Harald Martenstein: Über Kinder und Karriere

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ZEITmagazin Nr. 35/2015

Meine Chefin bat mich darum, ein Interview zu machen. Ich hätte dafür nach London fliegen müssen. Inklusive der Vorbereitung und der Schreibarbeit wären drei bis vier Tage draufgegangen. Eher vier. Ich habe gesagt, dass ich mal schaue, ob die betreffende Person sich überhaupt interviewen lässt. Ich hatte Lust auf das Interview, außerdem war mir klar, dass ich in diesem Fall der bestmögliche Interviewer bin. Manche Leute sagen, ich sei arrogant. Das stimmt nicht. Ich bin einfach nur sehr, sehr gut. Das ist von Harry Rowohlt. Ich werde niemals auch nur halb so gut sein wie er.

Dann habe ich nichts weiter unternommen. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in der Medienlandschaft weiß ich, dass 60 Prozent der Aufträge in Vergessenheit geraten, wenn man hartnäckig schweigt. Dieser Auftrag gehörte zu den anderen 40 Prozent.

Die Nachfrage der Chefin beantwortete ich mit einer weitschweifigen Entschuldigung, ein neues Buch kommt raus, wahnsinnig viel zu tun, klappt leider nicht. Hinterher ärgerte ich mich über mich selbst, denn ich hatte gelogen. Ich habe wirklich viel zu tun, aber irgendwie hätte ich das Interview schon noch unterbringen können. Wenn ich gewollt hätte.

Ich wollte aber nicht, weil ich einen kleinen Sohn habe, und das bisschen Zeit, das mir neben den unumgänglichen Verpflichtungen bleibt, möchte ich mit Frau und Kind verbringen. Dafür hätte die Chefin vermutlich Verständnis gehabt. Aber während ich meine verlogene Absage in den Computer tippte, hatte mein Unterbewusstsein Regie geführt.

Was, zum Teufel, habe ich in diesen Minuten empfunden? Dass es unmännlich ist oder unprofessionell, zu sagen, da ist dieses Kind, und das ist mir wichtiger als ein wichtiges Interview? Das wäre doch politisch korrekt gewesen, wann habe ich mal die Chance, etwas politisch Korrektes zu schreiben, und es ist sogar die Wahrheit?

Scheißegal, dachte ich. Ich muss keine Karriere mehr machen. Ich bin eh auf der Zielgeraden, ich kann mir Absagen leisten. Aber was wäre, wenn ich in dem normalen Vateralter wäre, so zwischen dreißig und vierzig? Vermutlich hätte ich es dann gemacht. Als mein älterer Sohn klein war, bin ich dauernd auf Achse gewesen, ich habe viel Geld verdient, und wenn ich nach drei Wochen Reportage für Geo aus der Südsee oder aus Afrika wieder nach Hause kam, hat er mich nicht mehr erkannt. Er hat das inzwischen vergessen, ich hab’s nicht vergessen.

Kürzlich war ich drei oder vier Tage mit dem kleinen Sohn allein, er ist 13 Monate alt. Es war schön, aber es war auch anstrengender als alles, was der Journalismus an Herausforderungen bereithält. Jede Person, die sich täglich um ein Kleinkind kümmert, lacht, wenn sie diese Sätze liest. Klar, es ist hart, auf eine schöne Weise hart, und es ist das Gegenteil von allem, was bei uns als hip, erstrebenswert und vorbildlich gilt – Autonomie, Selbstverwirklichung, Karriere, Mode, Uhren und Schmuck, das kannst du alles für ein paar Jahre vergessen. Man soll Kinder in die Welt setzen, danach soll man diese Aufgabe möglichst schnell an bezahltes Personal delegieren, denn der Job ist natürlich das Wichtigste. Und wenn du was über Liebe erzählst, wenn du das Loblied der Mütter und Väter singst, dann bist du ein gottverdammter Reaktionär, wie ich einer bin. In Berlin gibt es jedes Jahr jede Menge Paraden, Techno, Multikulti, Queer, Hanf, aber eine Eltern-und-Kinder-Parade gibt es nicht, weil die nämlich keine Zeit dazu haben. Ups. Jetzt habe ich womöglich doch wieder etwas politisch Unkorrektes gesagt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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