Das war meine Rettung: "Er stellte sich vor seine geliebten Ruinen, wie ein Kapitän"

Der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet arbeitete viele Jahre in Palmyra. Sein Chef war Chaled al-Asaad, der nun vom IS enthauptet wurde. Schmidt-Colinet erinnert sich. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 36/2015

ZEITmagazin: Herr Schmidt-Colinet, vorletzte Woche wurde ein syrischer Freund und Kollege von Ihnen enthauptet. Chaled al-Asaad war jahrzehntelang für die Ausgrabungen im berühmten Palmyra verantwortlich. Wie erfuhren Sie von der Untat?

Andreas Schmidt-Colinet: Aus dem Internet. Ein Freund, der heutige Generaldirektor der syrischen Antikenverwaltung, verschickte die Nachricht. Wenig später kursierten schon Fotos des Toten, dessen Leichnam vom "Islamischen Staat" an einer Säule aufgehängt wurde.

ZEITmagazin: Seit wann kannten Sie ihn?

Schmidt-Colinet: Ich besuchte ihn 1976, er war Chef des Antiken-Museums in Palmyra. 1980 kam ich nach Syrien, um die Niederlassung des Archäologischen Instituts mit aufzubauen und in Palmyra eine Grabung zu beginnen. So wurden wir Freunde.

ZEITmagazin: In Palmyra zerstört der IS nun seit Wochen Kulturschätze – auch Ihre archäologische Arbeit. Jetzt traf es den Baal-Schamin-Tempel, ein Weltkulturerbe.

Schmidt-Colinet: Ich bin zornig, dass die Staatengemeinschaft weder Syrien noch die Syrer schützt. Der IS will die vorislamischen antiken "Götzenkulturen" auslöschen, also auch die Fundamente unserer westlichen Kultur. Hinterher sollten wir nicht behaupten, das hätten wir nicht gewusst. Das ist wie Hitlers Mein Kampf lesen und leugnen, dass die Juden ausgerottet werden sollten. Chaleds Sohn, sein Nachfolger im Amt, konnte mit seiner Familie Palmyra rechtzeitig verlassen. Aber der Vater blieb. Er war das Oberhaupt einer mächtigen Familie. Er stellte sich vor seine geliebten Ruinen, wie ein Kapitän, der als Letzter von Bord geht.

ZEITmagazin: Verstehen Sie ihn?

Schmidt-Colinet: Ich bewundere seine Haltung und bin sehr traurig. Der IS sperrte ihn ein und folterte ihn, damit er das Versteck von drei Tonnen antiken Goldes verrate. Doch die gibt es nicht. Also wurde er hingerichtet.

ZEITmagazin: Sie verbrachten bis 2010 jedes Jahr mehrere Monate in Palmyra. Waren die Zeiten damals friedlich?

Schmidt-Colinet: So friedlich, wie es in einem totalitären Staat nun mal geht. Wenn der Vater des jetzigen Präsidenten nach Palmyra kam, dann wurde einen Tag vorher unser Grabungshaus besetzt, auf dem Dach schliefen Geheimdienstler mit Kalaschnikows.

ZEITmagazin: Wurde es für Sie selbst auch mal ungemütlich?

Schmidt-Colinet: Ja. Eines Morgens um fünf Uhr – es war während der ersten Grabungskampagne 1981 – hatte ich auf der Hauptstraße von Palmyra einen Unfall mit meinem VW-Bus. Ein Pick-up mit einem beduinischen Fahrer war schuld. Ich, treudeutsch, wollte zur Polizei. Aber er bot an, das unter der Hand zu regeln. Ich wollte nicht, blieb stehen, allmählich kamen Leute aus den Häusern und umringten uns. Da tauchte mein Vorarbeiter, der alte Hadschi Saleh, auf und nahm mich beiseite: Abu Junis – das war mein dortiger Spitzname –, führ dich nicht so auf, das regeln wir selber, wir wecken Chaled al-Asaad.

ZEITmagazin: Den Chefarchäologen? In aller Frühe?

Schmidt-Colinet: Ja. Und dann gab es eine Anhörung der Beteiligten in seinem Büro. Mit dem Ergebnis, dass mein VW in Damaskus repariert werden sollte und der Beduine mir Geld in die Hand drückte. Wenn die Reparatur mehr kosten würde, wollte er das bezahlen.

ZEITmagazin: Haben Sie ihm vertraut?

Schmidt-Colinet: Mir war mulmig. Aber das war dumm. Denn er war ein Scheich in dem mir noch fremden Klientelsystem, das auf Ansehen und Gegenseitigkeit beruht. Jedenfalls: Meine Reparatur kostete weniger als gedacht. Und ich brachte den Rest zurück.

ZEITmagazin: Natürlich!

Schmidt-Colinet: Die Reaktion hätten Sie sehen sollen! Eine Stunde nachdem ich das Geld ins Museum gebracht hatte, erschien mein Scheich dort in voller Montur und umarmte mich wie einen Sohn. Während wir Tee tranken, bauten die Beduinen ein Zeltdorf. Es wurde ein Fest gefeiert, weil der Fremde das Geld zurückgebracht hatte!

ZEITmagazin: Und hinterher?

Schmidt-Colinet: Von da an gehörte ich zur Klientel. Ich hatte mich richtig verhalten und war fortan gut behütet.

ZEITmagazin: Fiel es Ihnen schwer, den Erwartungen innerhalb der Klientel zu entsprechen?

Schmidt-Colinet: Ich musste viel lernen. Die ungeschriebenen Gesetze dieser Stammesgesellschaft waren komplex, und große Familien wie die von al-Asaad funktionierten nach einem Klientelsystem ähnlich wie in der Antike. Er selbst war übrigens Muslim, aber kein strenggläubiger. Sein Lieblingsort war Kasr al-Cher im Osten von Palmyra, ein Omaijadenschloss aus dem 8. Jahrhundert. Seine schönsten Momente, gestand er mir, waren dort draußen unter dem Sternenhimmel, weitab von der Stadt. Daran mag ich mich jetzt erinnern. Es waren glückliche Zeiten.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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