Ich habe einen Traum: "Tue ich genug, um meinen Träumen gerecht zu werden?"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 36/2015

Als Jugendlicher habe ich die Träume meiner Eltern zerdeppert, zumindest anfangs. Als türkische Einwanderer waren sie einem großen Traum gefolgt: Ihr Sohn solle es besser haben als sie. Mein Vater hat in der Türkei Armut und Hunger erlebt, er ist ohne Vater aufgewachsen und konnte nicht zur Schule gehen. Ich sollte in Deutschland Abitur machen und Arzt, Ingenieur oder Anwalt werden. Aber trotz ihrer Mühen habe ich mich anders entwickelt: Ich war schlecht in der Schule, musste sogar eine Klasse wiederholen.

Nach meiner mittleren Reife habe ich dann entschieden, Erzieher zu werden. Für meinen Vater ein Schlag ins Gesicht – sein einziger Sohn will mit Kindern spielen! Und weigert sich, zur Armee zu gehen, und beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Und dann tritt dieser Sohn auch noch in eine Partei ein mit Männern, die stricken! Meine Eltern mussten einiges aushalten, aber heute sind sie stolz auf mich. In gewisser Weise habe ich ihre Träume mittlerweile erfüllt.

Als Teenager träumte ich davon, Musiker zu werden. Ich wollte Gitarre spielen können wie Pete Townshend! Aber ich war zu faul und hatte wenig Talent. Meinen Gitarrenunterricht habe ich nach wenigen Lektionen abgebrochen.

Ein anderer Traum, den ich als kleiner Junge hatte, ist dagegen mehr oder weniger wahr geworden: Ich wollte als Kind unbedingt Schaffner werden! Meine Mutter fuhr jeden Morgen mit dem Zug, gezogen von einer alten Dampflok, zu der Fabrik, in der sie gearbeitet hat. Einmal durfte ich sie begleiten. Diese Fahrt hat mich schwer beeindruckt.

Jahre später, ich war 17, sollte diese Zugstrecke eingestellt werden. Es fühlte sich an, als würden mit den Gleisen auch meine Kindheitsträume herausgerissen werden, das konnte und wollte ich nicht zulassen. Also habe ich mich zusammen mit einigen anderen gegen die Stilllegung engagiert und Sonderfahrten organisiert. Das war sensationell! Ich habe mir für diese Fahrt eine Uniform ausgeliehen und den Schaffner gegeben. Ich habe es geliebt! Auch deswegen, weil unser Protest erfolgreich war.

Wenn ich heute mit meiner Tochter von Berlin aus zu meinen Eltern fahre, erzähle ich ihr, dass es diese Zugstrecke ohne das Engagement einiger weniger leidenschaftlicher Menschen längst nicht mehr geben würde.

Heute sind meine Ziele und Wunschträume natürlich größer, komplexer und schwieriger zu erreichen, da ist es oft nicht ganz einfach, sie mit der Wirklichkeit ins Lot zu bringen – und nicht depressiv oder zynisch zu werden. Manchmal frage ich mich, ob ich genug tue, um meinen Träumen gerecht zu werden. Wie groß ist der Anteil meiner Zeit, in der ich tatsächlich dem Allgemeinwohl diene?

In den vergangenen Jahren ist meine Angst, Fehler zu machen, größer geworden. Ein falscher Satz, eine unbedachte Handlung können heutzutage gewaltige Wellen schlagen. Aber wenn ich dieser Angst die Herrschaft überlassen würde, müsste ich sofort aufhören mit dem, was ich tue. Und aufhören zu träumen.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren
friendship7
#2  —  19. September 2015, 17:48 Uhr

"Meine Eltern mussten eniges aushalten."

Aha, es geht um Diskriminierung der ersten türk. Einwanderergeneration. Dachte ich. Da habe ich mich geirrt.

"Tue ich genug, um meinen Träumen gerecht zu werden?" und "Wie groß ist der Anteil meiner Zeit, in der ich tatsächlich dem Allgemeinwohl diene?" Bei allem Wohlwollen, da muss ich sarkastisch werden: Das aufgeführte Beispiel des erfolgreichen Protestes gegen die Stillegung einer Bahnnebenlinie - muss man das "sensationell" nennen?

Immerhin stellt er fest: "Heute sind meine Ziele und Wunschträume natürlich größer, komplexer und schwieriger zu erreichen, da ist es oft nicht ganz einfach, sie mit der Wirklichkeit ins Lot zu bringen – und nicht depressiv oder zynisch zu werden."

Ich fürchte bei den derzeitigen Problemen und der immer widerspenstigeren Realität, die sich so gar nicht dazu herablässt, Cem Özdemir zu Gefallen zu sein, wird er es schwer haben, an einer Depression vorbeizukommen.