Cindy Sherman: Die Frau mit den Tausend Gesichtern

ZEITmagazin Nr. 38/2015
In ihrer langen Karriere als Künstlerin ist Cindy Sherman in viele Rollen geschlüpft. Wir haben sie zu Hause besucht. Von

Drei Stunden hat die Autofahrt von New York in die Hamptons gedauert, es hat geregnet und gestürmt an diesem Sommertag, aber kurz bevor unser Auto in die Einfahrt des Anwesens der Künstlerin Cindy Sherman einbiegt, hört der Regen plötzlich auf, die Wolken verziehen sich, und die Sonne scheint. Hier leben die New Yorker, die es geschafft haben, die sich nicht nur ein Leben in einer der teuersten Städte der Welt leisten können, sondern auch noch ein zweites draußen am Meer.

Cindy Sherman steht auf dem Kiesweg und empfängt uns vor dem Haus, zierlich ist sie, das Gesicht leicht gebräunt von der Sonne, sie hat den Sommer hier verbracht, "und eigentlich will ich gar nicht mehr weg". Sie bittet uns in ihr Atelier, einen umgebauten, weiß gestrichenen Holzschuppen neben dem Haus, in dem sie wohnt. Das Atelier ist noch nicht fertig eingerichtet, aber immerhin, sagt sie, sei der Computer in der Ecke endlich installiert. Sie wohnt noch nicht lange hier, und es ist das erste Mal, dass sie einen Journalisten empfängt, vielleicht weiß sie deshalb nicht so recht, wo wir uns hinsetzen sollen, "hinter dem Haus an den Pool? Da gibt es eine Sitzecke." Wir gehen "nach hinten", und vor uns liegt ein riesiges Grundstück, 40.000 Quadratmeter groß. In der Ferne sind Rehe zu sehen, und plötzlich rennt ein Truthahn über den Rasen. Fünf laufen auf dem Grundstück frei herum, sagt Sherman und geht zu einem umzäunten Gemüsegarten, daneben liegt der Swimmingpool mit Sitzecke. Wir ziehen die Schutzbezüge von den Sitzen, aber der Regen ist stärker gewesen – zu nass. "Vielleicht gehen wir doch zurück ins Atelier? Im Dachgeschoss stehen ein Tisch und Stühle."

Während unten im Atelier der Fotograf und seine zwei Mitarbeiter alles für die Aufnahmen aufbauen, gehen wir die Treppe hoch, setzen uns, und Cindy Sherman erzählt, wie sie Cindy Sherman wurde: die Künstlerin, die dafür berühmt ist, in fiktive Rollen zu schlüpfen. Die sich verkleidet und maskiert – mal als Geschäftsfrau, mal als Hollywoodstar, mal als Clown, mal als Madonna, mal jung, mal alt, mal schön, mal hässlich – und sich dann selbst fotografiert.

Zu ihrem Ehrgeiz hat sich Cindy Sherman schon immer bekannt. "Mit den männlichen Künstlern meiner Generation habe ich mich immer in einem Wettbewerb gefühlt", sagt sie heute. "Vielleicht weil sich einige damals aufgeführt haben, als seien sie die Größten. Und vielleicht auch, weil ich von Künstlerinnen immer mehr Unterstützung bekommen habe, zumindest von denen, mit denen ich befreundet war."

Cindy Sherman ist am Anfang ihrer Karriere vor vierzig Jahren rasch genauso bekannt geworden wie einige männliche Kollegen ihrer Generation, "aber die Männer haben höhere Preise auf dem Kunstmarkt erzielt, das fand ich ungerecht". Sie macht eine kurze Pause. "Andererseits war das vielleicht der Grund, warum ich so viel Feuer im Arsch hatte. Ich wollte es den Männern zeigen."

Sie hat es allen gezeigt. Cindy Sherman, 61, ist die erfolgreichste Künstlerin der Welt. Ihre Arbeiten erzielen Spitzenpreise, eins ihrer Bilder war eine Zeit lang die teuerste Fotografie, es wurde für 3,9 Millionen Dollar versteigert. Sie hat Ausstellungen in den wichtigen Museen, sie hat einflussreiche Sammler. Wie geht es ihr? "Heute spielt die Angst eine größere Rolle als die Unzufriedenheit", sagt sie. "Heute frage ich mich: Was habe ich noch zu sagen? Was mache ich als Nächstes? Wie kann ich mich selbst toppen? Ich versuche, mich von meinem eigenen Erfolg nicht bremsen zu lassen, aber ich habe seit fünf Jahren nicht mehr fotografiert. Ich habe einige neue Ideen, aber ich bin unsicher. An manchen Tagen denke ich: Oh mein Gott, was, wenn ich es nicht mehr kann?"

Aufgewachsen ist Cindy Sherman in den fünfziger und sechziger Jahren in einer ländlichen Gegend auf Long Island. "Es gab keine Bürgersteige, im Sommer habe ich nie Schuhe getragen. Wir sind barfuß zum Strand gelaufen und haben da den ganzen Tag verbracht. Heute ist das unvorstellbar, aber unsere Eltern haben uns einfach spielen lassen, ohne zu wissen, wo wir genau waren." Wie waren ihre Eltern? "Meine Mutter war die Gute", sagt Cindy Sherman und lacht. Es ist ein freundliches Lachen, das in Verbindung mit ihrer Antwort einen ähnlichen Effekt erzeugt wie manche ihrer Bilder: Man lacht und gruselt sich gleichzeitig, ist unterhalten und erschrocken – und dann erstaunt, dass beides zusammen geht.

Warum war die Mutter die Gute? "Sie hat meine Geschwister und mich vor meinem Vater beschützt. Nicht, dass er uns missbraucht hätte, aber er war so unglaublich selbstbezogen. Er hat wirklich an nichts anderes gedacht als an sich selbst." Als sie längst berühmt war, erzählt sie, lud der Vater zu einer Veranstaltung in das Altersheim ein, in dem er mittlerweile wohnte. Erst freute sie sich, bis sie die Einladung sah. "Charlie Shermans Tochter kommt zum Gespräch", stand da. Es ging dem Vater wieder vor allem um sich selbst. In einem früheren Interview hat sie ihn als Rassisten beschrieben, der über Schwarze und Juden schimpfte. "Ja, er war fürchterlich bigott. Er war wie eine dieser Karikaturen, die man manchmal zufällig im Fernsehen sieht und denkt: Das meint er doch nicht wirklich ernst?"

Ihr Vater war Ingenieur und liebte technische Geräte, und in Cindy Shermans Kindheit lagen seine Fotoapparate und Filmkameras zu Hause herum. Eines Tages fängt sie an, damit zu experimentieren. Ihre vier Geschwister sind alle wesentlich älter, ein Bruder ist ihr sogar 19 Jahre voraus, und so wächst sie eher wie ein Einzelkind auf. "Ich war gerne alleine. Ich habe viel ferngesehen, und ich habe mit Pastellfarben nachgemalt, was ich auf dem Bildschirm sah." Es sind die ersten Schritte auf dem Weg zur Künstlerin.

Sie liebt das Fernsehen, auch weil dort alte Hollywoodfilme laufen. "Damals gab es ein Programm, das jeden Tag denselben Film wiederholte, man konnte Filme auswendig lernen, das habe ich geliebt." Sie will so sein wie die Frauen in den Filmen, und ihre Mutter leiht ihr Kleider, damit sie sich ein bisschen anziehen kann wie ein Hollywoodstar. Das Verkleiden macht Cindy Spaß: Es ist der nächste unbewusste Schritt auf dem Weg zur Künstlerin.

Ihre Mutter, "die Gute", arbeitet als Lehrerin. "Sie war reizend, sehr nett. Vielleicht zu nett. Sie hat ständig betont, wie nett sie ist, und das hat wohl auf mich abgefärbt." Inwiefern? "Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen: Du musst immer nett sein. Ärger zu zeigen war nicht erlaubt. Sei lieber nett!"

Als Teenager habe sie angefangen, dagegen zu rebellieren, sagt sie, "aber ich habe lange gebraucht, bis ich irgendwann, als ich längst erwachsen war, in der Lage war, Nein zu sagen." Wie meint sie das? "Anfangs habe ich auch mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, aber ich war immer zu freundlich, wenn ich etwas schlecht fand, was sie machten. Das gilt leider auch für Freundschaften. Manchmal habe ich zu lange gebraucht, um zu merken: Die sind nur mit dir befreundet, um dich auszunutzen. Und es gab zu viele Partner in früheren Beziehungen, die mir nicht gutgetan haben." Wieder einer dieser harten Sätze aus ihrem Mund, gesprochen mit freundlicher Stimme, diesmal kein Lachen.

Cindy Sherman war mit Künstlern wie Robert Longo und Richard Prince liiert, mit dem Schauspieler Steve Martin und zuletzt mit David Byrne, dem Sänger der Band Talking Heads. Der erfolglose Filmemacher Paul H-O drehte während seiner Beziehung mit Sherman in den neunziger Jahren einen Dokumentarfilm über sein Leben an der Seite der Künstlerin. Sherman machte mit, aus Schuldgefühlen heraus, wie sie heute sagt. Auch diese Beziehung sei "fucked up" gewesen, hat sie einmal Harper’s Bazaar erzählt.

"Gerade erlebe ich zum ersten Mal, wie es ist, allein zu sein. Ich genieße es. Single. Mein ganzes Leben lang hatte ich so viel Angst davor, alleine zu sein, dass ich von einer Beziehung in die nächste gesprungen bin, auch wenn ich das nicht hätte tun sollen." Seit zehn Jahren geht sie zu einem Therapeuten, "das hat mir geholfen, mit einigen schlechten Beziehungen besser umzugehen". Gab es auch eine Beziehung, die ihr gutgetan hat? "Definitiv die zu meinen Stieftöchtern. Zu ihrem Vater, meinem ehemaligen Ehemann Michel Auder, habe ich keinen Kontakt mehr, aber seinen beiden Töchtern bin ich sehr nahe." Der Künstler war heroinsüchtig, die Ehe traumatisch. "Aber auf die Töchter bin ich sehr stolz." Beide sind mittlerweile erwachsen und haben Kinder. Die jüngere, Gaby Hoffmann, ist Schauspielerin, sie wurde durch die Serien Girls und Transparent bekannt. "Sie war jetzt zweimal für den Emmy nominiert!", sagt ihre Stiefmutter und strahlt. Der Emmy ist der Oscar der Fernsehbranche.

Andy Warhol hat über Cindy Sherman einmal gesagt, sie habe "das Zeug zu einer richtigen Schauspielerin", aber sie selbst sieht das anders. "Ich bin zu schüchtern dafür." 1997 hat sie bei einem Kinofilm Regie geführt und mitgespielt, die Kritiker haben Office Killer verrissen, ein seltener Tiefpunkt ihrer Laufbahn. Aber sie spielt für ihr Leben gern. Als sie nach unserem Interview fotografiert wird, fängt sie spontan an, für den Fotografen zu schauspielern, zieht Grimassen, albert herum, wirft die Hände in die Luft. "Das Posieren macht es für mich leichter", sagt sie. Es ist ein Schutz, wie ihre Verkleidungen. Sie nimmt sich Zeit für den Fotografen, länger als vereinbart, "ich will, dass es gut wird", mag auch seine Idee, sie verzerrt durch Kaleidoskope zu fotografieren.

Vor vierzig Jahren hat Cindy Sherman zum ersten Mal Selbstporträts gezeigt, für die sie sich verkleidet hatte. Kurz darauf wird sie für ihre Serie Untitled Film Stills berühmt. Anfangs kostet ein Bild 50 Dollar, heute werden für einzelne Werke Millionen gezahlt. Ende der siebziger Jahre zieht sie nach New York, "es war großartig, viel schmutziger und gefährlicher als heute", sagt sie. "Jedes Mal, wenn ich abends alleine auf der Straße unterwegs war, habe ich meinen Schlüsselbund so in die Hand genommen, dass zwischen jedem Finger ein Schlüssel herausschaute, wie eine Waffe. Damit hätte ich jedem ins Gesicht schlagen können, der mich bedroht hätte." Es waren andere Zeiten, auch in der Kunstwelt. "Alles war so unschuldig. Es gab ja keinen Markt, nur für die wenigen Blue Chips wie Warhol." Sie verwendet jetzt einen von der internationalen Börsensprache abgeleiteten Begriff, Blue Chips nennt man die ganz großen Firmen und auch die teuren, etablierten Künstler. "Es existierten nur wenige Galerien. Wir jungen Künstler haben neue Arbeiten meistens in alternativen Räumen gezeigt, ohne uns darüber Gedanken zu machen, ob sich etwas verkaufen würde. Es hat sich ja auch nichts verkauft." Dann wird das junge Medium Fotografie als Kunstform akzeptiert, zeitgenössische Kunst als Geldanlage entdeckt, das Geld der Wall Street fließt in den Markt. Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass sie heute selbst ein Blue Chip ist? "Ja", sagt sie, "und ich bin dankbar dafür, dass ich damit überhaupt nicht rechnen konnte. Wir konnten experimentieren, herumalbern, ohne Druck. Heute ist es ein riesiges Geschäft. Die Kids an den Kunstschulen hoffen auf eine Karriere." Hat sie einen Rat an junge Künstler von heute? "Such dir Künstler, die ähnlich ticken wie du, und tausch dich mit ihnen aus über deine Ideen, über ihre Ideen." So hat sie es auch gemacht. Wie wichtig ist ihr Geld? "Wichtig. Ich bin dankbar für das, was ich verdiene, aber ich hoffe, dass mich Geld nie so sehr in meiner Arbeit beeinflussen wird, dass ich etwas produziere, nur um meinen Lebensstil zu finanzieren."

Es dauert, bis der Markt sie entdeckt. Als es losgeht, muss Cindy Sherman eine Lektion lernen. Sie produziert eine Fotoserie, die sie Centerfolds nennt, in Anspielung auf die ausklappbaren Poster von nackten Frauen im Playboy. "Ich wollte die Männer irritieren", sagt sie. "Sie sollten auf den ersten Blick die übliche nackte Frau sehen und auf den zweiten Blick über sich selbst erschrecken." Denn die nackten Frauen, die Sherman zeigt, sehen, wie sie heute selbst sagt, aus "wie potenzielle Opfer". Sie wird nie vergessen, wie einer ihrer Sammler sie eines Tages zu sich nach Haus einlädt und ihr zeigt, wo er sich eines der Centerfolds hingehängt hat: über sein Bett. "Da wurde mir klar: Wenn du einmal eine Arbeit abgeschlossen hast und sie in der Welt ist, hast du keine Kontrolle mehr über sie." Sie zieht noch eine Konsequenz daraus: In ihrer nächsten Serie zeigt sie stärkere, selbstbewusste Frauen.

Mit dem Feminismus hat Cindy Sherman extreme Erfahrungen gemacht: Einmal wird von ihr verlangt, sie solle bei ihrer Serie Untitled Film Stills , in der sie wie eine Schauspielerin posiert, Texttafeln anbringen, damit man die Ironie verstehe – und junge Mädchen nicht dazu verleitet würden, sich auch so anzuziehen. Zugleich werden ihre Arbeiten früh von Genderforscherinnen entdeckt und bewundert. Wie denkt sie heute über den Feminismus? "Ich habe lange Zeit gesagt, dass ich keine feministische Aktivistin bin, aber ich beobachte seit einiger Zeit junge Frauen, die den Feminismus als etwas Aggressives missverstehen und ihm vorwerfen, es gehe nur darum, den Männern die Macht wegzunehmen. So habe ich ihn nie verstanden. Als Reaktion auf diese Entwicklung kann ich heute leichter sagen, dass ich eine Feministin bin."

Cindy Sherman ist eine konzentrierte Gesprächspartnerin. Manchmal zögert sie mit einer Antwort, denkt erst einen Moment nach, bevor sie etwas sagt. Und manchmal wird sie während ihrer Antwort leiser, als ob sie ihre Sätze zum Verschwinden bringen möchte, so wie sie sich selbst in ihrer Kunst zum Verschwinden bringt. Den Trubel um Prominente hat sie nie verstanden und nie gemocht. Als sie mit David Byrne zusammen ist, denkt sie anfangs, dass er nur aus reiner Höflichkeit jedes Mal, wenn er auf der Straße von einem Talking-Heads-Fan angesprochen wird, ein Autogramm gibt. Erst nach einer Weile begreift sie, dass ihr Freund geradezu darauf wartet, erkannt zu werden, und es genießt. Das hat sie erschreckt.

Bei einer ihrer letzten großen Ausstellungen in New York wird sie während der Vernissage von einigen Bewunderern gebeten, Bücher zu signieren. Plötzlich merkt sie, wie die Menschentraube um sie herum größer und größer wird. "Es war vollkommen absurd", sagt sie. Sie flieht in einen ruhigen Raum im ersten Stock ihrer Galerie und wartet, bis sich die Lage beruhigt.

Diese Woche reist sie nach Berlin, um eine Ausstellung zu eröffnen, im me Collectors Room des Sammlers Thomas Olbricht, der 65 ihrer Bilder zeigt. Olbricht weiß genau, wann er ihre Kunst zum ersten Mal gesehen hat. "Ich stand 1996 vor dem Schaufenster ihrer Galerie Metro Pictures in New York und sah diese mysteriösen Bilder. Ich wusste gar nicht, wer Cindy Sherman ist. Aber die Wirkung war wie ein Hormonschock, und damit kenne ich mich aus", sagt er und lacht. Er ist Arzt, seiner Familie gehörte der Wella-Konzern. Er kauft die Arbeiten aus dem Schaufenster und ist heute einer ihrer größten Sammler in Europa.

Nach ihrem Besuch in Berlin wird Cindy Sherman nach Los Angeles fliegen, zur Eröffnung des Museums von Eli Broad, ebenfalls Sammler ihrer Arbeiten. Deshalb, erzählt sie, kann sie zur selben Zeit nicht nach Athen reisen zu einem besonderen Abend. Ein guter Freund von ihr, der Musiker Rufus Wainwright, hat mit ihr einen Musikfilm gedreht, in dem sie die Opernsängerin Maria Callas darstellt. Der Film feiert während eines Auftritts von Wainwright in Athen Premiere. "Ich mochte die Vorstellung, eine alternde Primadonna zu geben, die versucht, herauszufinden, ob sie es noch kann", sagt Sherman. "Na ja, und außerdem dachte ich: Mag sein, dass ich jetzt auch alt bin – dann passt es wenigstens zur Rolle."

Für die Künstlerin ist das Altern ein besonderes Thema. "Ich sehe mein Gesicht als meine Leinwand, die ich bemalen kann. Natürlich frage ich mich, was es für meine Kunst bedeutet, dass ich jetzt 61 bin. Vor ungefähr fünfzehn Jahren war es ideal: Damals konnte ich viel jünger aussehen und viel älter. Jetzt bin ich wohl im hinteren Spektrum gelandet." Sie lacht. Und sagt, dass sie immer wieder mal über eine Schönheits-OP nachdenke. "Wenn überhaupt, würde ich etwas am Hals machen lassen, nicht in meinem Gesicht. Andererseits denke ich in solchen Momenten immer: Vielleicht sollte es wenigstens ein paar Frauen geben, die ganz normal älter werden, ohne solche Eingriffe. Um ein Vorbild zu sein für jüngere Frauen."

Am Tag unseres Besuchs trägt sie kein Make-up. Das war früher anders. "Als Teenager war ich vollkommen neurotisch. Ich habe jeden Morgen Make-up aufgetragen. Selbst wenn ich krank war und im Bett lag. Ich dachte: Wer weiß, wer heute an der Tür klopft – vielleicht ist es die Liebe meines Lebens, da will ich mich von meiner besten Seite zeigen." Erst im College in den siebziger Jahren hat sie damit aufgehört. "Plötzlich hieß es: Kein Make-up, keinen BH, natürliche Haarfarbe." Von einem Extrem ins andere – mittlerweile geht sie mit sich entspannter um.

Vor ein paar Tagen erst, erzählt sie, war sie wieder bei ihrem Therapeuten. "Zum ersten Mal wusste ich gar nicht, worüber ich reden sollte." Nach der Sitzung zeigte der Therapeut ihr seinen Notizblock. Das Papier war leer, "ich habe heute nichts aufgeschrieben". Cindy Sherman klingt selbst noch ganz verwundert, als sie davon erzählt. "Es war bizarr. Ich bin geheilt!" Wieder lacht sie.

Wir kennen Cindy Sherman in Hunderten von Masken, wie ist die echte Cindy Sherman? 1984, als sie gerade bekannt wurde und zu Gast in Deutschland war, wurde ihr die Frage schon einmal gestellt. Ihre Antwort: "Eine durchschnittliche, verwirrte Person, die nur versucht, etwas von sich auszudrücken, und das in einer Form, die ihr am angenehmsten ist." Als sie jetzt ihre Antwort von damals wiederhört, ist ihre erste Reaktion: "Das ist gut! Ich würde nur ergänzen, dass ich heute etwas weniger verwirrt bin als damals. Ich bin zufriedener." Hat sie alles erreicht, was sie erreichen wollte? Sie zögert mit der Antwort, denkt nach. "Ich habe versucht, eigene Kinder zu bekommen. Aber nach einigen Jahren Hormonbehandlung und nach vielen Arztbesuchen habe ich es aufgegeben. Irgendwann dachte ich: Mein Leben ist schon okay so, wie es ist."

Nach dem Interview geht Cindy Sherman die Treppe hinunter, der Fotograf wartet. Was hat sie als Nächstes vor? "Männer", sagt sie. "Aber Männerperücken sehen immer so falsch aus, mit Frauenperücken ist es viel einfacher. Sie passen auch besser auf meinen Kopf." Ein letztes Mal ihr Lachen. "Ich will mehr Männer machen. Aber es ist kompliziert."

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