Stilkolumne: Stroh zu Gold

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 34/2015

Modekonsumenten sind heutzutage aufgeklärte Menschen. Doch unser Verständnis davon, was Luxus ist, stammt aus längst vergangenen Zeiten. So gilt ein Produkt als umso wertvoller, je schwerer sein Material zu gewinnen ist. Ob es sich um Seide, Vicuña-Wolle oder Krokodilleder handelt, stets definiert die Knappheit des Materials seinen Wert.

Das mag zu Zeiten, als das Transportwesen weniger entwickelt war, gerechtfertigt gewesen zu sein. Exotische Stoffe wurden von weit her mühsam nach Europa verschifft und waren durch andere Materialien nur schwer zu ersetzen. Durch die Globalisierung allerdings wurden diese Hürden mehr und mehr überwunden: Große Entfernungen werden leichter bewältigt, und die Produktionsmöglichkeiten haben sich ausgeweitet. Seide etwa begann man schon im 18. Jahrhundert auch im deutschsprachigen Raum herzustellen. Heute sind seltene Materialien wesentlich leichter zu haben, weil über das Internet der Warenaustausch beschleunigt wird. Wir leben nicht mehr in Zeiten der Knappheit, sondern des Überflusses.

Eigentlich wäre es also an der Zeit, dass die Luxuswelt ihre alten Prinzipien aufgibt und sich neuen Materialien zuwendet. Das wagen bislang nur wenige. Immerhin: Bei Bottega Veneta wird Seide zum Teil durch Polyester ersetzt. Die Designerin Stella McCartney verzichtet aus ethischen Gründen auf Leder und Pelz, sie macht Schuhe aus Segeltuch und Harz. Issey Miyake produziert Mode aus Papier.

Zwei der erfolgreichsten Alternativmaterialien sind allerdings Stroh und Rattan. Dolce & Gabbana präsentiert in seinen Sommerkollektionen regelmäßig aus Rattan oder Stroh geflochtene Taschen. J.Crew hat Strohschuhe im Programm. Charlotte Olympia lässt Rattantaschen in Melonenform flechten.

Solche Materialien wurden übrigens zu Zeiten ärgster Knappheit entdeckt. So musste der italienische Schuhmacher Salvatore Ferragamo im Zweiten Weltkrieg damit zurechtkommen, dass das Leder gänzlich von der Militärproduktion aufgebraucht wurde. Seine Alternative waren Schuhe aus Bast mit Korksohlen. Ähnlich erging es einem Täschner aus Florenz namens Guccio Gucci. Weil Leder knapp war, entwarf er seine Produkte aus Hanf und Leinen, mit Griffen aus Bambus. Seine Bamboo Bag wurde zur Ikone einer Weltmarke: Sogar noch heute ist sie bei Gucci ein Bestseller.

Foto: Geflochtene Strohtasche von Dolce & Gabbana

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren