Kleiderfragen: Ich besuchte den Laden jeden Tag

Eine Frau erlebt eine persönliche Katastrophe. Den einzigen Trost findet sie in einem alten Bekleidungsgeschäft in Athen. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2015

Morrissey singt: "I would go out tonight, but I haven’t got a stitch to wear." Ich wette, Morrissey weiß, dass der Mann, der da singt, nicht zu wenige, sondern eher zu viele Kleider hat. Er macht sich den Abend im Voraus kaputt, indem er zu viel über die Wirkung seiner Kleidung nachdenkt – über ihre Zukunft.

Es ist nicht lange her, da war ich verlobt und wollte heiraten. Ich fing an, mir Gedanken über das Brautkleid zu machen. Ich wollte ein altes Kleid, ein ganz bestimmtes Kleid. Ich habe mehr über dieses Kleid nachgedacht als je über ein Kleidungsstück zuvor. Und nie habe ich mir meine Zukunft farbiger, erstrebenswerter und mehr von einem Mann beeinflusst vorgestellt als während dieser Suche.

Ein paar Monate später wurde die Verlobung gelöst, auf zugleich dickköpfige und gewaltsame Art. Allmählich begriff ich, dass all das, was ich für mein Leben gehalten hatte, nicht mein Leben war. Ich hatte gedacht, ich würde bald in Portugal leben. Jetzt würde ich weder nach Portugal ziehen noch irgendeinen Aspekt der portugiesischen Lebensweise übernehmen. Ich hatte gedacht, ich würde die Frau eines Russen werden. Jetzt hatte ich überhaupt keine Verbindung zu Russland mehr. Mein Alltag, die bewusste Artikulation meines Geschmacks, meine Identität, alles fiel plötzlich in sich zusammen. Ich blieb zukunftslos zurück.

Neben vielem anderen stand ich damit vor einem großen Dilemma, denn wenn ich Kleider kaufe, widerstrebt mir der Gedanke, ich würde sie für die Gegenwart kaufen. Der Gedanke, ein Kleidungsstück könnte für etwas anderes als die Ewigkeit gemacht sein, tut mir weh. Neue Kleider sind wie eine Hand, die sich mir aus dem Faltenwurf der kommenden Zeit entgegenstreckt. Du berührst ein Stück Stoff und berührst damit ein zukünftiges Ereignis, ein zukünftiges Leben. Neue Kleider sind der greifbare Zipfel der Zukunft.

Weil ich mich also gegen die Flüchtigkeit von Kleidern wehre, stelle ich sehr hohe Ansprüche an sie: Ein Kleidungsstück muss alles umfassen, was ich je war und je sein werde. Die Ironie ist nur, dass ich bei all meinem Streben nach Ewigkeit ein Teil am Ende fast nie länger als ein paar Monate trage.

Es war also nicht nur das Brautkleid, das ich nicht mehr anfassen konnte. Ich konnte den Lebensentwurf nicht mehr greifen, der dazugehörte, und all die Kleider, die damit einhergingen. Einen alternativen Entwurf gab es nicht. Das Leben, mit dem ich gerechnet hatte, mit all seinen Stimmungs- und Stil-Besonderheiten, war spurlos verschwunden. Es war schrecklich, zu sehen, welche Fallhöhe sich plötzlich vor mir auftat.

In den letzten Tagen der Beziehung, als es schon viel zu spät war, um noch etwas gegen die Implosion zu unternehmen, fuhr ich nach Athen, um meinen Exverlobten zu besuchen, durch die Ruinen unserer Liebe zu wandern und eine Art halbherziges Verlustinventar zusammenzustellen, wie es Überlebende von Erdbeben tun, wenn sie unter Schock stehen und irgendwie fasziniert die Lücke umkreisen, wo einst ihr Haus gestanden hat. Als es so weit war, stellten wir fest, dass wir uns sehr wenig zu sagen hatten.

Jeden Tag machte ich lange Spaziergänge in der Gegend um den Omonia-Platz, zwischen Junkies, illegalen pakistanischen Einwanderern, Polizisten in Schutzausrüstung und dicken, alten Zuhältern, die vor den Kiosken herumlungerten. Dabei entdeckte ich nicht weit von dem Trubel einen großen, alten, heruntergekommenen Laden im Kolonialstil, der einmal elegant gewesen sein musste, mit zerschlissenen Wimpeln, die schlaff von gusseisernen Schnörkeln hingen.

Im Innern, wo das Sonnenlicht, von schmalen, altersschwachen Pfeilern in Scheiben geschnitten, in hohe Räume fiel, verbarg sich unter Staubschichten ein elegantes altes Bekleidungsgeschäft, ein Tempel mit uralten Lagerbeständen und perfekt geschneiderter Prêt-à-porter-Mode – hauptsächlich für Herren, aber es gab auch reichlich für Damen. Designermode aus London, Paris und Mailand von vor vierzig, fünfzig, sechzig Jahren. Jacken, Hosen, Hüte aus Wolle und Filz, gewalkte Hemden und Krawatten in modernden weißen Schachteln, jede durch einen gelben Aufkleber an der schmalen Kante nach Größe und Stil ausgezeichnet. Ein paar Kleidungsstücke lagen achtlos auf dem Boden.

Solange ich in Athen war, besuchte ich den Laden jeden Tag.

Am ersten Tag fand ich einen tiefgrünen Bleistiftrock aus Wolltwill von Yves Saint Laurent von circa 1965, der wie ein Wickelrock aussah. Er hatte dunkelgoldene Knöpfe aus Militärkordel und war durchgeknöpft. Als ich ihn anprobierte, saß er wie angegossen. Ich kaufte ihn.

Am nächsten Tag fand ich ein Leinenkleid mit dreiviertellangen Puffärmeln und zwei konzentrischen Peter-Pan-Kragen. Erst dachte ich, es sei aus den Achtzigern, doch dann sah ich, dass es mit Haken und Ösen geschlossen wurde und wie gerade es an den Hüften geschnitten war. Es konnte nicht später als 1939 gemacht worden sein. Weil es die Farbe von Meerglas hatte, kaufte ich es auch.

Ich kaufte immer mehr Kleider. Und vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben geschahen diese Einkäufe völlig unbewusst: Ich stellte mir nicht vor, wie ich die Kleider anziehen würde. Es gab keinen Plan. Von meinem zukünftigen Kleidungsstil hatte ich überhaupt keine Vorstellung. Es war, als habe ein großer Gourmand plötzlich den Appetit verloren, esse aber einfach weiter, bis ihm schlecht wurde.

Trotzdem, jeden Tag dorthin zu gehen – etwas für einen Euro nach Hause zu bringen, mit Waschpulver in die Badewanne zu legen, das Wasser aufzudrehen und mit seltsamer Befriedigung zuzusehen, wie sich das Wasser schwarz färbte; den Stoff zu reiben, neidisch auf sein Alter, seine Eleganz, und wenn es sauber war, das Teil oben auf der Terrasse in die Sonne zu hängen, auf dem Dach des hohen Gebäudes, das königlich an einem der höchsten Punkte in einem der höchsten Viertel von Athen lag, mit Blick über den Parthenon hinaus bis zum Hafen von Piräus, wo das Meer immer blasser und spiegelnder wurde, wenn die Sonne unterging –, all das war gar nicht schlecht.

So stand ich dort oft wie gebannt und dachte nicht an die Zukunft, nicht an mein Leben, sondern an Pasolini, an Charles de Gaulle, an den Flughafen Tegel, als er noch neu war – daran, wie dieses Kleid den Weg zu Fuß über die Rollbahn und die Gangway hinauf zur Maschine erträglicher gemacht hätte.

Die Romantik der Kleider ist einer der wenigen Aspekte des Lebens, die ich liebe. Oder besser, einer der wenigen Aspekte des öffentlichen Lebens, die ich liebe. Für mich ist die Welt ein scheußlicher Ort, in dem Demütigungen lauern, und mich anzukleiden, bevor ich hinausgehe, stellt meine letzte Verbindung zu der Fantasievorstellung dar, die ich früher von der Welt hatte – ja, das einzige Überbleibsel des alten Versprechens, dass die Welt nicht völlig bar jener Gefühle sei, die zu ersehnen ich in Filmen und Büchern gelernt hatte.

Ich glaube nicht, dass ich mich besonders gut anziehe. Vielleicht stehen mir diese Fantasien bei dem Versuch im Weg. Um Tschechow zu paraphrasieren, scheine ich von der Mode mehr zu erwarten, als sie geben kann, weil die Quelle meiner Faszination nur ein Traum ist.

Einmal war ich fasziniert von einer Analogie zwischen fest geschnürten Miederwaren, die den Körper formen, und der Erzählung von Nabokov ... dass in Aleppo einst. Darin heißt es:

Etwas später, als ich auf der Kante des einzigen Stuhls in meiner Dachkammer saß und sie an ihren schmalen jungen Hüften hielt (sie kämmte ihr weiches Haar und warf mit jeder Bewegung des Kammes den Kopf zurück), verwandelte sich ihr mattes Lächeln plötzlich in ein seltsames Zittern, und sie legte mir eine Hand auf die Schulter und schaute zu mir herab, als wäre ich eine Spiegelung in einem Teich, die sie eben erst bemerkte.

Wenn ich an meine Hüften denke, stellt sich die Frage, ob es möglich ist, Subjekt und Objekt zugleich zu sein. Mit meinen elaborierten Dreißiger-Jahre-Kleidern versuche ich, die Frau in Nabokovs Geschichte zu sein, aber während ich sie spiele, spiele ich auch den Erzähler mit, und in meiner Bemühung, dem Geist des Autors gerecht zu werden, spiele ich auch Nabokov. Ich bin überarbeitet und bleibe unbeachtet wie eine Schauspielerin – eine Schauspielerin in einem Einpersonenstück ohne Publikum.

An der nordwestlichen Ecke des Omonia-Platzes steht ein Hotel namens La Mirage. Der Name steht in riesigen serifenlosen Großbuchstaben auf dem Dach, jeder Buchstabe mannshoch. Eines Tages, als ich auf dem Platz saß und zu dem Dach hinaufsah, kam mir der Gedanke, dass ich einfach loslassen könnte – die Dinge, die ich besaß, und alles, was sie über die Zukunft besagten – und nach Paris ziehen könnte.

Es war erstaunlich, wie schnell mein extravagantes Bewusstsein wieder zurückkam. Sofort tauchte eine neue Zukunft vor mir auf. Ich würde mein Leben in Berlin einpacken, nur den hohen Kleiderschrank, den Eichenschreibtisch, das Bett, die Zwergorange und meine Bücher über deutsche Philosophie mitnehmen. Ich würde das Brautkleid verkaufen oder wegwerfen, und vielleicht alle anderen Kleider auch, und nur das behalten, was ich in dem heruntergekommenen Laden in Athen gekauft hatte. Noch während ich in dem Café auf der Odos Athinas saß, wo es WiFi gab, entdeckte ich auf einer Pariser Immobilienseite eine Wohnung, die sehr hübsch aussah. In einem E-Mail-Verteiler wurde ein Job angeboten, der gar nicht übel klang.

Ich stellte mir vor, wie meine Möbel in dem Wohnzimmer aussehen würden und wie sie auf einen Besucher wirkten, keinen Freund, sondern – das ist wichtig – einen Bekannten, jemanden, der mich noch zu ergründen versucht. Ich stellte mir vor, wie ich auf jemanden wirkte, der mich aus einem vorbeifahrenden Auto sah, wenn ich gerade das Haus im 10. Arrondissement verließ – ich, eine plötzliche Bewegung unter dem Wolkenhimmel, Blau- und Grautöne, ein dunkelgrüner Rock aus Wolltwill mit militärisch anmutender Knopfleiste. Die adäquate Zukunft lag klar vor mir.

Dieses übereifrige Bewusstsein, das mich ständig zwingt, mich selbst zu betrachten und von mir betrachtet zu werden, in einer zermürbenden Endlosschleife, das die Zukunft zu einer monströsen Gegenwart macht, die sich unverhältnismäßig bemerkbar macht, hat nach der Trennung nicht nachgelassen. Tatsächlich ist es das Einzige, was gleich geblieben ist. Lebensentwürfe entstehen, und sie verschwinden wieder.

Aber ich suche immer noch nach dem Umriss einer Lücke und ziehe mich an, um abends auszugehen – interessant für mich und mich allein, tief in einem Traum.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frauen und Kleider. Was wir tragen, wer wir sind" von Sheila Heti, Leanne Shapton und Heidi Julavits in der Übersetzung von Sophie Zeitz, erschienen im S. Fischer Verlag

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Das war mein grundsätzlicher Gedanke beim Lesen: Himmel, wer so derartig wenig Tiefe hat, dass nur Kleidung eine Lebensperspektive bringen können, der sollte dringend einen Therapeuten aufsuchen.

Kurzum - die Autorin sollte sich mehr Gedanken darüber machen, was mit ihnen nicht stimmt, dass solche Banalitäten ihr Leben bestimmen, denn über die Banalität an sich...Furchtbar.

Und ein Zeichen unserer Zeit: Nur Äußerlichkeiten zählen. Und das dann in einem Geschwurbelbach dargebracht, die jedem intelligenten Menschen zeigen, welch geistigem Tiefstand die Autorinnen angehören.