Körpersprache: Lob des Zuppelns

© Jonas Lindstroem
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ZEITmagazin Nr. 36/2015

Als ich ein Kind war, trug meine Mutter manchmal ein Nachthemd, an das ich mich genau erinnere. Wenn sie es anhatte, kuschelte ich mich an sie, griff nach dem Stoff und rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Nach kurzer Zeit wurde er ganz weich. Auch wenn dieses Nachthemd scheußlich aussah – weißer Jerseystoff mit grünen Streifen wie ein Krankenhaus-Nachthemd – für mich gab es nichts Schöneres auf der Welt.

Kleidung ist unsere zweite Haut. Sie sorgt dafür, dass wir uns in unserer eigenen wohler fühlen. Werden wir nervös oder unsicher, halten wir uns buchstäblich an unserer Kleidung fest: Wir zuppeln am Ärmel, streichen den Rock glatt, spielen am Ohrring. Sind wir nervös, weil wir während eines Gesprächs den Faden verlieren, zupfen wir imaginäre Fusseln weg oder fahren an der Hosennaht entlang. Es sind Gesten, die wir reflexhaft machen und die unserem Umfeld etwas über uns sagen.

Der Psycholinguist David McNeill von der University of Chicago bezeichnete in seinem in den neunziger Jahren erschienenen Standardwerk Hand and Mind die Geste als in Bewegung übertragene Gedanken: Sie funktioniere wie ein Textmarker, der das Gesagte unterstreiche. Aber die Geste sei auch eine Art Fenster zum Geist, das darüber Auskunft gebe, was der andere denkt. Die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy von der Harvard Business School glaubt, dass wir manche Entscheidungen ausschließlich von der Körpersprache unseres Gegenübers abhängig machen, also davon, ob wir jemanden sympathisch finden oder ihn für qualifiziert halten. Charakter und Kompetenz seien dabei praktisch Nebensache.

Die Körpersprache zu beherrschen ist ein Ziel, so alt wie die Menschheit: Schon in der Antike war die gestische Rhetorik eine Kunst, man nannte sie Actio. Bei öffentlichen Vorträgen wollte man nicht nur mit Worten (Pronuntiatio) überzeugen, sondern auch mit der Körpersprache.

Heute, in einer Welt, in der Perfektion das höchste Ziel ist, können erzählerische Gesten geradezu beängstigend wirken. Sie geben etwas von uns preis – was und wie viel, haben wir nicht unter Kontrolle. Wir zeigen mit unserem Körper Gefühle, die wir nicht zeigen wollen.

Vor allem von Frauen verlangt man, dass sie ihre Gesten kontrollieren. Eine Armee von Experten rät uns dringend, uns körpersprachlich nicht kleiner zu machen, als wir sind. Beine übereinanderschlagen, die Arme nah am Körper halten, die Hände unter die Oberschenkel schieben: Selbstsicher wirkt das nicht.

Aber was ist eigentlich so schlimm an Unsicherheit und Verlegenheit, dass man diese Gefühle um jeden Preis verbergen muss?

Die amerikanische Forscherin und Professorin für Sozialarbeit Brené Brown hat jahrelang zu ebenjenen Emotionen geforscht. Sie sagt, dass Verletzlichkeit erst die Voraussetzung dafür ist, dass wir Liebe, Zugehörigkeit und Freude empfinden können. In ihrem Buch Verletzlichkeit macht stark, das in den USA zum Bestseller wurde, schreibt sie, Verletzlichkeit habe mit Schwäche nichts zu tun. Wenn wir loslassen von der Person, die wir sein wollen, und annehmen, wer wir sind, können wir ehrliche und damit stabile Beziehungen eingehen. Und so tatsächlich geschützter sein.

Amy Cuddy, die Meisterin der kontrollierten Körpersprache, zeigte bei ihrem TED Talk Mut: Als sie zum Ende ihres Vortrags beschreibt, wie sie nach einem schweren Autounfall wieder zurück ins Leben fand, bricht ihre Stimme. Sie hält inne, fasst sich verunsichert ins Gesicht, das Publikum klatscht. Ein berührender Moment, bei dem es schwer ist, keine Gänsehaut zu bekommen. Auch das ist sicher ein Grund, warum das Video bislang 27 Millionen Mal angeklickt wurde.

Es ist also eine Frage, wie wir mit unserer Unsicherheit umgehen. Akzeptieren wir sie und die Tatsache, dass eine Geste etwas über uns und unser Seelenleben verrät, entspannen wir uns sogar. Der Persönlichkeitstrainer Frank Wittke, der sich mit der Bedeutung der Körpersprache beschäftigt, schreibt nervösen Gesten eine wichtige Funktion beim Stressabbau zu.

Die Berliner Textildesignerin Nadine Goepfert, die den unbewussten Umgang von Frauen mit der von ihnen getragenen Kleidung untersucht, glaubt, dass Material und Schnitt eines Kleidungsstücks einen starken Einfluss auf die Körpersprache haben. "Wir bewegen uns in einem Kostüm anders als in einer Jogginghose", sagt die Designerin. Seitdem wir nicht mehr zum Schneider gehen, um unsere Kleidung an uns anpassen zu lassen, versuchen wir, in die Kleidung zu passen. Wir quetschen uns in Skinny Jeans und hoffen, selbstbewusst zu wirken. Wir ziehen Schuhe an, in denen wir nicht gehen können. Aber es ist kaum möglich, gut auszusehen, wenn man sich nicht gut fühlt.

Täglich klicken wir uns durch die Welt der schönen Dinge. Den Vergleich zwischen uns und den perfekten Körpern und der Kleidung nicht zu ziehen: unmöglich. Dabei vergessen wir, dass mehr dazugehört, als die langen Beine oder die perfekte Handtasche zu haben. Wir müssen den Mut haben, uns gut zu fühlen, wie wir sind. Nur dann sehen wir auch gut aus.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

"Vor allem von Frauen verlangt man, dass sie ihre Gesten kontrollieren."

Nein, das verlangt man streng genommen eher von Jungs! Wir haben die Geschlechterbilder "stoischer Mann" und "emotionale Frau". Um dem zu genügen, müssen wir Jungs lernen, unsere Gefühle nicht durch Gesten zu verraten ("Indianerherz kennt kein' Schmerz!"). Nicht, dass Jungs/Männer keine Gefühle hätten, aber: Wer verletzlich wirkt, ist ein Mädchen [na, das ist doch mal ein Satz].

Im Schnitt wird daher vermutlich die Frau die informellere, persönlichere Gestik haben. Dann kommt eine Horde Experten und sagen ihr, dass sie _sofern_ sie beruflich erfolgreich sein will, sie ebenfalls ihre Gestik kontrollieren muss. Das kann stimmen oder auch nicht. Ich tippe auf "nicht".

Dies ist also tatsächlich ein Gender-Thema. Aber es geht darum, dass man von Männern etwas _verlangt_, was man Frauen bloß _als Tipp_ "für die männliche Arbeitswelt" gibt. Da es in diesem Artikel also wahrscheinlich eher um mich geht, beziehe ich diese Konklusion mal auch auf mich:

"Wir [Männer!] müssen den Mut haben, uns gut zu fühlen, wie wir sind. Nur dann sehen wir auch gut aus."

und sage: "Danke, Frau Krieger! Werde ich tun!"