Sophie Rois: "Im himmlischen Strahlenglanz erscheint Christoph Schlingensief"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 34/2015

Heiter und frei, so würde ich die erste Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief an der Volksbühne bezeichnen, man war entzückt voneinander. Das Stück hieß Kühnen ’94 – Bring mir den Kopf von Adolf Hitler, am Silvesterabend 1993 war die Premiere. Damals hielt das noch kein Mensch für Kunst, und das war wundervoll. Don’t you be no artyfarty, come to the real people party!

Etwa ein Jahr nach Christophs Tod im August 2010 hatte ich einen Traum:

Mein geschiedener Mann kommt zu mir und fragt, ob ich nicht eine Übernachtungsgelegenheit für den Papst zurechtmachen könne. Dieser sei auf dem Weg hierher. Ich stimme zu und beginne, ein kleines Zimmer aufzuräumen. Das Zimmerchen sieht ein bisschen so aus wie meine Garderobe in der Volksbühne, die ich vom Kollegen Tomaschewsky übernommen habe: ein wenig muffig-staubig, aber doch ansprechend. Ein Sofa steht an der Wand, ich falte eine Wolldecke, drapiere ein paar Polster, also eher so, als ob ich ein Mittagsschläfchen vorbereiten würde. Aber ich finde, es sieht gastfreundlich und gemütlich aus, ich bin ganz zufrieden und denke, der Papst wird sich hier wohlfühlen.

Doch jetzt kommt der Mann zurück, um alles zu inspizieren, er lacht mich aus, er zeigt auf das Sofa, voller Häme: "Das soll eine Übernachtungsgelegenheit für den Papst sein? Das ist ja wohl ein Witz!"

Ich bin tief getroffen und fange an zu weinen: "Wenn man etwas Besseres für den Papst will, muss man ihm ein Zimmer im Fünf-Sterne-Hotel buchen. Das hier ist das, was ich bieten kann!"

Während ich verzweifelt schluchze, öffnet sich über dem Sofa in der Wand so etwas wie eine Durchreiche aus der Küche, im himmlischen Strahlenglanz erscheint Christoph Schlingensief.

Ich möchte gerne Kontakt zu ihm aufnehmen, aber ich weiß, der ist tot. Ich kann nicht mit ihm sprechen. So hebe ich meine Hand, winke mit den Fingern, denke allerdings dabei: Ach, das wünschst du dir jetzt nur, es gibt keine Verbindung mehr zu ihm.

Doch auch er hebt die Hand, winkt, lächelt, zieht eine Schnute und nickt mir zu, als ob er sagen will: "Mhm, alles gut, mach dir keine Sorgen ..."

Ich erwachte erstaunt und beglückt.

Und noch heute habe ich das Gefühl: Ich habe nicht geträumt, sondern Christoph ist mir im Traum erschienen.

Sophie Rois, 54, ist in Ottensheim in Oberösterreich geboren, am Max Reinhardt Seminar in Wien machte sie ihre Schauspielausbildung und zählt heute zu den bekanntesten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Seit 1993 gehört sie zum Ensemble der Berliner Volksbühne, wo sie in mehreren Inszenierungen des Regisseurs Christoph Schlingensief auftrat. Er starb am 21. August 2010 im Alter von 49 Jahren.

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