Gesellschaftskritik: Über Fehlschlüsse

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 36/2015

Adriana Lima, Topmodel aus Brasilien, scheint ein liebenswürdiger Mensch zu sein. Neulich, in einem Fitnessstudio in Miami, fragte sie ein türkischer Boxer, ob er ein Video von ihr aufnehmen dürfe. Durfte er. Er bat sie dann, für das Video ihre Finger zu einem Gruß zu formen: Daumen, Mittel- und Ringfinger gestreckt zusammenführen, kleinen Finger und Zeigefinger hochrecken. Machte sie. Außerdem sollte sie das türkische Wort Bozkurtlar sagen und ein wolfsähnliches Heulgeräusch ausstoßen. Machte sie natürlich auch. Für seine Fans, das kennen wir von der Gesellschaftskritik nur zu gut, tut man ja so einiges. Alles kein Problem also. Dann aber leider doch.

Lima, so erklärte es ihr Sprecher später, habe angenommen, bei dem Handzeichen, um das der Boxer sie bat, handle es sich um "den Gruß seines örtlichen Fitnessstudios in der Türkei". Mit dieser Einschätzung lag sie überraschenderweise nicht ganz richtig. Tatsächlich handelte es sich nämlich um den Gruß seiner örtlichen Faschistengruppe: der rechtsextremen türkischen Organisation "Graue Wölfe", türkisch Bozkurtlar, der Hunderte Morde zur Last gelegt werden. Kurz: Aus der Sicht des jungen Boxers ist das Video ein gelungener PR-Coup, aus Limas Sicht eher so autsch.

Fünf Finger können ja zu allerhand Missverständnissen führen. Allein der Wolfsgruß birgt mannigfaltige Interpretationen: In deutschen Kitas ist er unter dem Namen "Leisefuchs" weit verbreitet und wird benutzt, um den Kindern zu signalisieren, dass sie jetzt bitte mal ganz still sein sollen. Beugt man Daumen, Mittel- und Ringfinger nur leicht, deckt er ein durchaus weites Feld von "Hi" bis "Deine Frau geht fremd" ab, nicht zu vergessen die Heavy-Metal-Szene, wo das Handzeichen mal martialisch "Teufelshorn", mal zärtlich "Pommesgabel" genannt wird.

Lima auf dieses Glatteis zu führen ist natürlich eine ziemlich miese Nummer und ungefähr genauso originell wie die pubertären Scherze, bei denen man Touristen falsche Sätze beibringt, damit sie anschließend "Guten Tag, Sie Vollidiot" für eine höfliche und gebräuchliche deutsche Begrüßungsformel halten. So hat wahrscheinlich auch Lima gedacht, Bozkurtlar heiße "Hallo, Sportsfreund", das Handzeichen sei die Symbolisierung der Yogafigur "Hund" und Wolfsgeheul ein traditionelles türkisches Mantra. Was gegen solche Fehlschlüsse hilft: lieber kurz mal googeln, statt gleich mit den Wölfen zu heulen. Oder einfach ganz, ganz fest an den Leisefuchs denken.

Kommentare

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Bevor Mithat23 hier irgendjemand zum Zweifeln bringt: Die "Grauen Wölfe" sind sehr real. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in mehreren europäischen Ländern. In Deutschland stehen sie mit gutem Grund in mehreren Bundesländern unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes. Wer eine gut recherchierte und produzierte Webdoku dazu lesen/schauen möchte, gehe auf:

http://webstory.zdf.de/gr...

P.S.: Ja, die mit den Grauen Wölfen verwobene MHP ist eine legale Partei. Das sind andere, genauso schmuddelige Parteien hierzulande auch. Die 80 Parlamentsmitglieder sind kein Maß für die Seriösität der Partei, sondern für das Ausmaß von Nationalismus und Extremismus in der Wählerschaft. Wenn die MHP der Demokratie überhaupt irgendeinen Dienst erweist, dann den, dass es ohne sie gegenwärtig nicht möglich wäre, eine absolute Mehrheit von Erdogans AKP zu verhindern.

Gruß, Tezcatlipoca

Der altböse Feind ...
Teuflisch gut sieht sie aus, die Adriana - hat dazu noch den richtigen diabolischen Namen (seit dem schwulen Kaiser Hadrian habe sich das Böse als Häresie in die Frühchristengemeinde eingeschlichen - überzeugte Satanisten denken sogleich wehmütig an Polanskis "Rosemary's Baby" Adrian, das mit den gelben Katzenaugen). Als Assistentin des luziferisch einfühlsamen Adrian Monk hätte sie dennoch nicht getaugt, detektivisch gesehen. Wie kann frau nur den Einflüsterungen eines Boxring-Balzebubs erliegen, wat'n Miami Sch...! Who is afraid of the Big Bad Wolf? Eben - der nette graue Isegrim hat sein mörderisches Image abgelegt, in den Augen unserer, dem wölfischen Grienen auch in freier Wildbahn zugetanen Homo-homini-lupus-Gesellschaft. (Getarnte Faschos und nationalistische Ultras gerade wieder in?!). Vergessen ist Hildchen Knefs mahnende Stimme vom alten Wolf, der langsam grau wird - "heut' sind die jungen Wölfe das, was er einst war", und Adriana das rechte Bählamm, das freudig "möööh" zum altbösen Feind Desinformation blökt. Mann, Mann, lever kühn ein faustischer Pakt mit dem kalt berechnenden Faustkämpfer Adrian. Oder wollte sie gar Hermine für den Steppenwolf sein?! Nee, bloß keine Verirrungen in die geistige Muckibude - Schaf bleibt Schaf. Der Leisefuchs ist es aber, den die schlaue Mutter Gans und die Kita-Gössel fürchten als wahren Würger und Verführer - richtig, Reineke Vos, franz. Rénart le Diable, der einen fuchsteufelswild macht.

Immer wieder erstaunlich, diese Versuche dreister Desinformation. Adriana, das Schaf, war ausdrücklich dazu aufgefordert worden, "Bozkurtlar" in die Kamera zu sagen (das Nachlesen des Artikels hilft!). Wer nachschlägt, stellt fest: Das ist die türkische Selbstbezeichnung der Fascho-Gruppe "Graue Wölfe" - und die sind ultranationalistisch und rassistisch. Beleg: Man schaue sich mal den "Sturm" von Demonstranten auf die Kurdenparteizentrale per Video an. Was zeigen alle rechten Hände? Eben! Im übrigen sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, wie auch bei uns Einschüchterung organisiert wird. Auf die im Seminar angesprochene, historisch unbestreitbare Tatsache, daß die frühen Osmanen (eine halbe Million seldschukischer Krieger) im 12. Jh. in Kleinasien ein Reich "Rum" beherrschten, in denen griechische Romaioi, Armenier und Kurden lebten (etwa 10 Millionen), wurde mir von Studis türkischer und kurdischer Herkunft warnend mitgeteilt, solche Äußerungen seien gefährlich - es gäbe auch "Graue Wölfe" an der Uni.