Das war meine Rettung: "Die Selbstüberwindung ging mit Glücksgefühlen einher"

Als Kind quälten Hortensia Völckers die Sommerferien. Da entdeckte sie das Schwimmen Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 40/2015

ZEITmagazin: Frau Völckers, Sie verantworten Tausende Projekte und ein jährliches Kulturförderbudget von 38 Millionen Euro. Woher nehmen Sie Ihren Kampfgeist?

Hortensia Völckers: Kämpfen habe ich als Kind gelernt. Ich bin in Argentinien aufgewachsen, und in den Sommerferien litt ich immer unter schrecklicher Langeweile, weil meine Eltern nicht in Urlaub fuhren. Wir besaßen ein schönes Haus mit großem Garten und Schwimmbecken – aber alle Nachbarskinder waren verreist. Also dachte ich mir jeden Tag Wasserballette und kleine Theaterstücke aus, die ich meinen Eltern abends vorführte. Irgendwann fand meine Mutter, so gehe es nicht weiter, und brachte mich in eine Art Kinderferienlager. Dort wurde dann sehr schnell mein Schwimmtalent entdeckt, das mir schon bald Zutritt in die Nationalmannschaft verschaffen sollte.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie da?

Völckers: Zehn oder elf. Nach einem halben Jahr nahm ich an Meisterschaften teil, von da an zählte nur noch Schwimmen. Ich wurde sogar vom Konfirmandenunterricht befreit. Bis zum 15. Lebensjahr führte ich ein unglaublich toughes Leben mit mindestens sechs Stunden Training täglich. Aber ich fühlte mich pudelwohl.

ZEITmagazin: Was sagten Ihre Eltern dazu?

Völckers: Sie fanden das nicht so richtig gut, aber haben es auch nicht verboten. Geblieben sind mir aus jener Zeit Disziplin, Konzentration, Kraft, Durchhaltevermögen und ein unermüdlicher Kampfgeist – bis über alle Grenzen hinaus, bis zum Umfallen. Das hat mich damals vor der Langeweile gerettet. Aber später wurde diese Rettung zum Problem – ich musste mühsamst lernen, auch mal aufzuhören, aufzugeben. Wir haben ja damals trainiert, bis wir nicht mehr konnten. Aber die Selbstüberwindung ging mit Glücksgefühlen einher. Das war prägend. Ich war die Jüngste in der Nationalmannschaft und durfte die Fahne tragen, wenn wir zu Meisterschaften fuhren. Es war großartig. Natürlich sagen heute meine alternativ gesinnten Freunde: wie entsetzlich kompetitiv.

ZEITmagazin: Und was sagen Sie?

Völckers: Ich habe immer noch einen großen Ehrgeiz. Neulich bekam ich eine Einladung zu einem Schauschwimmen in Berlin, zwischen Schloss und Museumsinsel, denn dort soll ein Schwimmbad entstehen. Ich habe gesagt, klar, ich komme. Aber dann bin ich einen Tag vorher zum Plötzensee zum Trainieren, und ich war so grottenschlecht, dass ich abgesagt habe.

ZEITmagazin: Im Ernst?

Völckers: Ich wusste, ich gewinne nicht.

ZEITmagazin: Aber es war doch kein Wettbewerb, nur ein Schauschwimmen.

Völckers: Trotzdem, ich fand, ich kann da nicht als Letzte ankommen. Ich rauche zu viel. Ich mache zwar jeden Tag eine Stunde Sport, aber meist nur Yoga oder auf dem Laufband.

ZEITmagazin: Ich weiß nicht, wie viele Kulturfunktionäre in diesem Land das von sich sagen können. Wurden Sie als Leistungsschwimmerin eigentlich auch gedopt?

Völckers: Ja, mit Koka-Tabletten, weil das Herz nicht groß genug ist, wenn man auf 12.000 Meter trainiert. Wir schwammen die Langstrecke im Fluss, neben den Ruderern im Rio de la Plata. Beim Training wurden mal die Arme, mal die Füße zusammengebunden. Es war ein fantastisches Gefühl, irgendwann nur noch aus Muskeln zu bestehen und stark zu sein. Es gab damals auch Männerhormone, aber ich habe keine genommen.

ZEITmagazin: Haben Sie diese heimlich weggeschmissen?

Völckers: Nein, ich habe sie abgelehnt, weil ich sah, wie andere Mädchen einen Bart und eine tiefe Stimme kriegten.

ZEITmagazin: Haben die Erfahrungen im Sport Ihnen im Berufsleben geholfen?

Völckers: Ich brauchte nie Freizeit, das ganze Leben war Arbeit, Einsatz, Energie. Erst jetzt lerne ich allmählich abzuschalten und Spaß zu haben.

ZEITmagazin: Wobei entspannen Sie sich?

Völckers: Wenn ein Konzert toll ist, dann vergesse ich alles andere. Und wenn ich Freunde und Familie um mich habe, kann ich das Leistungsdenken am ehesten vergessen.

ZEITmagazin: Was würden Sie anders machen, wenn Sie von vorn anfangen könnten?

Völckers: Nichts. Aber ich empfehle mein Lebensmodell niemandem, weil es mit viel Verzicht verbunden war. Wann immer es einen guten Job gab, bin ich umgezogen. Dann blieben Beziehungen auf der Strecke, und fürs Kinderkriegen war ich eine zu unsichere Partie. Ich bereue das heute nicht, denn ich war Tangotänzerin, ich hatte in Griechenland einen Gemüseladen, ich habe tausend Sachen gemacht. Manche Leute halten mich deshalb für unverletzbar. Aber ich bin so ziemlich das Gegenteil davon.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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