© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Ich hätte mich nie umgebracht"

Der Vater von Lang Lang war ein Tyrann. Das Vertrauen in sich selbst ließ den Jungen das ertragen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 39/2015

ZEITmagazin: Herr Lang Lang, bei Ihrer Geburt hatte sich die Nabelschnur zweieinhalbmal um Ihren Hals gewickelt. Sie konnten nicht mehr atmen. Sie haben das offensichtlich überlebt.

Lang Lang: Im letzten Moment haben mich der Arzt und meine Mama gerettet. Meine Mutter war später der Meinung, ich hätte überlebt, weil ich noch eine Aufgabe im Leben gehabt habe. Ich glaube aber, dass man davon bei der Geburt noch nichts weiß, sondern das erst im Lauf der Jahre erkennt.

ZEITmagazin: Ihr Vater kaufte ein Klavier, als Sie zweieinhalb Jahre alt waren. Er hatte wohl Großes mit Ihnen vor. Woher wusste er von Ihrem Talent?

Lang: Das wusste er natürlich anfangs nicht. Er wollte, dass ich wie er ein Instrument lerne, und Klavier hielt er geeigneter für eine internationale Karriere. Ich bin ein Produkt der Ein-Kind-Politik. Diese Kinder sollen all die Hoffnungen der Eltern auf eine bessere Zukunft erfüllen.

ZEITmagazin: Ihr Vater war ein Tyrann, der Sie sehr unter Druck setzte. Sie mussten stundenlang üben, und als eine Lehrerin, Sie nannten sie Professor Zornig, Sie rauswarf, verlangte Ihr Vater sogar von Ihnen, sich umzubringen.

Lang: In dem Moment hatte er die Kontrolle verloren. Er war mit mir extra nach Peking gezogen, hatte seinen Beruf aufgegeben, und nun sah es so aus, als wäre ich nicht gut genug. Er hatte damals als begabter junger Musiker auch aufs Konservatorium wollen. Aber durch einen dummen Fehler im Anmeldeformular wurde er nicht genommen. Nun sah er erneut seinen Traum zerplatzen. Ich stand also auf dem Balkon, und er schrie mich an, dass ich runterspringen solle. Aber ich war stark. Ich hätte mich nie umgebracht. Danach habe ich allerdings eine Zeit lang nicht mehr mit ihm geredet und mich geweigert zu üben.

ZEITmagazin: Aber Sie haben ihm verziehen?

Lang: Natürlich. Letztlich hatten wir beide dasselbe Ziel: Erfolg. Ich wusste, dass ich es weiter bringen würde als er, da ich so früh angefangen hatte.

ZEITmagazin: Und dann kam die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium in Peking.

Lang: Das war wirklich die schrecklichste und schwerste Prüfung meines Lebens. Ich hatte erfahren, dass Professor Zornig in der Jury saß. Die Nacht davor war ich so nervös, dass ich zu meinem Vater ins Bett schlüpfte und ihn bat, mich in den Arm zu nehmen. Eigentlich hatte ich immer Angst vor ihm. Aber in diesem Moment brauchte ich das einfach. Während des gesamten Vorspielens konnte ich nur immerzu denken: Gleich erzählt sie allen, wie schlecht ich bin, dass ich kein Talent besitze.

ZEITmagazin: Ihr Vater war der Meinung, dass Gefühle Sie schwach werden lassen, vor allem die Zuneigung zu Ihrer Mutter.

Lang: Ich hing wahnsinnig an meiner Mutter und verbrachte als Kind jede Sekunde mit ihr. Sie nahm mich sogar zur Arbeit mit. Als ich mit meinem Vater nach Peking ging und sie in Shenyang zurückblieb, war das unglaublich schmerzhaft für mich. Ich hatte so große Sehnsucht nach ihr, dass ich anfangs nicht einmal mehr aufstehen wollte. Meine ganze Kindheit habe ich nach ihr geweint. Erst später verstand ich, dass sie zurückbleiben musste, da wir zu arm waren. Sie musste uns ernähren. Das hat mein Vater aber nie so zugegeben. Er erfand andere Gründe, wie eben dass sie mich schwach macht. Für meinen ersten internationalen Wettbewerb in Deutschland mussten wir 5000 US-Dollar leihen. Das hat er mir natürlich auch nicht erzählt. Das hätte viel zu viel Druck aufgebaut. Er war hart, aber nicht verrückt ... also nicht komplett.

ZEITmagazin: Wie hat Ihre Mutter Ihre Persönlichkeit geformt?

Lang: Sie ist eine sehr offene, großzügige und liebevolle Person und immer für mich da. Sie hat mich nie angeschrien. Deshalb wäre es mir lieber gewesen, meine Mutter hätte mich nach Peking begleitet. Aber mein Vater versteht mehr von Musik, also beschlossen sie, dass er geht. Er hat mich auch immer bestärkt. Sobald ich anfing, an mir zu zweifeln, beschwichtigte er mich. Als ich Chopins Klavierkonzert Nr. 2 in einem Wettbewerb in Japan spielen sollte, rieten mir die Lehrer davon ab, da ich zu jung für solch tiefe Gefühle sei. Mein Vater jedoch erklärte mir: Du weinst immer, wenn du an deine Mama denkst. Zeig diese Liebe, zeig diese Sehnsucht. Und das funktionierte perfekt.

ZEITmagazin: Haben Sie ein Ritual vor Auftritten?

Lang: Ich brauche ein kurzes Nickerchen, um meinen Kopf zu leeren. Wenn ich dann die Augen wieder öffne, ist das wie ein Neustart. Mache ich das nicht, bringe ich nur 90 Prozent, nicht die 100, die nötig sind.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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