© Alex Walker

Wundertüte Servietten falten

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Aus der Serie: Wundertüte ZEITmagazin Nr. 40/2015

Um ein Missverständnis gleich auszuräumen: Nur der Amateur faltet Servietten, die Fachleute brechen sie. Den Ausdruck verwendet jedenfalls Dieter Reichl, und der muss es wissen, immerhin ist er Leiter der Hotelfachschule Berlin. Kaum eine Stunde brauchten seine Schüler im ersten Lehrjahr, um sich die Grundlagen des Serviettenfaltens anzueignen, so der 65-Jährige. Wer aber Fächer, Bischofsmütze oder Artischocke perfekt hinbekommen wolle, der müsse jahrelang üben.

Bei Stoffservietten beginnt die Sache mit der Perfektion schon bei der Vorbereitung: "Einwandfrei" muss die Serviette laut Reichl sein. Ohne Flecken, gut gebügelt und ordentlich gestärkt. Neben anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten besteht für die Hotelfachschüler die größte Herausforderung darin, die Serviette so zu brechen, dass ihre Nähte für den Gast nicht zu sehen sind. Ebenso wichtig wie die Technik ist das ästhetische Gespür: Eine Serviette muss zum Rest der Tafel passen, sie darf Blumen und Gedeck nicht übertönen. Das auf dieser Seite vorgestellte Ahornblattmodell lässt sich sowohl aus Stoff- als auch aus Papierservietten falten. Reichl würde es in einem Glas drapieren. Privat ist er in Serviettenfragen übrigens Purist: Er rollt sie einfach in silberne Ringe ein. Und in einem Punkt macht er keine Kompromisse: Papierservietten kommen ihm nicht ins Haus.

Kommentare

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Albtraum (1)

Voila, tres bien. Ein vorzuegliches Stueck kultureller Buildung. Gefaltete Servietten? Mon dieu, besser nicht ansprechen. Das koennte zu unliebsamen Diskussionen fuehren. Isch neme an, wirr befinden uns hier unter
Fachleuten, Kennern, Connaisseuren.

Jahrelange Uebung? Fuer die Ausbildung auf hoechstem Niveau sicher gut. Naturelllement, in dem richtigen Ambiente - fantastic.

Madame, bitte vergeben Sie mir, wenn ich mir erlaube darauf hinzuweisen, daß die passende Musique bei allem auf keinen Fall fehlen darf. Dezent natuerlich und nicht aufdringlich.

Musik, die aus dem Nichts zu kommen scheint und gleichzeitig doch so praesent den Raum erfuellt. So, als spielten Musiker unsichtbar in einem sich stetig steigernden Stakkato hinter den aufgestellten Paravants im Raume.

Die Musik - sie muß sich einfuegen in diese wunderbare Inszenierung aus Raum, Ambience und Zeit. Nein ! Besser gar nicht erst den ZEITfaktor ins Spiel bringen, keinen Gedanken daran verschwenden. Es birgt die
Gefahr in sich, daß diese wunderbare Illusion schnell ihr Ende findet. Offenes Ende - das ist die Zauberformel fuer ein gelungenes Beisammensein. Oder, wie man im Deutschen auch sagt: Open end.

Allenfalls am Rande sich kurz vergewissern, daß die Servietten auf dem Tisch r i c h t i g a u s g e r i c h t e t sind und keinen Anlaß zur Beleidigung der Augen bieten. Schliesslich soll der Abend einfach PERFEKT werden. Perfetto, wie man unter Eingeweihten weiß.

Albtraum (2)

Und, selbstverstaendlich - auf keinen Fall den Wein vergessen. Vielleicht einen vollmundigen Roten, einen Chateaubriand oder Chat eneufe du Pape oder doch lieber einen weißen, leichten Riesling? Es bleibt Ihrem exzellenten Gaumen ueberlassen und sollte vielleicht mit dem hervorragenden Essen harm onieren.

Der Gast erscheint. Jetzt nur keine Stoerungen von a u s s e n. In beiderseitigem Einvernehmen deponieren Sie die Telefone ausserhalb der Reich- und Hörweite.

Sie unterhalten sich gut, der Wein wirkt anregend, im Hintergrund wechseln die Piano-Klänge und gehen ueber in einen Soul von Marvin Gaye - "Let's Get It On". Es scheint, als gehe der fortwaehrende Refrain mit dem Wein ins Blut ueber. Die Stimmung steigt weiter, das Tempo der Musik hat gewechselt, der Rhythmus ist nun fordernder. Gespielt wird "Paradise By The Dashbord Light" von "Meat Loaf".

Sie moechten aufstehen und sich zur Musik bewegen, aber irgendetwas hindert Sie daran, so, als seien Sie auf Ihrem Stuhl festgenagelt. Mit aller Kraft bemuehen Sie sich, den Stuhl zu verlassen - es geht nicht.

Und, weil sonst nichts moeglich ist, versuchen Sie in Ihrer Verzweiflung, die Serviette vor Ihnen auf dem Tisch zu oeffnen, um stattdessen etwas zu essen. Besser, um ueberhaupt irgendetwas unternehmen zu koennen.