Die großen Fragen der Liebe: Hat das Eigenheim ihn zum Pedanten gemacht?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 36/2015

Die Frage: Als das zweite Kind kam, wurde die Stadtwohnung für das Lehrer-Ehepaar Petra und Martin zu eng. Martin kommt vom Dorf und will schon lange ins Grüne ziehen. Petra kann sich das zuerst nicht vorstellen, sie ist ein Stadtkind. Martin setzt sich durch. Sie finden ein bezahlbares Reihenhaus, verschulden sich und ziehen in die eigenen vier Wände. "Mein Mann müsste doch jetzt glücklich und entspannt sein", klagt Petra bald danach gegenüber einer Freundin, "aber er ist ein schrecklicher Pedant geworden. Der Parkettboden ist ihm wichtiger als der Besuch, er fuchst um jeden Cent, und neulich hat er unseren Ältesten zur Schnecke gemacht, weil der den Ball in den Rosenbusch kickte. Wie eigenartig – ich genieße das Haus viel mehr als er, obwohl ich es gar nicht haben wollte!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es quält uns, wenn Wünsche unerfüllt bleiben. Aber auch ihre Erfüllung schafft Probleme. Sie weckt Erinnerungen und bisher verborgene Identifizierungen, die erst auftauchen, wenn die Fantasie Wirklichkeit geworden ist. Martin hat sich ganz nach dem Spruch "Stadtluft macht frei" von seinem pedantischen Vater entfernen können, solange er mit Petra in einer Mietwohnung lebte. Jetzt fühlt er sich plötzlich verantwortlich. Er verwandelt sich in einen Hausvater, der ängstlich bewahren will, und wird seinem Vater ähnlicher, als es sich Petra jemals vorstellen konnte. Sie sollte sich ihre Freude am Haus nicht nehmen lassen, Martins Zwanghaftigkeit aber nicht entwerten, sondern ihn daran erinnern, dass er auch anders sein kann.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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