Marine Vacth: "Ich ziehe jeden Tag dasselbe an"

© Bodo George
Die französische Schauspielerin Marine Vacth zeigt uns, wie das, was wir tragen, uns verwandelt. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2015

London, Mitte Juli, in der menschenleeren Lobby eines überteuerten Hotels. Marine Vacth kommt herein. Sie ist von einer so elfenhaften Erscheinung, dass selbst der Hipster-Kellner kurz in Bedrängnis gerät, als sie mit sehr leiser Stimme eine ganz bestimmte Sorte grünen Tee bestellt.

"Den haben wir leider nicht", sagt der Kellner, untröstlich.

Am Tag zuvor wurde Marine Vacth zehn Stunden lang fotografiert. Sie hatte zwölf verschiedene Kleider an, Perücken, die ihr ab- und wieder aufgezogen wurden, eine Make-up-Schicht legte sich über die andere. Alles hat sie mit Gleichgültigkeit ertragen wie ein Pudel einen Schönheitswettbewerb: anmutig, aber ohne eigene Ambition.

Im Laufe unserer Unterhaltung wird ihre Stimme kräftiger, sie lacht sogar. Sie schnäuzt sich laut und ausführlich in ihr Taschentuch, was man sich hinterher auf dem Aufnahmegerät noch mal anhören kann. Das Ätherische, das sie zu umgeben scheint, fällt von ihr ab wie ein Kleid. Wahrscheinlich wirkt sie vor allem deshalb so geheimnisvoll, weil sie begriffen hat, dass ihr Gesicht so besonders ist: Es ist energiesparend, einfach nur teilnahmslos zu gucken und zu schweigen – die Leute finden sie trotzdem hinreißend.

Marine Vacth, 24, ist die Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Buchhalterin und Trägerin des braunen Gürtels im Judo, und etwas ganz anderes wollte sie, wenn ich sie während des Gesprächs richtig verstehe, auch nie sein. Sie gilt inzwischen aber, nach Jahren als Model, als eine gefragte Schauspielerin in der riesigen Filmindustrie Frankreichs. Dort lässt man sich zwar nicht wie in Hollywood die Zähne mit Keramik verblenden, ist aber nicht weniger ruhmsüchtig. Marine Vacth ist also eine gute Gesprächspartnerin, wenn man über Kleidung und Verkleidung sprechen möchte.

ZEITmagazin: Was sehen Sie, wenn Sie sich auf diesen Bildern sehen?

Marine Vacth: Nicht besonders viel, ehrlich gesagt.

ZEITmagazin: Wirklich?

Vacth: Ich bin jetzt schon seit ein paar Jahren Model. Ich habe da inzwischen einen sehr distanzierten Blick.

ZEITmagazin: Haben Sie sich eine Figur vorgestellt während der Aufnahmen, oder eine Geschichte?

Vacth: Nein, eigentlich nicht. Die Geschichte erzählt sich vor allem über die Kleidung, die Perücken, das Make-up. Ich habe das Gefühl, dass es eher der Fotograf ist, der die Geschichte erzählt.

ZEITmagazin: Wie finden Sie in diese Rollen hinein, wenn Sie sich dabei nicht Charaktere vorstellen?

Vacth: Ich kann es nicht erklären. Ich gucke den Fotografen an, er guckt mich an, und dann passiert etwas. Ich folge ihm in die Richtung, in die er gehen will, wobei ich nichts mache, worauf ich keine Lust habe. Das ist auch schon alles.

ZEITmagazin: Mich erinnert die Frau auf den Bildern ehrlich gesagt an, Pardon, eine Prostituierte in einer Spelunke ...

Vacth: Das gefällt mir so an der Fotografie: dass jeder etwas anderes sieht. Aber stimmt, jetzt, wo Sie es sagen, ein paar Bilder könnten so wirken, das mit den Strümpfen. Ich habe aber überhaupt nicht daran gedacht.

ZEITmagazin: Es liegt natürlich nahe, dass ich diese Assoziation habe, weil Sie in dem Film Jeune et Jolie, mit dem Sie vor zwei Jahren schlagartig bekannt wurden, eine junge Frau gespielt haben, die sich für Sex bezahlen lässt. Es war eine starke Rolle, es wurde viel über den Film gesprochen, auch weil Sie darin die meiste Zeit praktisch nichts anhaben. Haben Sie Angst, dass die Leute Sie darauf jetzt festlegen, so wie ich es gerade vielleicht getan haben?

Vacth: Der Gedanke kommt mir ab und zu. Aber ich mache mir deshalb keine Sorgen. Die Leute haben ihre Meinungen. Ich mache Filme, die mich interessieren, ich denke nicht zu viel darüber nach, in welche Schublade die Leute mich danach stecken.

ZEITmagazin: Jetzt kommt ein neuer Film mit Ihnen heraus: Belles Familles von Jean-Paul Rappeneau, inzwischen 83, einer großen Figur des französischen Kinos, er hat das Drehbuch von Zazie geschrieben und bei Cyrano de Bergerac Regie geführt.

Vacth: In Belles Familles spiele ich eine ganz andere Rolle. Zum einen spreche ich ziemlich viel in dem Film, das ist schon mal was Neues. Und zum anderen ist meine Figur gut gelaunt, witzig, direkt, sie nimmt nichts so richtig ernst.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich im Film spielen sehen, haben Sie darauf auch einen so nüchternen Blick?

Vacth: Nein! Mit meinen Filmen ist es ganz anders. Es berührt mich, wenn ich mich selbst in einem Film sehe, allerdings auf unangenehme Art und Weise. Ich kann es kaum aushalten.

ZEITmagazin: Weil es Sie in Verlegenheit bringt, sich spielen zu sehen?

Vacth: Ich weiß nicht, warum. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mich so bewege, wie ich mich bewege, vielleicht liegt es auch an der Stimme. Ich gucke den Film also nach der Postproduktion einmal, und dann war’s das. Ich mag es auch nicht, bei Interviews gefilmt zu werden. Wenn ich eine Rolle spiele, dann ist es etwas anderes, dann erzähle ich nicht meine Geschichte. Beim Interview erzähle ich ja von mir, es sind meine eigenen Worte, die aufgezeichnet werden. Ich führe Unterhaltungen lieber ohne Kamera, das lässt mir mehr Freiheit. Ich suche nach Ausdrücken, richtigen Formulierungen.

ZEITmagazin: Sie waren 14, Schülerin in einem Pariser Vorort, als Sie mit dem Modeln angefangen haben. Waren Sie ehrgeizig?

Vacth: Ich habe es nie geschafft, zu sagen: Ich bin ein Model. Ich habe Schwierigkeiten mit diesen Bezeichnungen. Es fällt mir auch heute schwer, zu sagen: Ich bin Schauspielerin. Ich wollte weder das eine noch das andere sein, also, es waren keine Traumberufe für mich. Jeune et Jolie war mir als Film sehr wichtig, ich habe ihn mit großer Leidenschaft gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich selbst auch eine Geschichte erzählen will. Aber davor ist alles immer einfach so passiert. Es kommt mir manchmal so vor, als hätte ich mir etwas erschlichen.

ZEITmagazin: Was meinen Sie?

Vacth: Ich kann es nicht gut erklären. Es ist doch so: Man ist irgendwo, dann ist da noch jemand anderes, und dann passiert etwas oder auch nicht. Cédric Klapisch wusste nicht, ob er für seinen Film Mein Stück vom Kuchen ein Model oder eine Schauspielerin wollte, also hat meine Agentur mich gefragt: Interessiert dich das? Das war 2010. Ich war neugierig, und Cédric Klapisch macht nette Filme, also gucke ich es mir mal an, dachte ich. Dann war ich irgendwann auf dem Cover von Libération Next, weil ich zwischendurch eine kleine Rolle in einem Film von Alexandre Arcady hatte, und das Bild hat François Ozon gesehen, und so kam ich zur Rolle in Jeune et Jolie. Man kann die Dinge nur bedingt beeinflussen. Das gilt überhaupt fürs Leben. Aber vor allem für die Arbeit, die ich mache. Es hängt sehr viel von Begegnungen mit anderen ab.

ZEITmagazin: Ich möchte mit Ihnen gern über Kleidung und Verkleidung sprechen. Mir ist aufgefallen, dass Sie auch dann Hosen tragen, wenn andere Frauen die Gelegenheit nutzen, ein Kleid anzuziehen. Bei Premieren erscheinen Sie in Jeans, was doch recht ungewöhnlich ist, oder?

Vacth: Stimmt. Ich finde es sehr weiblich. Ich trage gern Hosen.

ZEITmagazin: Ist es auch Schüchternheit? Eine Weigerung, sich zurechtzumachen?

Vacth: Nein, ich fühle mich einfach wohler. Ich fühle mich weniger verletzlich.

ZEITmagazin: Haben Sie einen Stylisten?

Vacth: Nein. Einige, mit denen ich für Shootings oder so gearbeitet habe, haben gesagt, wenn du mal jemanden brauchst, sag Bescheid. Aber ich habe nie angerufen.

ZEITmagazin: Wie suchen Sie Ihre Kleidung aus, wenn Sie öffentlich auftreten?

Vacth: Mein Agent weiß, welche Modehäuser mir gefallen. Er trifft eine Vorauswahl, ich suche mir was aus. Ich habe keine Lust, mir alle Lookbooks selbst anzugucken. Manchmal sehe ich auch was, das mir gefällt, das sage ich dann meinem Agenten.

ZEITmagazin: Sie müssen das Bild gut kennen, das Sie abgeben.

Vacth: Um ehrlich zu sein, ist es für mich vor allem wichtig, wie ich mich in einem Kleidungsstück fühle. Ich kleide mich nicht, damit die Leute dies oder das denken. Obwohl ich natürlich weiß, welche Wirkung ein Kleidungsstück haben kann. Aber ich kleide mich zu meinem persönlichen Vergnügen.

ZEITmagazin: Sehen Sie manchmal Bilder von sich, bei denen Sie denken: Gott, wie konnte ich nur?

Vacth: Ich mag Zeitloses, Elegantes, Unauffälliges, Fließendes. Mein Geschmack ändert sich nicht oft. Vielleicht taucht plötzlich eine Farbe in meinem Kleiderschrank auf, die da vorher noch nicht war. Aber sonst ...

ZEITmagazin: Ich denke, das ist doch die schwierigste Art, sich zu kleiden: wenn ich von meiner Kleidung möchte, dass sie meine Persönlichkeit widerspiegelt. Die eigene Persönlichkeit ist ja etwas, was man sein Leben lang nicht durchschaut. Und dann soll man vor dem Kleiderschrank oder im Laden stehen und wissen, welches Kleidungsstück dieses widersprüchliche Wesen, das man nun mal ist, am besten zum Ausdruck bringt. Das scheint mir ein nicht erfüllbarer Anspruch an Kleidung.

Vacth: Ich mache es so: Ich ziehe jeden Tag dasselbe an, mehr oder weniger. Es gibt Kleidungsstücke, von denen ich weiß, dass sie mir stehen, ich mag die Farbe, das Material und so weiter. Und das ist jeden Tag so, die Sachen kann ich jeden Tag anziehen, und dann muss ich mir nämlich nicht morgens die Frage stellen: Wer bin ich? Ich frage mich: Graues oder dunkelblaues T-Shirt? Das ist alles. In meinem Job geht es viel um Klamotten, vielleicht bin ich deshalb so zurückhaltend. Andererseits war es nie anders: Ich habe mich nie sonderlich für Kleidung interessiert. Meine einzige Kindheitserinnerung an Kleidung ist die, dass ich mit sieben oder acht die Schuhe meiner Großmutter anprobiert habe, Schuhe mit kleinen, eleganten Absätzen. Weil meine Mutter solche Schuhe nicht trug, fand ich das wahnsinnig exotisch. Aber Kleidung hat nie eine Rolle gespielt.

ZEITmagazin: Interessiert es Sie denn, was andere Frauen tragen? Gucken Sie andere Frauen an?

Vacth: Ja! Ich mag Frauen sehr gern. Wenn ich eine schöne Frau sehe, die gut angezogen ist, dann ist das ein Vergnügen für mich, egal ob es meinen Geschmack trifft oder nicht.

ZEITmagazin: Ist das wichtigste Kleidungsstück, das Sie besitzen, Ihr brauner Judo-Gürtel?

Vacth: Judo ist mir wirklich sehr, sehr wichtig. Ich habe damit angefangen, als ich neun war. Mit 17 habe ich aufgehört. Der braune Gürtel, das ist eine Stufe vor dem schwarzen. Judo ist wie Tanzen, man spielt mit der Kraft eines anderen. Es ist nicht aggressiv, sondern ein fast demütiger Sport, es geht immer um Respekt, gegenüber dem Partner, sogar gegenüber der Tatami-Matte, auf der man sich bewegt.

ZEITmagazin: Und es ist eine Begegnung: Judo kann man nicht allein machen.

Vacth: Ja. Ich habe mich immer großartig gefühlt. Ich habe viel geschwitzt, war aber innerlich ganz ruhig. Dass ich Judo gemacht habe, hat mir als Model immer geholfen, weil ich ein Gefühl für meinen Körper hatte, ich wusste, wohin mit meinem Körper, und ich hatte immer ein Gefühl für den Boden unter meinen Füßen. Also, das ist etwas, was ich mir jetzt vornehme: Ich fange wieder mit dem Judo an.

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