FC Bayern München Supermacht trifft Supermacht

Im Sommer reiste der FC Bayern München acht Tage lang durch China. Der Fotograf Juergen Teller, seit seiner Jugend Fan des Clubs, war mit dabei. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2015

In einem Kleinbus in Shanghai, auf dem Weg zu einem Golfplatz, sitzen an einem Sommertag im Juli der Fußballspieler Thomas Müller und der Fotograf Juergen Teller nebeneinander und kommen ins Gespräch. Juergen Teller erzählt, dass er Franke ist und seit dreißig Jahren in London lebt, und wie er mit seinem Sohn Ed im vergangenen Jahr vor dem Fernseher das Finale der Fußballweltmeisterschaft erlebt hat. Thomas Müller lächelt. "Ich habe mir Fußball auch viel lieber als Fan zu Hause vor dem Fernseher angeschaut." Wie das? "Na", sagt Thomas Müller, "wir sind ja letztes Jahr Weltmeister geworden. Das ist das Größte, was man als Fußballer erreichen kann. Aber wisst ihr, wir haben auch lange auf das große Ziel hingearbeitet, wochen-, ach was, monatelang. Und wenn du dann dieses Ziel erreichst, freust du dich. Aber dieses Mitfiebern zu Hause vor dem Fernseher, gemeinsam mit deinen Kumpels, das hast du als Spieler nicht mehr."

Ein Mitarbeiter vom FC Bayern München sagt, dass wir gleich am Golfplatz sind. Thomas Müller spielt gerne Golf. Wenn es ihm der Spielplan erlaubt, ist er einmal in der Woche auf dem Platz. Was fasziniert ihn daran? "Schaut euch doch mal um hier", sagt er. "Uns Fußballprofis wird ja fast alles im Leben abgenommen." Er hält die Lunch-Tüte hoch, die jeder Spieler vor der Abfahrt bekommen hat, vorbereitet von den eigens mitgereisten Köchen des Vereins. "Beim Golfen ist es so, dass du den Ball plötzlich perfekt triffst und denkst: Jetzt hast du’s raus. Und dann geht der nächste Schlag total daneben. Das erdet."

Eine gewisse Erdung können die Spieler wirklich brauchen. Kurz vor der Abfahrt des Kleinbusses winken Philipp Lahm und Thomas Müller den etwa 200 chinesischen Bayern-Fans, die auf sie gewartet haben und jetzt laut den Namen der Spieler rufen, "Müller"!, "Lahm!". Als eine Gruppe ein Plakat mit dem Namen von Thomas Müllers Ehefrau Lisa hochhält und "Lisaaa! Lisaaa!" ruft, kann es selbst Lahm nicht glauben. Er dreht sich zu Müller um: "Die rufen jetzt nicht wirklich den Namen deiner Frau?!"

Peking, Shanghai und Guangzhou stehen auf unserem Reiseplan, als wir Mitte Juli in München mit über 200 anderen Passagieren in das Flugzeug des FC Bayern steigen, das uns acht Tage lang durch China fliegen wird. Der Verein hat extra für den Trip T-Shirts herstellen lassen, auf denen das Motto steht: "Mia san China". Drei Freundschaftsspiele wird es geben, gegen Inter Mailand, den FC Valencia und den chinesischen Meister Guangzhou Evergrande, dazwischen PR-Termine für die Sponsoren. Darum geht es auf der Reise: den FC Bayern in China noch bekannter zu machen. Mit an Bord die Mannschaft, Stars wie Manuel Neuer, Philipp Lahm, Mario Götze und Thomas Müller, neue Spieler wie Douglas Costa und Joshua Kimmich, Trainer Pep Guardiola, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und natürlich auch sonst alle wichtigen und nicht ganz so wichtigen Menschen des Clubs. Dazu eine Gruppe von Fußballjournalisten, die täglich berichten werden, und Gäste der Sponsoren des Clubs. Und Juergen Teller.

Was sieht ein Fotograf wie Juergen Teller, über die Kunst- und Modewelt hinaus berühmt für seinen besonderen Blick, wenn er eine solche Reise mitmacht? Das ist die Frage, als wir in München losfliegen in Richtung Peking.

Schon als kleiner Junge ist Juergen Teller Bayern-Fan gewesen, aber Fußball war in seiner Kindheit längst nicht so populär wie heute. Es war auch nicht das weltweite Milliardengeschäft, das es heute ist. Mit Anfang zwanzig zieht Juergen Teller in den achtziger Jahren nach London. Für seine Heimat Deutschland interessiert sich niemand. "Das Einzige, was die Leute damals ernst genommen haben, war mein Fußballclub, Bayern München", sagt er. Der FC Bayern München ist bis heute eine Verbindung in die Heimat.

Der Kleinbus in Shanghai erreicht den Golfplatz, die Spieler ziehen sich im Clubhaus um. Ihr Trainer Pep Guardiola ist auch mitgekommen, im Bus hat man ihn kaum wahrgenommen. Er hat sich gleich vorne in die erste Reihe direkt hinter den Fahrer gesetzt, einen Laptop aufgeklappt und ein schwarzes Notizbuch aufgeschlagen. Dann hat er sich das Freundschaftsspiel gegen den FC Valencia angesehen, Szene für Szene, immer wieder das Bild angehalten, eine Notiz mit einem roten Stift gemacht, wieder Play gedrückt, wieder Pause, wieder eine Notiz. Geredet hat er nicht.

Auf dem Golfplatz ist es heiß, die Luftfeuchtigkeit liegt bei über 80 Prozent. Frische Luft kommt nur von riesigen weißen Ventilatoren, die wie Windmühlen überall auf dem Gelände stehen. Die Spieler und ihr Coach teilen sich in Gruppen auf und spielen los. Guardiola nimmt das Spiel ernst, sehr ernst, sein Hemd ist schnell durchgeschwitzt.

Einige Stunden später wartet Guardiola mit Müller und den anderen Spielern, alle wieder frisch geduscht, in einer Sitzecke des Clubhauses auf den Bus, der sie abholen soll. Guardiola und Müller unterhalten sich auf Englisch, Müller sitzt in einem Sessel, Guardiola steht. Sie reden über ihr Golfspiel, Small Talk. "Du hast einen guten Schwung", sagt Müller, "aber er ist nicht stark genug." Müller lacht. Guardiola fasst sich an einen Oberarm, sagt, dass seine Muskeln nicht durchtrainiert sind wie die der Spieler. Dabei sieht Guardiola immer noch so aus, als könne er jederzeit eingewechselt werden. "Aber die Kraft kommt woanders her", sagt Müller, deutet auf seinen Bauch und lacht wieder. Jetzt lächelt Guardiola und deutet auf seinen Bauch, "ich bin einfach kein Profi mehr". Dann ist der Bus da, es geht weiter zum nächsten Termin.

Ortswechsel, das Olympiastadion von Peking, das berühmte "Vogelnest", gebaut von den Architekten Herzog & de Meuron. Plötzlich steht Franz Beckenbauer vor uns. Er macht einen leicht tänzelnden Schritt, dazu das berühmte, gleichermaßen verschmitzt wie staunende Franz-Beckenbauer-Lächeln. Er hat eine leuchtend rote Hose an, als er käme er direkt vom Golfplatz in Kitzbühel. Als wir ihn ansprechen und fragen, ob wir ihn fotografieren dürfen, sagt er "na klar" und legt automatisch seinen Arm über die Schulter des Reporters, eine routinierte Bewegung, tausend Mal gemacht, überall auf der Welt. "Herr Beckenbauer, wir würden Sie gerne allein fotografieren." – "Allein? Aber das ist doch langweilig." Er lacht. "Na gut, bitt’ schön." Er bleibt kurz stehen, dann tänzelt er weiter.

Auf dem Platz trainiert die Mannschaft, Beckenbauer schaut eine ganze Weile zu, irgendwann wird es ihm langweilig. Er geht an der Auswechselbank vorbei. Da sitzt Matthias Sammer, Sportvorstand beim FC Bayern. Es ist mittlerweile früher Abend, Beckenbauer will zurück ins Hotel. Er winkt Sammer zu: "Wie lange trainiert’s ihr noch? Bis zehne?" In diesem Moment klingt Franz Beckenbauer, als ob er auf einem Fußballplatz in München-Giesing steht, dem Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Beckenbauer lacht, und Sammer lacht leicht gequält mit. Er weiß, dass er noch sitzen bleiben muss.

Das ist einer der Eindrücke von der Reise: Beckenbauer, Sammer, Guardiola, sie alle sind ehemalige Spieler, sie alle eint, dass der Fußball sie nicht losgelassen hat, als sie aufhören mussten zu spielen, weil ihre Körper nicht mehr wollten. Wie muss das sein, einerseits so nahe wie möglich dran am Geschehen zu bleiben, ob als Trainer oder als Funktionär, aber eben nur noch am Rand des Rasens, nicht mehr auf dem Rasen? Der Blick von Pep Guardiola auf die Muskeln von Thomas Müller im Clubhaus des Golfplatzes hat auch etwas Melancholisches ausgestrahlt: Früher war ich wie du. Früher.

"Es gibt nichts Schöneres im Leben, als vor 70 000 Zuschauern ein Tor zu schießen", sagt Karl-Heinz Rummenigge. Er sitzt an der Bar des Mandarin Oriental Hotel in Guangzhou. "Wissen Sie, ich habe heute einen tollen Job, der mir wirklich Spaß macht, aber wenn Sie mir jetzt anbieten würden, dass ich morgen wieder mitspielen kann, würde ich sofort einschlagen." Rummenigge ist seit dreizehn Jahren Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München. Er gilt als knallharter Manager, der keine Probleme damit hat zu polarisieren. Wenn er glaubt, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben, erträgt er auch Pfiffe der eigenen Fans.


Er treibt die Internationalisierung des Clubs voran, gemeinsam mit seinem Vorstand Jörg Wacker. Warum eigentlich? Dazu muss man ein paar Jahre zurückblenden. Es ist noch gar nicht lange her, dass der FC Bayern zwar der führende Fußballverein in Deutschland war, in der Champions League aber regelmäßig im Viertelfinale ausschied. In Europa war man gut, aber nicht sehr gut. Dann entschied man sich, mehr Geld für Spieler auszugeben, holte Stars wie Franck Ribéry und Arjen Robben, und plötzlich lief es auch in Europa sehr gut, Halbfinale, Finale, Sieg. Diese Erfahrung hat den Verein verändert. Die Deutsche Meisterschaft ist Pflicht, aber eigentlich geht es Karl-Heinz Rummenigge darum, den FC Bayern München auf Dauer neben den anderen europäischen Spitzenvereinen wie Real Madrid, dem FC Barcelona oder Manchester United zu etablieren.

Auf der Pressekonferenz am Ende der Reise wird er wieder den knallharten Manager geben. Er wird seinem Trainer Pep Guardiola sehr deutlich machen, dass das Leben beim FC Bayern weitergehen wird, wenn Guardiola seinen Vertrag, der nächstes Jahr ausläuft, nicht verlängern möchte. An der Hotelbar aber erzählt Rummenigge von seiner Zeit als junger Spieler.

Seine Tochter habe vor Kurzem ein Buch bei ihm zu Hause im Regal entdeckt, das er in den achtziger Jahren veröffentlicht hat, als er der größte deutsche Stürmer war, ein Teenie-Star, über den Popsongs gesungen wurden, über den die Bravo schrieb. In dem Buch erzählt er, wie groß der Ärger mit der Vermieterin seiner ersten Wohnung in München war, wegen der Telefonrechnung. "Mehrere Hundert Mark im Monat habe ich damals vertelefoniert", sagt er und lacht.

Rummenigge erzählt, dass er als junger Spieler in Lippstadt 17 Angebote von Proficlubs hatte, Erste Liga, Zweite Liga. "Meine Mutter hat auf mich eingeredet, Junge, bleib doch in der Gegend, in Dortmund oder Schalke, da bist du nicht so weit weg von zu Hause. So war das damals." Rummenigge wirkt selbst fast erstaunt, wenn er davon erzählt. Mit der Gegenwart des Profifußballs hat das nicht mehr viel zu tun.

487,5 Millionen Euro hat der FC Bayern München in der Saison 2013/2014 umgesetzt, das ist viel Geld, aber Manchester United lag bei 518 Millionen, Real Madrid bei 550 Millionen. Der FC Barcelona und Paris Saint-Germain rangieren in der Tabelle nur knapp hinter den Bayern. Schon in diesem Sommer haben viele englische Clubs mehr Geld als weltweit alle anderen zur Verfügung gehabt, um neue Spieler zu kaufen. Im kommenden Jahr wird dort noch mehr Geld fließen – wegen der Fernseheinnahmen, die nirgendwo auf der Welt so hoch sind wie in England.

Das wurmt Rummenigge, und das ist ein Grund, warum er an diesem Tag in einer Hotelbar in Shanghai sitzt und nicht in Österreich, wo sich der Verein früher auf die nächste Saison vorbereitet hat. Es geht ums Geld. Bayern München möchte auch künftig mit den Manchester Uniteds dieser Welt mithalten. Laut Handelsblatt bringt dem Verein die Reise Einnahmen in Höhe von 10 Millionen Euro. Bayern München hat mittlerweile eine chinesische Website, der chinesische Internetkonzern Alibaba bietet fast 300 Fanartikel an. Es gibt Kooperationen mit Websites wie Goal.com und den chinesischen Facebooks. Bayern München ist der einzige Verein, der in der wöchent- lichen Show über internationalen Fußball im staatlichen Fernsehen CCTV einen festen Sendeplatz hat. Das Ziel hat Rummenigge festgelegt: Im Jahr 2020 sollen rund 25 Millionen in China erwirtschaftet werden.

Deshalb die Strapazen einer Reise bei dauerhaft 30 Grad in einem Land ohne Demokratie und mit eigenen Spielregeln. Diese Regeln sind nicht immer verständlich, wie etwa an dem einen Morgen, als das Flugzeug mit allen über 200 Gästen abflugbereit auf der Landebahn in Peking steht und drei Stunden lang keine Starterlaubnis bekommt. Irgendwann reicht es dann sogar dem höflichen Lufthansa-Piloten. "Sie sehen ja, dass wir hier in Peking gutes Wetter haben, und wir wissen von unseren Kollegen, dass in Shanghai auch gutes Wetter ist", sagt er über die Bordlautsprecher. Man erfahre leider nicht, warum die Behörden keine Starterlaubnis erteilten.

Es kommt auch immer wieder zu kleineren Pannen, mal funktionieren die Mikrofone bei einer Pressekonferenz nicht, mal läuft bei einer Veranstaltung kurz die Hymne des FC Barcelona. Nach einem der Spiele, als euphorisierte Fans dem Mannschaftsbus jubelnd hinterherrennen und nur für ein paar Momente die Weiterfahrt verhindern, tauchen wie aus dem Nichts dunkel gekleidete Polizisten auf, die die Fans verjagen, einige festhalten, wegzerren.

Fans hat der FC Bayern München viele in China. Der Verein veröffentlicht die geschätzte Zahl von "90 Millionen Sympathisanten". Tatsächlich sind überall, wo die Mannschaft auftaucht, Plakate und Poster zu sehen, hochgehalten von jungen Chinesinnen und Chinesen. Im Stadion rufen sie laut im Chor und auf Deutsch "Super Bayern! Super Bayern!". Wir sehen ein junges Paar von hinten, das händchenhaltend nach Hause geht, er im Robben-Trikot, sie im Ribéry-Trikot. Wir begegnen besten Freundinnen, die gemeinsam das Spiel besuchen. Sie haben sich vorher das Bayern-Logo auf die Wange malen lassen wie bei einem Popkonzert. Und wir treffen einen Chinesen, der sich vor dem Stadion in Peking mit Juergen Teller unterhält, dem Fotografen ist das Tattoo des Fans aufgefallen. "FC Bayern München" steht da. Um zu beweisen, wie ernst er es mit seiner Liebe meint, zieht er sein Trikot aus und dreht sich um: Er hat sich das blau-weiß-rote Vereinslogo auf den Rücken tätowieren lassen.

Woher kommt diese Begeisterung? Fußball wird in China allgemein immer beliebter, aber der Champions-League-Sieg vor zwei Jahren hat die aktuelle Mannschaft richtig bekannt gemacht. Und die Fußballweltmeisterschaft haben auch in China alle gesehen. Das kann man in den Stadien erkennen: Viele Besucher tragen Bayern-Trikots, aber es sind auch eine Menge Trikots der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. Überall, wo Mario Götze auftaucht, rufen besonders die weiblichen Fans sofort seinen Namen: Sein entscheidendes Tor im Finale der Weltmeisterschaft hat ihn auch in China zum Star gemacht.

Die Fans des FC Bayern sind jung, jünger zum Beispiel als die von Inter Mailand. Die großen Erfolge des italienischen Vereins liegen schon länger zurück. Die logische Schlussfolgerung kennen sie bei Bayern München: Sie müssen immer vorne dabeibleiben, alle paar Jahre die Champions League gewinnen, wenn sie in China weiterwachsen wollen. Es ist der Druck der Globalisierung, der den Verein antreibt, noch mehr Geld zu verdienen.

Und so kommt es, dass Mario Götze am vorletzten Abend in China, in der 12-Millionen-Einwohner-Stadt Guangzhou, gemeinsam mit einigen anderen Spielern in eine ehemalige Fabrikhalle gefahren wird. Ein Werbespot für ein chinesisches Mineralwasser soll gedreht werden, es ist der erste regionale Sponsor des Vereins. Die Spieler tragen ihre Arbeitskleidung, rotes Trikot, rote Hose, rote Stutzen, nur an den Füßen keine Fußballschuhe, sondern Sneaker. So laufen sie in die Halle ein, wie Gladiatoren in die Arena. Doch dann – passiert nichts.

Ein riesiges Studio ist eingerichtet, große Lampen stehen überall, Dutzende Mitarbeiter der Produktionsfirma laufen durcheinander, schrauben an Geräten, betrachten Monitore. Sie rufen sich etwas zu, die Stimmen werden lauter, jetzt haben sie die Spieler bemerkt. Doch niemand kommt auf Mario Götze und die anderen Spieler zu. Und so stehen sie mitten in der Halle und schauen sich ratlos um. Kein Regisseur, kein Assistent begrüßt sie. Aus den Gladiatoren werden wieder junge Männer. Das Erste, was Mario Götze laut in das Chaos hinein sagt: "Where’s the make-up?"

Die Dreharbeiten beginnen. Die Spieler bekommen eine Flasche Mineralwasser und müssen von einer festen Position aus in Richtung Kamera laufen, wieder und wieder.

Eine Mitarbeiterin der Filmcrew spricht den Spieler Juan Bernat dabei versehentlich mit falschem Namen an: "Lahm, please come forward." Eigentlich sollte Lahm dabei sein, aber er ist leicht verletzt, darf deshalb im Hotel bleiben. Bernat ist eingesprungen, beide Spieler sind relativ klein, diese Ähnlichkeit reicht offenbar.

In den Pausen sitzen die Spieler auf Plastikstühlen und langweilen sich. Robert Lewandowski und Mario Götze tauschen Blicke aus, die nur eines sagen: Was machen wir hier? Es ist wie in Sofia Coppolas Film Lost in Translation: Nur dass nicht Bill Murray einen Werbespot für japanischen Whiskey dreht, sondern Mario Götze Werbung macht für chinesisches Mineralwasser.

"FC Hollywood" hat man den FC Bayern München einmal genannt, und die Unterhaltungsmaschine läuft auch in China. Einmal taucht der Pianist Lang Lang auf, spielt auf einem Flügel, und Thomas Müller und Philipp Lahm treten zu einem Match gegen chinesische Tischtennisprofis an. Ein anderes Mal lädt der Thomas Gottschalk des chinesischen Fernsehens Spieler in seine Show ein und lässt sich auf der Bühne genauso fallen wie Thomas Müller bei seinem missglückten Freistoßtrick in Brasilien. Und dann taucht Mario Götze eines Abends zu einer Autogrammstunde in einem Autohaus auf. Einige Dutzend junge chinesische Paare warten dort auf ihn. Sie alle haben an diesem Tag einen deutschen Sportwagen gekauft, das unterschriebene Trikot des berühmten Spielers, der die Weltmeisterschaft entschieden hat, kommt gratis dazu.

Natürlich stellen sie sich bei Bayern München die Frage, wie global der Verein werden kann, ohne seine bayerische Identität zu verlieren. Auch deswegen ist der Bayer Thomas Müller unverkäuflich, obwohl Manchester United, wie der Kicker einige Wochen nach der Reise berichtet, die unglaubliche Summe von 120 Millionen Euro für ihn bezahlen wollte. Damit wäre er der teuerste Spieler aller Zeiten geworden.

Der FC Bayern erfährt immer wieder, wie schmal der Grat ist, auf dem er sich bewegt. Der Verein engagiert sich seit Langem in verschiedenen Sozialprojekten und spendet etwa für Flüchtlinge in diesen Wochen eine Million Euro, aber all das hilft seinem Ruf nicht, wenn man wie im vergangenen Winter zu einem Trainingslager ausgerechnet nach Katar fährt und dafür heftig kritisiert wird.

Wie international der Verein geworden ist, kann man während der Chinareise auch hören: Im Team wird längst in allen Sprachen miteinander gesprochen, auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch. Wenn der Vorstandsvorsitzende Rummenigge mit seinem Trainer Guardiola etwas bespricht, reden sie Italienisch miteinander: Beide haben in Italien gespielt, in ihrem früheren Leben.

Was Pep Guardiola von solchen Reisen wie der nach China hält? Offiziell hält er sich bedeckt, erklärt, das gehöre heute nun mal dazu. Was man so sagt. Aber manchmal kann er sich einfach nicht mehr kontrollieren. Als das Golfturnier in Shanghai zu Ende ist, findet auf dem Platz eine Siegerehrung statt. Geladene Gäste des Sponsors, die ebenfalls mitgespielt haben, werden genauso ausgezeichnet wie die Spieler und ihr Trainer. Und so muss Pep Guardiola eine halbe Ewigkeit auf einer improvisierten Bühne warten. Er kann nicht weg, ohne die Gastgeber zu brüskieren, das weiß er. Anfangs reißt er sich noch zusammen, aber plötzlich tut er so, als ob er abschlägt. Er spielt nicht Luftgitarre, er spielt Luftgolf. Als ihm auch das nicht mehr reicht, dreht er sich plötzlich um und schaut direkt auf die Sponsorenwand, stößt mit der Nasenspitze fast dran. Es ist ein Bild, das man kaum glauben kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat: Er steht direkt vor der Wand, dem Publikum den Rücken zugewandt. Wie ein Kind, das sich die Hände vors Gesicht hält und glaubt, es sei unsichtbar.

Am Tag der Landung in München, ist Guardiola plötzlich verschwunden. Ist er sauer auf Rummenigge, weil der auf der Pressekonferenz so deutlich war? Oder braucht er jetzt nur etwas Abstand? Die Spieler, das Team, die Mitarbeiter, die Journalisten – sie alle stehen noch am Band und warten auf ihr Gepäck. Nur der Coach ist auf einmal weg. Am selben Abend wird er dann im Schumann’s, der berühmten Münchner Bar, gesehen, im weißen Poloshirt, ganz entspannt lässt er sich von Fans fotografieren.

Wie geht es den Spielern während einer solchen Reise? Auch sie müssen immer wieder warten, ständig geht es zwischen Hotels und Stadien hin und her, sie werden zu Sponsorenterminen gefahren, hier ein Interview für eine chinesische Website, da ein Interview für das Fernsehteam der Bundesliga, oft wissen sie nicht wirklich, was gerade mit ihnen passiert. Vom Land selbst bekommen sie kaum etwas mit, ein Blick aus dem Bus oder aus ihrem Hotelfenster, die gigantischen Wolkenkratzer von Shanghai, der ewig bedeckte Smoghimmel von Peking, das alte Stadion in Guangzhou, das so gar nicht in das Bild des modernen, boomenden Chinas passt. "Wir haben wenig gesehen", sagt Sebastian Rode am Ende der Reise, "aber wir bereiten uns auch auf die Saison vor. Es ging nicht darum, eine Sightseeingtour zu machen." Die Spieler leben in einer eigenen Welt, die man um sie herum baut, in der sie durch möglichst wenig Wirklichkeit abgelenkt werden sollen.

Für die Sportler ist auch auf dieser durchgeplanten Reise vor allem eines wichtig – "wir Spieler wollen einfach immer gewinnen", sagt Philipp Lahm. Und so drehen sie nach einem der Spiele eine Ehrenrunde, jubeln, rennen auf die Fans in der Kurve zu, klatschen sich gegenseitig ab. Juergen Teller ist mitten unter ihnen, läuft einfach mit. Dann geht es zum Duschen in die Kabine.

Kurz darauf läuft Thomas Müller Juergen Teller ein letztes Mal über den Weg. Er winkt ihm zu, lacht, "ach, da ist er ja wieder, der Fotograf!". Dann verschwindet Müller im Bus der Mannschaft, es geht direkt zum Flughafen, Abflug nach Europa. Die Saison hat begonnen.

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"Im Sommer reiste der FC Bayern München mit dem Fotografen Juergen Teller durch China, einem Land mit hoher Luftfeuchtigkeit und ohne Demokratie. Warum? Es ging ums Geld." Einige Medienleute begehen mittlerweile chronischen Akkusativizid. Richtig wäre "Im Sommer reiste der FC Bayern München ... durch China, ein Land mit hoher Luftfeuchtigkeit ..." Auf "durch" folgt der Akkusativ.

Oder bedeutet ZEIT online Qualitätsjournalismus nichts mehr? Angesichts der sich häufenden Grammatikfehler sogar in Überschriften überkommt mich der Verdacht.