Ich habe einen Traum Anja Reschke

"Wie hat meine Großmutter das damals als Flüchtling nur geschafft?"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 38/2015

Als mein Bruder und ich klein waren, passte unsere Großmutter väterlicherseits häufig auf uns auf. Abends baten wir sie gern um eine Geschichte. Oft erzählte sie uns von ihrer Flucht während des Zweiten Weltkriegs. Als Kinder fanden wir das natürlich sehr spannend und gruselig. Auch wenn uns ihre Erzählungen bis in unsere Träume verfolgten, weil das, was wir hörten, sehr emotional und aufwühlend war.

Meine Großmutter lebte als junge Mutter in Breslau. Im Januar 1945 wurde angeordnet, Frauen und Kinder hätten die Stadt unverzüglich zu verlassen. Also packte meine Großmutter mit ihrer Mutter das Nötigste zusammen, ihr Mann war an der Front. Sie nahm ihre zwei kleinen Kinder – mein Vater war damals knapp drei Jahre alt, meine Tante vier Monate – und machte sich auf zum Bahnhof. Der war natürlich hoffnungslos überfüllt. Auf den Bahnsteigen standen Trauben von Menschen, die verzweifelt versuchten, einen Zug Richtung Westen zu bekommen.

Meiner Großmutter, ihren Kindern und ihrer Mutter gelang es schließlich, und sie fuhren mit dem Zug bis nach Dresden. Dort kamen sie bei einer hilfsbereiten Pfarrersfamilie unter – bis zu der Nacht, in der Dresden bombardiert wurde und sie die Stadt in Panik verließen. Zu Fuß flohen sie ins Vogtland, unter Bedingungen, die an die heutige Situation der Flüchtlinge auf der Balkanroute erinnern und die sich meinem Vater unauslöschlich ins Gedächtnis prägten. Immer wieder erzählte er uns, wie er sich an einem Leiterwagen festhalten musste, um nicht runterzufallen.

Im Vogtland wurde meine Großmutter mit ihrer Familie in einer Art Auffanglager untergebracht. Dort lebten sie etwa zwei Monate. Als klar war, dass Thüringen unter russische Herrschaft fallen würde, wollten sie wie viele andere nicht länger bleiben. Mit einem Flüchtlingstreck machten sie sich auf den Weg nach Bayern. Sie wähnten sich in Sicherheit, doch willkommen waren sie dort nicht. Es begegneten ihnen hilfsbereite Menschen, aber immer wieder wurden sie als "Flüchtlinge" angefeindet. Es muss für sie in vielerlei Hinsicht eine sehr schwierige Zeit gewesen sein. Und natürlich plagten meine Großmutter die Sorgen einer Mutter: Wie ernähre ich meine Kinder? Wo bekomme ich warme Kleidung her? Wie geht es weiter?

Die Geschichten meiner Großmutter begleiten mich schon mein ganzes Leben lang. Als ich dann selbst Mutter wurde, habe ich mich oft gefragt: Mein Gott, wie hat Großmutter das damals als Flüchtling mit zwei kleinen Kindern nur geschafft?

Jetzt kommen mir ihre Geschichten wieder in den Sinn, wenn ich die jungen Mütter und Väter sehe, die mit ihren kleinen Kindern über Grenzen ziehen und sich in überfüllte Züge drängen. Das sind die gleichen Belastungen und Anstrengungen, die meine Familie erlebt hat.

Anja Reschke, 42, leitet und moderiert das Fernsehmagazin "Panorama". Sie ist in München geboren und aufgewachsen. Vor Kurzem sprach sie einen viel beachteten Kommentar in den "Tagesthemen", in dem sie Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen anprangerte.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Das ist leider nicht der erste Artikel, der uns mehr oder weniger subtil den äußerst schiefen Vergleich zwischen Vertreibung Deutscher 1945 und der heutigen Migration aufdrängen soll. Sind ja alles „Flüchtlinge“. Die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten hätten sich bestimmt niemals träumen lassen, dass man ihr Schicksal zur Rechtfertigung einer aus dem Ruder gelaufenen Masseneinwanderung instrumentalisiert.

Neulich las ich in einer historischen Studie über die Nachkriegszeit, die im Anhang Bekanntmachungen an die Bevölkerung der Länder enthielt, die Flüchtlinge aufnehmen mussten. Da wurde darauf eingegangen, dass man die Flüchtlinge aufzunehmen habe, auch wenn sie einer "fremden" Kultur entstammten und sich komisch benähmen etc. . Auch damals gab es die Wahrnehmung, dass ein Breslauer so anders sei, dass man mit ihm in Bayern nicht zurecht kommen könne. Anders war allerdings, dass die Breslauer Monate oder Jahre ins eigene Haus, in die eigene Wohnung, in die eigene Küche etc. aufgenommen werden mussten. Ich bin mir nicht sicher, ob Menschen, die heute alle an ein einziges Internet angebunden sind und damit ja auch u.a. fliehen konnten, in eine für sie in jeder Hinsicht fremde Kultur hier kommen - wie oft werden sie über uns, über den Westen, über die Lebensweise(n) hier schon gelesen, gehört oder gesehen haben? Natürlich ist die Integration kein Pappenstil und es gibt Probleme und wird auch weiter Probleme geben. Aber wir haben die Globalisierung einschließlich der strategischen Unterstützung von Diktatoren durch Ressourcenkonsum seit Jahrzehnten vorangetrieben und da haben sich Leute wie Sie m.W. nicht beschwert, sondern sind massenhaft Auto gefahren, haben Plastikmöbel, Turnschuhe und Computerchips konsumiert, für die eine ganze Masse an "Fremden" kaum was abbekam, für die sie aber schuften oder Rohstoffe abgeben mussten.
Ein wenig Anstrengung ist nicht zu viel verlangt!

Danke für den Beitrag - ich denke, dass es sehr vielen Deutschen so geht, dass die Fluchtgeschichten der Eltern heute für Verständnis und Hilfsbereitschaft sorgen. Man sollte nie glauben, dass man einmal selbst nicht mehr auf Hilfe, Großzügigkeit und dabei Freundlichkeit angewiesen sein wird. Wer weiß, ob ich nicht mal im Krankenhaus oder Altersheim bei einer Pflegerin oder einem Pfleger lande, der freundlich mit mir ist, weil ihre/seine Eltern ihm die Geschichte der einer freundlichen Aufnahme in Deutschland nach einer langen angstvollen Reise immer wieder erzählten und der dadurch eine Empathie für das Leiden anderer entwickelt hat ...
Ohne Empathie, ohne Mitmenschlichkeit, ohne eine dicke Portion des von Rechten so gerne verächtlich gemachten Gutmenschentums werden wir keine Krisen - persönliche oder gesellschaftliche meistern. Das Bösmenschentum ist nämlich eine Gutwetternachbarschaft.

Da stimme ich Ihnen zu. Die Empathie dürfen wir nicht verlieren. Und irgendwie ist es diese Eigenschaft, die Deutschland in zwei Lager spaltet: Die einen sind empathiefähig, die anderen nicht. Was die Heimatvertriebenen angeht, so ist es leider nicht in jedem Fall so, dass durch das eigene Erleben automatisch Mitgefühl für die Situation der heutigen Flüchtlinge entsteht. Nicht wenige der damals selbst Betroffenen stehen den Asylsuchenden heute feindselig gegenüber. Leider kenne ich solche Fälle in meinem persönlichen Umfeld. Ich kann mir nicht erklären, woran das liegt. Sind diese Leute vielleicht so traumatisiert, dass sie mit Fluchtsituationen nicht mehr konfrontiert werden möchten?

Ich finde diesen Vergleich nicht falsch. Die Fluchtgründe sind Krieg, Hunger, Verfolgung. Und die Hoffnung auf Hilfe dieselbe.
Natürlich macht es einen Unterschied, dass die "neuen" Flüchtlinge nicht unsere Sprache sprechen, dass sie muslimisch sind (überwiegend). Dass ihre Sozialisation eine andere ist.
Aber wer glaubt, dass die Sudeten- und Russlanddeutschen hier willkommen waren, der irrt. Es waren die gleichen Ängste (da kommen die aus Russland und nehmen uns was weg!) und Vorurteile wie heute.

Ich kann nur HOFFEN, dass sich bei möglichst vielen die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft sich auszahlen.

Das alles wie immer mit dem Vermerk: Natürlich geht das nicht ins Unbegrenzte, aber solange die Fluchtursachen (und damit meine ich nicht ein tieferes Mittelmeer oder höhere Zäune!) nicht abgestellt werden, solange flüchten Menschen.

Ah, die Ideengeberin von Frau Merkel... Am 18.08. bei 'Maischberger' sagte Frau Reschke: "Wer, wenn nicht wir, könnte das wuppen? Wir schaffen das." Und keine zwei Wochen später hörte man es von Frau Merkel.
Auch der "Ratschlag", man solle bei Angst vor Islam doch mal wieder mehr in die Kirche gehen, war zuvor von anderen zu lesen/hören, bevor Frau Merkel sich diesen Spruch zu eigen machte.