© Taiyo Onorato & Nico Krebs

Mongolei: Wundersam fremd

Zwei Schweizer Fotografen fahren mit dem Auto von Zürich in die Mongolei. Und erkennen, wie merkwürdig die Wirklichkeit ist. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2015

Es gibt Reisen, da meint man, in die Fremde aufzubrechen, und trifft doch nur auf Altbekanntes. Mitte der nuller Jahre unternahmen die Fotografen Taiyo Onorato und Nico Krebs mehrere Roadtrips durch die USA. Sie durchquerten das Land, und was ihnen begegnete, waren vorgefertigte Bilder. All die kulturellen Referenzen, die zwei Menschen aufgesogen haben, die 1979 in Westeuropa geboren sind, schienen den Blick zu verstellen. Um selbst zu sehen, mussten Onorato und Krebs intervenieren: Sie pflanzten Pommes auf dem Grand Canyon, mogelten Highways aus Pappe in ihre Fotos. Sie verfremdeten das Vertraute. Heraus kam The Great Unreal, ein virtuoses Spiel mit dem Surrealen, ihr internationaler Durchbruch.

Dann gibt es Reisen, da bricht man auf, ohne zu wissen, was einen erwartet, und alles, was übrig bleibt, ist Staunen. Im April 2013 machte sich das Fotografenduo in einem Toyota, Jahrgang 1987, von Zürich auf gen Osten. Sie hatten keine Visa, keine Erfahrung im Fahren von Geländewagen und konnten nur ein paar Brocken Russisch. Aber sie hatten ein Ziel: die Mongolei.

Wie es dort aussehen würde, konnten sie sich kaum vorstellen. Das visuelle Material, das ein Westler vom Osten im Kopf hat, ist eben begrenzt. Vier Monate fuhren die beiden die staubigen Straßen der Ex-Sowjetstaaten ab: über die Ukraine, Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan, Kasachstan und Russland bis in die Mongolei. Sie fuhren, sahen und fotografierten. Mehr war nicht nötig. Was ihnen begegnete, war so wundersam fremd, es bedurfte keiner Intervention. An einem Tag aßen die beiden im Nomadenzelt eines Hirten zu Abend, am nächsten Tag spazierten sie durch vom Ölgeld explodierende Megastädte.

Betrachtet man die Bilder der Eurasia-Serie, die ab dem 24. Oktober im Fotomuseum Winterthur ausgestellt sein werden, glaubt man oft dennoch kaum, was man da sieht. Die klitzekleinen Bauarbeiter auf dem Dach des weißen Ufo-Baus – ist das kein Modell? Und das so merkwürdig eingefärbte Gebilde, aus dem Wasser sprudelt – eine Montage? Manchmal ist die Wirklichkeit allerdings schon merkwürdig genug – und das Gebilde einfach eine Mineralquelle in den georgischen Bergen.

Bei einer Bildstrecke griffen Onorato und Krebs dann aber doch ein. Heimgekehrt, fotografierten sie historische Gebrauchsgegenstände aus dem Ethnologischen Museum Berlin vor dem Hintergrund ihrer eigenen Bilder. Zumindest im Foto kehren die Objekte so in ihre Heimat zurück. Apropos Rückkehr: Ihren Toyota haben Onorato und Krebs in der Mongolei untergestellt. Die Reise ist noch nicht zu Ende.

Kommentare

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aethermensch
#1  —  29. September 2015, 23:17 Uhr

Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben. Da wäre ich gerne dabei gewesen - im manchmal noch wilden Osten.
Wird da die Sehnsucht nach der Fremde, der Weite, dem Andersartigen, nach der Vielfalt des Seins gestillt?
Oh ihr unwürdigen Globalisierer und Gleichmacher: lasst uns doch diese wunderbare Unordnung und Unorganisiertheit dieses Planeten bewahren. Es ist unser Reichtum.