Die großen Fragen der Liebe Warum ist sein Opfer nicht willkommen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 40/2015

Die Frage: Selma und Kurt sind zwölf Jahre zusammen. Sie haben zwei Kinder, Kurt ist ein engagierter Vater und ist sich mit Selma einig, dass die Familie jetzt groß genug ist. Ein Problem trübt die sonst harmonische und anfangs auch erotisch erfüllte Ehe: Kurt findet, dass Selma sich nach der zweiten Geburt sexuell zurückgezogen hat. Sie verträgt die Pille nicht, er findet Kondome lästig. Kurt will Selma nicht bedrängen, er selbst kommt aus einer Scheidungsfamilie. So geht er zum Urologen und lässt sich sterilisieren. Zum Hochzeitstag wickelt er das Attest über den Erfolg der OP zu einer Rolle und steckt einen teuren Ring darauf: Sie gehören zusammen, Selma muss sich nie wieder Gedanken über Verhütung machen! Selma sagt düster: "Wie kannst du mich nur so unter Druck setzen!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Kurt hat versucht, ein Defizit an Kommunikation durch eine technische Lösung zu beheben. Selmas erotische Distanz kann mit den Problemen der Verhütung einer Schwangerschaft zusammenhängen – oder auch nicht. Kurt scheint die Vielfalt möglicher Gründe nicht zu interessieren. Selma soll bitte wieder funktionieren. Aber während die gemeinsame Entscheidung, kein weiteres Kind zu haben, jederzeit rückgängig gemacht werden kann, entscheidet Kurt jetzt autoritär und verkleidet das als Fürsorge. Er hat wohl vergessen, dass Erotik nicht Funktion mit ein bisschen Fantasie ist, sondern Fantasie mit ein bisschen Funktion. Wenn für Selma die Möglichkeit, schwanger zu werden, zur Erotik gehört, kann Kurt das nicht dadurch beheben, dass er dieser Fantasie die Basis raubt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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