage, Fußball zu spielen, einige tun dies sogar recht gut. Die Zeiten, in denen nur Männer Fußball spielen durften, wollen wir, gerade in Deutschland, nie wieder erleben. Wenn ein Kind sich weigert, mit seiner Mutter Fußball zu spielen, nur weil sie eine Frau ist, dann muss in der Erziehung einiges falsch gelaufen sein. Während aber die Mutter mit dem Kind Fußball spielt, kann der alte Vater sehr gut zu Hause kochen, Geschirr spülen und den Tisch decken. Spülen und Tischdecken können alte Männer körperlich immer noch gut bewältigen, ich weiß das. Mein Vater war noch mit fast 90 ein hervorragender Koch und wischte auch im Alter gerne Staub. Sind an Frau Berg denn mehr als 100 Jahre Emanzipationsbewegung und die gesamte Diskussion über Geschlechterrollen spurlos vorübergegangen?

Ein wichtiges Argument für eine späte Vaterschaft ist selbstverständlich die Tatsache, dass man dafür von gewissen Leuten dumm angemacht wird. Das ist auch in der Erziehung ganz wichtig, man muss es dem Kind unbedingt vermitteln: Wenn du von Leuten wegen deines Geschlechts, deines Alters oder anderer Eigenschaften dumm angemacht wirst, dann sag den Leuten, dass du nun mal du bist und dass sie dir den Buckel runterrutschen können. Je älter man wird, desto weniger ist man übrigens in diesem Punkt, dem Dummangemachtwerden, zum Kleinbeigeben aufgelegt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren
Rahnschießt
#3  —  8. September 2015, 10:07 Uhr

Mann, Mann, Martenstein.
Nichts zu sagen, aber die Kolumne muß raus, was?
Junge Frauen lassen sich von alten Männern sofort Kinder machen, weil sie dann abgesichert sind. Warum sonst? Und wenn das Kind dann da ist, ist der Spaß vorbei. Schluß mit Vögeln.
Alte Männer machen jungen Frauen Kinder, damit diese nicht so schnell wegrennen. Schließlich gibt es genug junge Männer, die sich gut anfühlen.
Viele Menschen machen Kinder aus reinem Egoismus. Weil sie glauben, ihr leeres Leben füllen zu müssen. Weil sie was zum Spielen brauchen. Weil sie zu doof zum Verhüten sind.
Jetzt Sie.

Seniorenkick
... und Rahn müßte jetzt schießen, hart an der bio-uhrigen Strafraumgrenze. Und Rahn schießt - naa, ein schlapper Bodenroller, macht nix - er schießt, nein, nicht übers Ziel hinaus, gib mich ... Die Kirsche, diese kleine nasse Runde, wird immer schneller auf dem glatten Rasen - ja, ist denn schon Weihnachten? Die erregten Zuschauer auf den Hängen rasen: Es rast ... ach, es trudelt auf Grosics zu, dieses elegante Fliegenfängerwesen im ungarischen Tor, das die Pillen nur so anzieht. Das hält sie doch mit der Schiebermütze, die Julischka - kommt ja auch von Honvéd, ist bei der Leibesverteidigung. Oh, der matte Helmut rutscht ihr durch (Mutti ist doch nicht beim Häkeln, Räkeln und Jäkeln?!), er zappelt im Netz - das ist ein Abgrund von Fußballfamilienverrat. Tor - halten Sie mich für übergeschnappt - I werd' narrisch - Tor für das vergreiste Deutschland; ja, sind wir denn auf der Weihnachtsfeier? Die Leute pfeifen, diese Deppen ... was muß da gepfiffen werden von der Geheimen Meinungspolizei?! Kopfball - abgewehrt. Rahn kam zu sehr aus dem mosernden Hintergrund. Das Leder hat die Linie nicht überschritten - das sieht doch jeder aserbeidschanische Linien-Fuzzi, soviel Dienst muß sein. Aus, aus, aus - das Spiel geht weiter. Deutschland wird nicht Weltmeister, nicht mehr im Kinderkriegen.
(Hömma, Alder, wennsse schon dieses müde Flachpilsken verzapfst öbba unsan Boss, was der Helmut iss, dann bleibste abba beide platte Wahrheit. Alter schießt mal Tore, mal Torheiten)

der war mal wieder gut ;-)
eine meiner kusinen hatte alte eltern die obendrein beide eine behinderung hatten. nach den gängigen maßstäben hatte sie ein überbehütete kindheit, da das umfeld kaum was andres hergegeben hat. als erwachsene war sie dann genauso selbständig und selbstbewusst wie die anderen auch, hat ihr fach studiert und einen beruf ergrifen und über ihre eltern sagte sie tatsächlich einmal "ich hatte liebe aber alte eltern" ... wenn sie sonst nichts zu klagen hat, ists doch gut ;-)

Es wird sich auch selten ein Kind finden, das sich über die eignen Existenz beschweren wird ;)
Ich habe Freunde, die es jedoch nicht schön finden, sich anfang zwanzig über das Ableben ihrer Eltern Gedanken machen zu müssen.
Bezüglich Behinderungen: Für die physische Gesundheit der Kinder sind jedoch junge Eltern (also Mann und Frau) zu bevorzugen.

Ob eine gute Elternschaft alleine altersabhängig ist, weiß ich nicht.

Grüße