Harald Martenstein: Über die Unmöglichkeit, Schwächen zuzugeben

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 39/2015

Wie ich dem Internet entnehme, gibt es im Englischen seit ein paar Jahren ein neues Wort für eine unangenehme Eigenschaft, das Wort heißt humblebragging. Es setzt sich aus humble zusammen, was "bescheiden" heißt, und aus to brag, angeben. Auf Deutsch könnte man vielleicht "leidprahlen" sagen. Ein Leidprahler lebt auf der Sonnenseite, aber er tut so, als ob es ihm mies gehe. "Ich habe all die Jahre wahnsinnig unter dem Leistungsdruck und der ständigen Überforderung gelitten, im Grunde hätte ich als Lehrer ein erfüllteres Leben gehabt" – falls Thomas Gottschalk so einen Satz sagen würde, dann wäre dies humblebragging. Eine Studie belegt angeblich, dass die meisten Leute einen ehrlichen Angeber weniger unsympathisch finden als einen Leidprahler. Ein in sich ruhendes Großmaul findet man immer noch besser als einen pseudobescheidenen Heuchler. Die Beliebtheit des US-Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump spricht ja auch für diese These.

In der Studie des Forschertrios Sezer, Gino und Norton wird auch die Frage "Was sind Ihre größten Schwächen?" analysiert, diese Frage wird gern in Bewerbungsgesprächen gestellt. Die am häufigsten gegebene Antwort lautet: "Meine größte Schwäche ist, dass ich so perfektionistisch bin." Dies sagten in der Versuchsgruppe 33 Prozent. 25 Prozent gaben als größte Schwäche an, dass sie immer viel zu hart arbeiten. 15 Prozent sagten, sie seien zu nett. Das heißt, die Leute nennen eine Stärke, die sie aber heuchlerisch als Schwäche ausgeben. Andererseits, dachte ich mir, was sollen die Leute im Bewerbungsgespräch denn sonst antworten? Sollen sie ehrlich sein? "Ich bin schon manchmal ein bisschen faul"? Bei mindestens 33 Prozent der Bewerber würde das sicher zutreffen, und vielleicht sind das gar nicht mal die schlechtesten Mitarbeiter. Wenn ich als Personalchef die Wahl hätte zwischen einem der 33 Prozent Faulen und einer Person aus dem 25-Prozent-Pool, die wahrheitsgemäß sagen: "Ich bin ein intrigantes Schwein", oder aber einem von den 15 Prozent, die ehrlich zugeben: "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist leider mein Hobby", dann würde ich im Interesse des Betriebsfriedens einen von den Faulen nehmen. Ich kenne viele faule Menschen, die in ihren wenigen aktiven Momenten echt gute Sachen machen.

Falls ich jemals im Leben noch mal ein Bewerbungsgespräch absolvieren muss, und ich werde nach meiner größten Schwäche gefragt, dann werde ich antworten: "Meine größte Schwäche ist, dass ich auf blöde Fragen keine Antwort gebe." Ich würde, als Personalchef, so jemanden einstellen.

Als ich dann noch mal die Liste mit den beliebtesten Antworten las, ist mir doch ein bisschen schwummrig geworden. Im Grunde trifft das meiner Meinung nach alles total auf mich zu. Ja, ich bin perfektionistisch, gewiss, ich arbeite zu viel, und, dies vor allem, ich bin zu nett. Vielleicht irre ich mich. In Wirklichkeit bin ich vielleicht ein fauler Schluri und ein Ekelpaket, aber wer gibt das denn vor sich selbst zu? Das heißt, die vermeintlichen Bewerbungsgesprächsheuchler und die Leidprahler sagen in Wirklichkeit nur das, was sie für die Wahrheit halten. Um ehrlich zu wirken, müssten sie lügen. Sie sollten herausfinden, was ihr Gegenüber für ihre Schwäche hält, diese Schwäche sollten sie zum Schein zugeben. Was für eine durch und durch verdorbene und verkommene Welt dies doch ist! Was hat ein netter Junge wie ich auf diesem Planeten überhaupt verloren? Ich jammere gern. Das ist auch eine Schwäche.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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"Jammern auf hohem Niveau" ist etwas anderes. Da steht das Jammern im Vordergrund und es kann ganz ernst gemeint sein. Beim humblebragging steht die Angeberei im Vordergrund.

Auf hohem Niveau jammere ich, wenn ich über einen mageren Bonus klage oder die Preise bei meinem Weinhändler. Das kann jeder.

Humblebragging ist die hohe Kunst. Man bezeichnet sich als bescheidenen Menschen von durchschnittlicher Begabung, aber auf eine Weise, die jeden wissen lässt: Da hat einer Knete ohne Ende und ist überhaupt ein unheimlich toller Hecht. So wie in dem Beispiel, das ich unten gegeben habe.