Gesellschaftskritik Über Karrieren in Hollywood

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 35/2015

Falls sich die Hollywoodstars Ben Affleck und Jennifer Garner nach zehnjähriger, allgemein für glücklich gehaltener Ehe doch noch scheiden lassen sollten (die Nachrichtenlage ist derzeit schwankend), wird der Grund ein Kindermädchen gewesen sein. Die arme Nanny! Wird sie je wieder eine Anstellung bekommen, wenn sie als Schlange gilt, die sich am Busen der Ehemänner nährt?

Indes spricht wenig dafür, dass sich Nanny Christine Ouzounian (28) um ihre sinkenden Berufschancen sorgt. Sie sieht ganz neue Chancen, als Starlet im Unterhaltungsfernsehen oder, wenn alle Stricke reißen, als Autorin eines Bestsellers über die "wahre Natur ihrer Beziehung zu Ben Affleck". Schon jetzt testet sie jede erreichbare Form der Öffentlichkeit, sei es mit Selfies im Internet oder mit Auftritten in Prominentenlokalen. Ouzounian ist kein Kind von Traurigkeit beziehungsweise hat intuitiv die Richtigkeit von Lenins Devise erkannt, dass Probleme "nach vorne" gelöst werden müssen.

Darin unterscheidet sie sich von einer anderen berühmten Geliebten der jüngeren amerikanischen Geschichte. Monica Lewinsky, leider, hat jüngst eingestanden, dass ihre Affäre mit Bill Clinton ihr Leben zerstört habe. Warum fühlt sie, die einst als hübsche Praktikantin im Weißen Haus für den erotischen Komfort des Regierungschefs sorgen durfte, sich nicht frei, ein neues Leben zu beginnen, das von der Prominenz des alten zehrt? Nun ist natürlich ein Staatspräsident etwas anderes als ein Filmstar, und der Verlust seines Amtes markiert eine andere Fallhöhe als eine scheiternde Ehe. Trotzdem fragt man sich, ob eine Lewinsky mit sonnigerem Gemüt und unbefangenerem Zugang zum Buchmarkt nicht doch ein bisserl mehr hätte aus der Sache herausschlagen können – zumal sie in den Augen der Öffentlichkeit bei Weitem unschuldiger dastand als Afflecks Kindermädchen.

Aber ach! Unschuld – der Mangel an Berechnung – ist nun einmal eine Tugend, die sich allhier auf Erden nicht auszahlt, dafür sorgen schon die Medien. Zu allem Überfluss ist Lewinsky intelligent. Sie hat erkannt, dass weder Clinton noch die Staatsaffäre schuld an ihrem Unglück waren, sondern allein die schamlose Neugier der Journalisten. Mit einer solchen Analyse kommt man der Wahrheit näher, nicht aber dem Erfolg. Bleiben wird von ihr das Plädoyer für Mitgefühl und Menschlichkeit, das sie auf einer TED-Konferenz äußerte. Aber auch damit gewinnt sie nur unsere Sympathie, nicht die Anerkennung der bösen Welt.

Kommentare

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Mamba No. 1 ...
Beim Schiller-Jubiläum vor 10 Jahren wurden die Kulturjournalisten maßgeblicher Zeitungen dazu befragt, was der Dramatiker machen würde, wenn er heute lebte. Theaterintendant in Berlin? Leiter eines Goethe-Instituts? Oder gar Edelfeder im Feuilleton eines Hamburger Wochenmagazins?? Ach was - Regisseur in Hollywood (mit Privileg des Final Cut). Und welchen Stoff hätte er sich umgehend gesichert? Klar doch - zwei Frauen konkurrieren um das Alpha-Tier (Charlotte und Caroline lassen grüßen). Clap your hands once and clap your hands twice, diesen Kuß der ganzen Welt - aber mindestens im Oral Office. A little bit of Monica in my life, a little bit of Hillary by my side. Sie müssen sich ja nicht streiten wie die Fischweiber auf Haymarket. "O Dichter, siehst Du in der Fern die beyden, die vom Winde leicht gehoben, beysammen gehn?" (Schiller, Die Horen, 1). And as I continue you know they're getting sweeter ... Doch halt - in Hollywood soll die Nanny die neue It-Queen sein, "Schlange, die sich am Busen der Ehemänner nährt" (JJ). Ein tolles schräges Bild - in der Antike (Fabeln: Aesop, Phaedrus) wird das fast erfrorene Biest nur aufgewärmt; wenn schon Fütterung, dann unter der männlichen Achsel (sub ala, so Satiriker Petronius) oder wenigstens in sinu - was nicht nur "im Busen" bedeutet, sondern auch "im Schoß". Die Schlange als pheromonsüchtige Bite-Queen - a little bite of Nanny is all I need.

Welche Königin des Herzens aber wirklich den Vorzug genoß? "Kleopatra, die üpp'ge, folgt ihr nach". Nackt liegt sie am Nil (laut Schillers eigenhändigen Zeichnungen, "Avanturen des neuen Telemachs") - und nährt die Schlange am eigenen Busen. Eine klitzekleine ägyptische Kobra - schuld an Kleopatras Tod? Seit Klatschbiograph Plutarch wird diese Legende zum Mythos durchdekliniert (von Gifttierforschern längst widerlegt). Die "Schildviper" ist eine Uräus-Schlange, Totem-Tier der Pharaonen - und selbstverständlich auch der Kleopatra. An der "Venus vom Esquilin" ringelt sie sich aber nicht an Busen oder Arm, sondern um eine Amphore (was heißt, daß die Königin von Ägypten auch als nackte Statue in Cäsars Villa die Gäste empfing). Das Doppel-"Meme" von der falschen Promi-Schlange hat allerdings schon Kaiser Augustus geprägt: Beim Triumphzug "wurde ein Bild der Kleopatra selbst und der an ihr haftenden Schildviper einhergetragen" (Plutarch, Antonius, 86). Da müssen die Gewährsleute des Journalisten etwas mißverstanden haben - die Kobra steckte über der Stirn am Kopftuch der Königin. Die Nanny auf den Spuren von Elizabeth Taylor? Wohl kaum.