Harald Martenstein: Über die Angst vor Komplimenten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 36/2015

Liebe Julia Rothhaas, Sie sind wie der Tautropfen, wenn er im Licht der ersten Morgensonne in tausend Farben funkelt. Sie haben Geschmack, Esprit, bella figura und Common Sense für drei. Das Kleid aber, das Sie heute tragen, ist der Hammer. Ich schreibe Ihnen dies, weil Sie sich in der Süddeutschen Zeitung darüber beklagt haben, dass Sie keine Komplimente mehr bekommen. Die deutschen Männer hätten inzwischen so viel Angst, bei einem Kompliment nicht den richtigen Ton zu treffen und als Sexist dazustehen, dass sie auf Komplimente lieber vollständig verzichten.

Nach dem Urlaub in Italien hat eine Freundin Ihnen vorgeschwärmt: "Ich habe mich endlich mal wieder als Frau gefühlt, hier schaut dich ja keiner an." Am nächsten Morgen saßen Sie, wie Sie in Ihrem Artikel schreiben, mit einem Kollegen zusammen. Er sagte: "Ich würde dir gerne ein Kompliment machen für das Kleid, das du heute trägst. Aber das darf man in Deutschland nicht mehr." Ihr Artikel bekommt sodann einen leicht verbitterten Ton: "Ein seltsames Land ist es geworden, in dem sich Frauen eine Portion Aufmerksamkeit allein im Urlaub abholen können (...). Die deutsche Männlichkeit presst die Lippen aufeinander und guckt auf den Boden, wenn sie Frauen auf der Straße oder im Büroflur begegnet. Bloß nicht lächeln, bloß nichts sagen, das gilt doch gleich wieder als doofe Anmache. Ist das die Richtung, in die uns der Feminismus hineingetrieben hat? Schöner Scheiß."

Liebe Julia, mit den Komplimenten ist es so ähnlich wie mit den Witzen, es handelt sich immer um eine Gratwanderung, und beides wird immer Geschmackssache sein. Die eine Person findet etwas lustig oder charmant, die andere Person findet es unverschämt und übergriffig. Und beide haben irgendwie recht, oder? Bei Gefühlen dieser Art gibt es kein richtig oder falsch. Wir haben da wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder verzichtet man völlig auf Humor und auf Komplimente, oder man findet sich damit ab, dass beides auch einmal entgleisen kann, und entwickelt eine gewisse Fehlertoleranz. Bei allem, was Menschen tun, unterlaufen ihnen hin und wieder Fehler, wussten Sie das? Ich komme gerade aus dem Garten, Julia, ich habe Zwiebeln gepflanzt. Nur der Himmel weiß, ob ich es richtig gemacht habe. Wenn ich für das falsche Anpflanzen im Internet mit einem Aufschrei des Zwiebelpflanzerverbandes angeprangert werden würde oder wenn ich befürchten müsste, wegen falschen Zwiebelanpflanzens meinen Job zu verlieren, dann würde ich für den Rest meines Lebens von Zwiebeln die Finger lassen, ich schwöre es.

Das Blöde bei der politischen Korrektheit besteht darin, dass immer die Sensibelsten und die Verletzlichsten den Ton angeben. Ich bin sicher, dass jedes Kompliment, über das Sie, Julia, sich freuen, von irgendeiner anderen Frau als sexistisch empfunden würde. Der arme Teufel, der das Kompliment gemacht hat, würde jede Menge Stress kriegen. Denn die Beleidigten sind ja, wenn sie erst mal in Fahrt sind, selber relativ beleidigungsfreudig. Um wieder mal den großen Harry Rowohlt zu zitieren: "Die Unsensiblen sind meist die Empfindlichsten."

Wann hat eigentlich mir das letzte Mal eine Frau Komplimente gemacht? Für meine schicken Hemden, für meine hübsche Frisur oder die sexy Brille? Ach, Julia, ich weiß es gar nicht mehr. Wenn du als Mann ein gewisses Alter überschritten hast, dann ist es, als seist du unsichtbar geworden. Schöner Scheiß. Aber vielleicht haben die Frauen auch einfach nur Angst davor, mir Komplimente zu machen. Es gibt so viel Angst heutzutage.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren
Zielspieler1895
#1.1  —  23. September 2015, 9:46 Uhr

Gibt es schon. Lesen Sie mal Basha mikka. Alte Feministinnen beschweren sich über ihre Unsichtbarkeit jenseits der vierzig. Männer sollen gefälligst den alten Schachtel Komplimente machen. Eine andere Strömung im feminismus will fat accaptance. Also Männer sollen dicke frauen attraktiv finden und folglich komplimentieren.

Sie sehen. Wir sind schon längst weiter. Es gibt im feminismus kein richtiges verhalten für Männer. Deshalb sollten Männer endlich anfangen Feministinnen so zu behandeln, wie sie es verdienen: totale Ignoranz. Deshalb sind deutsche Männer auf einem guten Weg: Stopp Komplimente.

DAS BÖSE
#2  —  22. September 2015, 8:11 Uhr

Da kommt mir eine Idee, Herr Martenstein, ein neuer Geschäftszweig, ein Startup-Unternehmen: Man sollte sich, ähnlich wie eine Pizza, auch ein Kompliment an die Haustür liefern lassen können. 'Call a Kompliment!' Man könnte die Bestellung in verschiedene Kategorien aufteilen, von ganz harmlos (Du hast aber ein schönes iPhone) bis etwas extremer (Du bist das geilste Boxenluder, ich habe verdammte Lust Dich zu fesseln und mit meiner Peitsche zu behandeln..) und alle Variationen dazwischen (Nette Frisur, neues Kleid? steht Dir toll! schickes Auto ...)

Macht 27.50 € plus Anfahrt. Um etwas Spannung in die Sache zu bringen, sollte man auch ein Wildcard-Kompliment ordern können. Dazu empfiehlt sich allerdings, eine Ladung Pfefferspray zu besorgen. Falls es allzusehr daneben ist (Deine Botoxladung fällt fast überhaupt nicht auf!). Oder sich der Komplimentemann tatsächlich in die Frau verliebt hat...

Vielleicht, Herr Martenstein, haben Sie schon länger von Frauen keine Komplimente mehr erhalten, weil diese befürchten Sie könnten sich aus wohlbekannter Höflichkeit heraus (Gentleman der alten Schule, der Sie sind) verpflichtet fühlen, das Kompliment zu erwidern. Und wenn die Erwiderung dann ausfällt wie der Hinweis, dass man als Mann im fortgeschrittenen Alter ja ebenfalls.... nun ja, möglicherweise würde dieser dezente Hinweis nicht unbedingt als sehr schmeichelhaft empfunden.

Aber trotzdem: wirklich nett geschriebene Kolumne, Herr Martenstein ;)