Mode Tagebuch des Begehrens: Über das Kleid einer Anderen

Eine Frau sieht an einer Fremden ein Kleid, das sie unbedingt haben möchte – und erfährt, welch großen Einfluss ein Kleidungsstück auf einen Menschen haben kann. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2015

Auf einem Fest sah ich eine Frau in einem Kleid, das ich auch haben wollte. Es war ein langes, gemustertes Kleid. Es sah bequem und leicht aus, cool und unerklärlich schick. Als ich die Frau danach fragte, sagte sie, das Kleid sei von Isabel Marant. Sie sagte es entschuldigend, mit einem resignierten Lächeln, mit dem sie einräumte, dass das Kleid zwar wie Vintage aussah – es hätte Siebziger-Jahre-Yves-Saint-Laurent sein können oder handgeschneidert –, aber weil es von der Stange einer Designerin kam, war es weniger aufregend, irgendwie geschummelt. Die Tatsache, dass sie all das so schnell und schweigend kommunizierte, war interessant. Wahrscheinlich wurde mir in diesem Moment klar, dass ich dieses Kleid vielleicht auch eines Tages besitzen würde.

Als ich mich am selben Tag mit meiner Freundin C. traf, begegnete mir die Frau noch einmal, und ich unterhielt mich mit ihr. C. kannte sie ein bisschen. Sie lebte auf dem Land, doch sie arbeitete als Stylistin in der Stadt. Ich bewunderte ihr Haar: offen getragen, grau gesprenkelt, und ihr Auftreten: freundlich, nachdenklich, herzlich. Sie trug kein Make-up, und das Kleid, das weit geschnitten war, verlieh ihr eine angenehme Schlichtheit. Wir sprachen über unsere Kinder. In einer Gesprächspause kam ich auf das Kleid zurück und machte ihr noch ein Kompliment dafür. Sie nickte wissend. Dann tat ich etwas, das mich selbst überraschte: Ich beugte mich vor, berührte den Saum des Rocks und bestaunte den leichten, glatten Stoff.

Ich hatte noch nie das Kleid einer anderen Frau angefasst. Einmal einen Pelzärmel, aber ich hatte noch nie diesen begehrlichen Impuls gespürt, zugreifen zu müssen. Ich fragte mich, ob es mit meiner postnatalen Verwirrung zu tun hatte, meinem veränderten Körper. Meine Brüste sind mysteriös, haben Stimmungen und Bedürfnisse und sehen aus wie Tiefseegeschöpfe. Mein Körper gibt neue Gerüche von sich, und wenn ich an meine Stillposition denke, habe ich einen Orang-Utan vor Augen. Obwohl ich fast wieder mein Gewicht von vor der Schwangerschaft erreicht habe, ist meine Beziehung zu Kleidern anders. Ich weiß nicht mehr genau, wer ich bin, und gleichzeitig bin ich definierter denn je. Wenn ich mir früher Kleider ansah, stellte ich mir immer eine Version meiner selbst darin vor. Ein Teil von mir war überzeugt, ich könnte alles tragen und gut darin aussehen, auch wenn Fotos von mir immer enttäuschend waren. Bisher hatte sich das unangenehme Bewusstsein meiner Asymmetrien und Ausbeulungen, meiner als solche empfundenen Makel immer in Grenzen gehalten. Jetzt sehe ich sie und akzeptiere sie, ich weiß nur noch nicht, wie ich sie ankleiden soll.

Ich berührte das Kleid dieser Frau und bewunderte es, dann war der Moment vorüber, die Sonne ging unter, ich wechselte meiner Tochter die Windel und ging nach Hause. Zehn Tage später, nachdem ich häufig an das Kleid gedacht hatte, gab ich "Isabel Marant" bei eBay ein. Ich musste ein paar Seiten herunterscrollen, dann fand ich es. Es kostete 360 Dollar, heruntergesetzt von 1200. Ich las mir die Rückgabebedingungen durch – 14 Tage – und kaufte es.

Ich fühlte mich seltsam, nachdem ich "JETZT KAUFEN" geklickt hatte. Das Ganze ging so schnell. Das Kleid an einer anderen Frau zu sehen, nach seiner Herkunft zu fragen, es zu berühren und mich auf die Suche danach zu machen. Ich hatte noch nie etwas auf diese Weise gekauft, hatte noch nie dieses "Das könnte mir gehören"-Gefühl bei dem Kleid einer Bekannten gehabt. Ich kannte diese Begierde nur, wenn ich Kleider in Zeitschriften oder an Fremden sah, denn es war für mich eine Frage der Fairness, einer Frau, die in ähnlichen Kreisen verkehrte wie ich, das Kleid, das sie zuerst anhatte, zu überlassen. Vielleicht hat es mit meiner Vergangenheit als Leistungsschwimmerin zu tun, auf jeden Fall denke ich häufig in der Kategorie, wer Erster ist.

War es die Geburt meines Kindes, die meine Grundsätze unterwandert hatte? Mein Leben lang hatte ich Schwierigkeiten gehabt, zuzugeben, was ich wollte, und ich hatte mir auch erst im letzten Moment eingestanden, dass ich ein Kind wollte. Offen zuzugeben, dass ich dieses Kleid wollte, war neu für mich. Ich war nervös.

Als das Kleid ankam, legte ich das Päckchen aufs Bett und sah es an. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass die Entdeckung einer anderen gehörte. Ich fragte mich, ob die nette Frau ahnte, wie viel Begehrlichkeit ihr Kleid in mir ausgelöst hatte und dass ich mich tatsächlich auf die Jagd begeben würde, bis ich es gefunden hatte. Hätte ich es auch getan, wenn sie unfreundlich gewesen wäre? Ich fragte mich, ob Männer so etwas mit den Frauen anderer Männer taten. Oder Frauen mit den Männern anderer Frauen.


Die kanadische Künstlerin Leanne Shapton lebt und arbeitet in New York. © dpa Picture-Alliance

Ich öffnete das Päckchen. Zusammengelegt wirkte das Kleid leer und flach. An der Frau war es groß, luftig, fließend gewesen. Der Stoff war sehr zart und dünn, sodass sich das Ganze zu einem Päckchen in der Größe eines Pfannkuchens zusammenlegen ließ. Ich schüttelte es auf. Es war immer noch toll. Ich zog es an. Und verliebte mich aufs Neue.

Ich ließ das Etikett dran, für den Fall, dass ich es mir doch noch anders überlegen sollte. Aber am nächsten Morgen musste ich aufs Passamt und schlüpfte hinein. Es war so glatt und kühl auf meiner Haut. Der Schnitt war ungewöhnlich gut für ein so schlichtes Kleidungsstück; nicht zu viel Stoff an Schultern, Brust und Armen, dafür reichlich von den Achseln abwärts. Ich war mir unsicher wegen der Größe gewesen, aber es passte perfekt. Ich setzte das Baby in die Trage und ging los. Als ich beim Passamt ankam, schwitzte ich, und meine Tochter hatte mir aufs Dekolleté gesabbert. Das Kleid roch noch nach "neuem Kleid": ein Hauch von Kleber; Leim, Garn und Terpentin. Ich hatte Angst, dass meine Tochter daran lutschte, und hielt es von ihrem Gesicht weg, dann machte ich mir Sorgen wegen der Fabrikdämpfe und bereute, es vor dem Anziehen nicht gewaschen zu haben, was ich sonst immer tue.

Nach dem Passamt besuchte ich meine Freundin R. in ihrem Atelier, um einen Kassettenrecorder abzuholen. Wir unterhielten uns und reichten das Baby herum. Als ich mit einer anderen Frau sprach, merkte ich, dass R. das Kleid berührte. Wieder zu Hause, wusch ich es, dann zog ich es sofort wieder an.

Ich trug es auch am nächsten Tag, als ich mit einer Freundin Eis essen ging. Und am übernächsten Tag zu einer Ausstellung in Brooklyn und einem späten Abendessen.

Bei beiden Gelegenheiten fühlte ich mich gut. Gut im Sinne des Bewusstseins, dass ich etwas anhatte, das mir selbst gefiel. Es spielte keine Rolle, ob ich mir selbst darin gefiel. Ich glaube, tatsächlich sah ich in dem Kleid nur ganz nett aus. Ich frage mich, welche Macht ein Designerstück dem Träger schenkt, denn mein Gefühl kann ich nur als Designer-Sicherheit beschreiben. Ich verließ mich auf die Tatsache, dass ich für diese Sicherheit viel Geld gezahlt hatte. Die "Dinghaftigkeit" und der Preis des Kleides gaben mir auf träge Art ein Gefühl von Geborgenheit und Attraktivität – die Sicherheit, zu tun, was andere tun, oder mich in die "Teuer ist gut"-Mentalität einzukaufen. Ich schätze, ich erwartete, dass das Kleid seinen Teil der Bürde trug.

Zu den Details des Kleids: Es ist ein langärmeliges, gemustertes Kleid aus einem Baumwoll-Seiden-Gemisch. Bei den Farben überwiegen Olivgrün und Dunkelblau, das Muster ist unregelmäßig und verworren, ein indisches Jugendstil-Muster, in dem winzige Granatäpfel und Weinranken vorkommen. Es ist knöchellang und vermittelt ein zurückhaltendes, weibliches, leicht hippiehaftes Gefühl. Der fast transparente Stoff macht es sinnlich. Und es hat eine Eigenschaft, die ich bei Kleidern liebe – das platonische Ideal einer Abbildung von etwas zu sein, einer Illustration. Es erinnert an Fotos von David Hamilton, Wales in den Sechzigern, an Woodstock, die frühe Laura Ashley, Bibliotheken und Flohmärkte. Dazu kommt etwas Durchscheinendes, Französische-Siebziger-Jahre-Mäßiges, als müsste es ein bisschen riechen, warm und gut, nach Körper.

Die Vorstellung, dass zwei Frauen im gleichen Kleid auftauchen, ist immer für ein Drama gut. Es wird als Fauxpas gehandelt, in Filmen und Geschichten als Schockmoment dokumentiert und seit Neuestem noch effektiver in der grausamen "Wem steht es besser?"-Rubrik in Frauenzeitschriften gebrandmarkt. Eine Frau muss nur das gleiche teure Kleid wie eine andere besitzen und es Wochen später an einem anderen Ort anziehen, schon wird sie im fotografischen Vergleich an den Pranger gestellt.

Was ich in dem Kleid spürte, war eine tiefe Angst, der Frau zu begegnen, die ich um das Kleid beneidet hatte, und auch C., die dabei gewesen war, als ich es zum ersten Mal sah. Ich kann meine Furcht nicht anders beschreiben als die, in flagranti dabei erwischt zu werden, dass ich, was das Anziehen anging, keine eigenen Ideen hatte. Und wie konnte es anders sein, am vierten Tag mit dem Kleid begegnete ich C. in dem Café, in dem ich mit meiner Freundin A. verabredet war.

Als ich C. am anderen Ende des Raums entdeckte, stieg zunächst Panik in mir auf, dann Erleichterung, mein Geständnis hinter mich bringen zu können. Ich deutete auf das Kleid, als sie auf mich zukam, und erklärte: "Ich habe es gefunden!"

"Du hast es gefunden", sagte sie. Dann erzählte sie, dass sie für meinen Geburtstag im Internet danach gesucht hatte. Sie berührte es und fragte, ob sie es sich irgendwann mal ausleihen könnte. Wir erzählten A. von dem Kleid auf dem Fest. Sie bewunderte es und sagte, dass es perfekt aussah und dass sie es auch haben wollte und bald ebenfalls danach suchen würde.

Am Abend trug ich es zur Abschiedsparty meiner Freundin P. Wir hatten im letzten Jahr Schwierigkeiten miteinander gehabt, und als ich überlegte, was ich am Abend anziehen sollte, wählte ich das Kleid als eine Art Rüstung aus.

Ich nahm meine Tochter im Tragetuch mit, was mir noch mehr Schutz gab. Die Wärme ihres kleinen Körpers war tröstlich, und weil der Stoff des Kleids so dünn war, hielt sich das Schwitzen in Grenzen. Bei meiner Ankunft sagte mir P., dass ein Mann, mit dem ich vor zehn Jahren zusammen gewesen war, nicht zur Party käme, solange ich da sei, sondern warten würde, bis ich wieder weg sei. Zusätzlich zu den Spannungen zwischen P. und mir warf diese Nachricht einen unangenehmen Schatten auf den Abend. Meine Tochter schlief an meiner nervösen Brust ein. Ich blieb noch eine Stunde, obwohl ich spürte, dass meine Anwesenheit für Spannung sorgte. Als ich sah, wie P. und eine andere Frau mich flüsternd ansahen, ging ich deprimiert. Auf dem Heimweg schickte ich SMS-Nachrichten an zwei meiner Freundinnen, die in Korea waren, und schrieb, dass ich sie vermisste. Zu Hause badete ich meine Tochter und legte sie ins Bett, zog das Kleid aus und pumpte Milch ab.

Am nächsten Tag hatten wir eine lange Autofahrt vor uns, mit einer Stillpause an der Tankstelle. Wieder zog ich das Kleid an. Mein Mann und ich trafen uns mit J., einem befreundeten Maler, zum Mittagessen und redeten über die Sehnsucht nach Vergangenem. Ich erzählte ihm von dem Kleid – dass ich wünschte, ich hätte es in einem Secondhandladen entdeckt und es wegen der Ähnlichkeit zur perfekten Version eines Secondhandkleids gekauft. Als wir gingen, berührte er das Kleid und meinte, es sei wirklich ein sehr schönes Kleid.

Am frühen Abend kamen wir bei unseren Freunden an, im Regen. Inzwischen fühlte sich das Kleid wie ein Teil von mir an. Ich hatte es ganz vergessen, was ich als Zeichen für seine vollständige Integration in meinen Kleiderschrank nahm, auf die Art, wie F. Scott Fitzgerald in Bernice schneidet ihr Haar ab eine Figur so etwas sagen lässt wie: Wenn du dir darüber bewusst bist, was du auf einer Party anhast, hast du die falsche Wahl getroffen. Der Stoff tröstete mich, und die kühle Brise spielte mit dem Rock. Ich wusste, es roch nach Milch und Babykotze und mir und Auto, aber ich ließ es noch ein paar Stunden an, bekleckerte es versehentlich mit Pulled Pork und Krautsalat, bis ich es schließlich auszog, um ein Bad zu nehmen, und dann ins Bett ging. 

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frauen und Kleider. Was wir tragen, wer wir sind" von Sheila Heti, Leanne Shapton und Heidi Julavits in der Übersetzung von Sophie Zeitz, erschienen im S. Fischer Verlag

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Ich hätte nicht gedacht, dass Frauen so extrem intensiv Probleme erfinden können, wie es die Autorin dieses Artikels hier tut, obwohl ich diesbezüglich einiges gewöhnt bin. Warum fragt sie nicht ihren Mann, sie hat doch einen? Es ist doch wichtiger was er denkt als das, was die Freundinnen denken, vor allem jene, die Stress machen? Oder ist die Meinung des Mannes so unwichtig? Für mich ist der ganze Artikel ein Werk vom Typ "wie kann ich ein Problem aus etwas machen, wo es kein echtes Problem gibt?"