Design-Duo Front: Wir können auch anders

ZEITmagazin Nr. 41/2015
Lampen aus Seifenblasen, fallende Vasen, von Käfern zernagte Tische: So in etwa hat man sich die Entwürfe des Duos Front vorzustellen, die sie zur Designsensation machten Von

Wer auf der Suche nach Schwedens neuem Design ist, muss erst mal durch ein Labyrinth laufen: An der Glastür eines unauffälligen Zweckbaus neben dem Stockholmer Busdepot klebt ein Zettel, auf dem "Front" steht. Die Tür führt in einen Gang, von dem immer weitere Gänge abzweigen. Gänge mit niedrigen Decken, beleuchtet von flackernden Neonröhren. Von irgendwoher hört man das Rattern einer Belüftungsanlage. Von den Gängen gehen Türen ohne Schilder ab, die so aussehen, als seien sie schon lange Zeit nicht mehr geöffnet worden. Alte Stahlspinde stehen an der Wand. Man kennt ähnliche Gänge aus Ego-Shooter-Computerspielen aus den neunziger Jahren: Man irrt ziellos hindurch, mit der einzigen Gewissheit, bald einem Untoten zu begegnen, der einen umbringen will.

Aber dann ist da plötzlich eine Tür, auf der neben dem Knauf in geschwungenen Lettern "Front" steht. Dahinter wartet tatsächlich ein Ungetüm. Ein mächtiges Pferd aus Kunststoff mit einem Lampenschirm auf dem Kopf. Und dann sind da noch zwei Frauen, die an einem schweren Holztisch sitzen und Sushi essen: Sie sind Front Design, Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist. Ihr Designbüro ist für die derzeit aufregendsten Entwürfe bekannt, die es auf den Möbelmessen zu sehen gibt. Die Schwedinnen entwerfen Objekte, wie man sie noch nie gesehen hat. Bei Front gibt es Tische, die innerhalb einiger Monate unter ihrem eigenen Gewicht zusammensinken, Stühle, die aus einem Holzblock mit der Kettensäge herausgeschnitten wurden, und auf dem Boden liegende Stehlampen, die sich erheben, wenn man sie anschaltet.

Front ist das einzige weibliche Designduo der jüngeren Vergangenheit, das sich international durchgesetzt hat. Front arbeitet für Firmen wie Moroso und Moooi, Kartell und Thonet. Elf Jahre ist es her, dass die Schwedinnen erste Entwürfe auf der Nachwuchsschau der Mailänder Möbelmesse präsentierten. Damals bestand Front noch aus vier Frauen, sie wurden schnell als "Girlgroup" bezeichnet. Heute sind aus der Anfangsformation nur noch Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist dabei. Und beide sind schwer beschäftigt. Sie haben nur wenig Zeit, sagen sie. Sie müssen heute noch in den Wald fahren. Fünf Stunden Autofahrt, und sie wollen nicht in der Dunkelheit ankommen. Im Wald haben sie eine Hütte gemietet, um zwei Tage an einer "neuen Technologie" zu arbeiten, wie sie sagen. "Wir werden immer wieder gefragt, was an unserem Design typisch skandinavisch sei. Ich glaube, das, was bei diesem Ausflug in den Wald herauskommen wird, wird sehr skandinavisch sein", sagt Anna Lindgren. Mehr will sie nicht verraten. Alles geheim.

Die erste Arbeit der Front-Frauen war eine, bei der sie den Designprozess Tieren überließen. Tapeten wurden von Ratten zernagt, Tischoberflächen von Käfern zerfressen. Das schönste Stück allerdings war ein Lampenschirm. Eine Glühbirne, die aussah, als wäre sie von einem Fliegenschwarm umschwirrt. Dafür hatten sie die Flugbahn einer Fliege um ein Licht nachverfolgt und auf einem 3-D-Scanner ausgedruckt. Eine einfache Idee, die aber überhaupt nicht einfach umzusetzen war, wie Sofia Lagerkvist erzählt. Wenn man eine Fliege braucht, ist keine da. Also fuhr Lagerkvist aufs Land und fing Fliegen, die an Kuhfladen speisten. Schließlich war es nicht einfach, die Fliegen dazu zu bewegen, um die Glühbirne zu fliegen. "Sie waren einfach nicht interessiert am Licht", sagt Anna Lindgren. Letztlich bastelte sie eine kleine Kiste, in der mehrere Fliegen im Kreis flogen, während ihre Bewegungen elektronisch aufgezeichnet wurden.

Die Arbeit fiel sofort auf, weil die Botschaft recht provokativ war: In Mailand feierten sich bis dahin die genialen, meist männlichen Designer – und plötzlich kam eine Gruppe von jungen Frauen daher und behauptete, Tiere könnten es auch ganz gut.

Damals war Front noch ein Zusammenschluss von Designstudentinnen, die an dieselbe Uni gingen. "Es gab nicht viele Frauen in den Kursen, es war unausweichlich, dass wir zusammenfanden", sagt Anna Lindgren. Außerdem gefiel allen die Idee einen Kollektivs. "Wir glauben nicht an die Idee des einen genialen Designers, der an der Spitze steht und ein ganzes Büro hinter sich hat, das die Arbeit macht", sagt Sofia Lagerkvist. "Stattdessen reden wir die ganze Zeit miteinander, von früh bis spät – und auch am Wochenende." Vielleicht ist das tatsächlich etwas, was nur Frauen so können: Wenn Lindgren und Lagerkvist miteinander reden, scheinen sie wie gebannt voneinander. Sie sehen einander fest in die Augen und nicken leicht, als könnte das, was die andere sagt, jeweils eine fantastische Idee sein. Wahrscheinlich ist es das nicht immer. Aber wenn eine von ihnen eine komische Idee hat, scheut sie sich zumindest nicht, sie vorzubringen.

Zur Gründung von Front führten die Frauen hundert Interviews mit schwedischen Bürgern über Wohnungseinrichtungen. So als müsse man beim Design ganz von vorn anfangen und erst einmal die Leute fragen, was ihnen eigentlich so gefällt. "Manche erzählten, dass sie eine Lampe haben, die nur funktioniert, wenn man den Schirm auf eine besondere Weise kippt", sagt Anna Lindgren. Das sei ihnen neu gewesen: "Davor dachten wir immer, Design sollte rational und funktional sein. Und nun erkannten wir, dass die Dinge, die Menschen wirklich berühren, jene sind, die ein Eigenleben haben, die irrational sind." Also macht Front im Grunde keine Möbel, sondern gestaltet bewohnbare Geschichten.

Die Grundlagenforschung der Front-Frauen zahlte sich aus. Der Design-Entrepreneur Marcel Wanders, Gründer der Marke Moooi, gab den Schwedinnen den Auftrag, eine Lampe zu gestalten, die auch seiner Großmutter gefallen würde. Aus ihren Gesprächen wussten die Front-Frauen, dass die meisten Leute eine emotionale Beziehung zu Tieren haben. Einige ältere Leute sammelten sogar kleine Tierfiguren.

Also entwarfen sie die "Horse-Lamp". Ebenjenes lebensgroße Pferd, das einen Lampenschirm auf dem Kopf trägt. Es war einer ihrer ersten Versuche im kommerziellen Design – und schon hatten sie einen Klassiker geschaffen. Die Pferdelampe ist heute beliebtes Interieur in Hotellobbys und Bars. Und Inspiration für vielfältige Plagiate.

Ein anderes bekanntes Projekt ist die "Sketch-Furniture". Die Designerinnen skizzierten Möbel mit ihren Händen in die Luft. Dabei wurden ihre Bewegungen in einen Computer übertragen, sodass sich die Skizzen später tatsächlich als dreidimensionale Möbel replizieren ließen. Stühle, Lampen, ein Tisch – wie mit einem großen, dicken Stift in den Raum gemalt. Front kreierte auch eine achtteilige Vase, die vom Sims zu fallen scheint. Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera wurde die Bewegung einer fallenden Vase aufgezeichnet – und aus den einzelnen Positionen zu einer einzigen achtsegmentigen Vase verbunden, sie sieht aus wie eine in Porzellan gebannte Filmsequenz.

Etliche ihrer Produkte haben sie einfach gemacht, um zu zeigen, dass es möglich ist, so etwas zu gestalten. So wie die Seifenblasen-Lampe "Surface Tension Lamp", eine LED-Leuchte, die mit einer Seifenblase umgeben ist, irgendwann schwebt die Blase herab – und eine neue entsteht. Die ewige Seifenblase kostet 8.000 Euro. "Warum soll man ein Produkt danach designen, wie es sich im Laden verkauft?", sagt Sofia Lagerkvist. Eine der Lampen ist nun im Museum of Modern Art in New York zu sehen.

Und dann gibt es auch Front-Produkte, die viel vernünftiger aussehen als vieles, das bereits auf dem Markt ist. Das Front-Duschsystem für den deutschen Hersteller Axor erinnert an industrielle Rohrsysteme, es ist so klar und gut gestaltet, als habe es ein Ingenieur entworfen. Eines der neuesten Front-Produkte ist ein Recycling-Mülleimer für den öffentlichen Raum. Er ist bunt und trägt ein lächelndes Gesicht. Einfach weil man einen freundlichen Mülleimer lieber benutzt als einen unfreundlichen.

In letzter Zeit kommunizieren Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist oft per Skype. Lagerkvist lehrt am Royal College of Art in London. Lindgren hat gerade ein Kind bekommen und arbeitet von Stockholm aus. Sofia Lagerkvist sagt, mit ihrem Unterricht wolle sie vor allem jungen Designerinnen Mut machen. In ihren Seminaren seien die Hälfte der Teilnehmer Frauen, aber später machten dann doch meist die Männer Karriere. Warum ist das so? "Ich denke, diese Frage muss der Industrie gestellt werden", sagt Sofia Lagerkvist. "Viele Firmen arbeiten eben traditionell mit Männern – und glauben noch immer, es wäre etwas total anderes, mit Frauen zu arbeiten." Wenn diese Frauen von Front sind, stimmt das vielleicht sogar.

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren
Albrecht von Wallenstein Herzog von Friedland
#4  —  28. Oktober 2015, 1:03 Uhr

Die eigentliche Sensation: Die Mädels haben etwas "auf einem 3-D-Scanner ausgedruckt." Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Das ZEIT-Magazin verkommt immer mehr zur Ansammlung selbstgefälliger Nichtigkeiten nichtssagender Protagonisten. Etwas, bei dem man "hängenbleibt", habe ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr gefunden, den die Tillmannprüferisierung ist eine fortschreitende.