Design für Männer Na dann Prost!

Männer heben hässliche Bierhumpen, machen Feuer wie in der Steinzeit, mühen sich mit kleinen Messern. Sechs Gestalterinnen haben für uns nachgebessert
ZEITmagazin Nr. 41/2015

BIERGLAS
VON DEBORAH EHRLICH

Deborah Ehrlich © Giada Paoloni

"Denke ich an Männer und Bier, habe ich ein ganz bestimmtes Bild vor Augen: Ein Mann setzt ein Glas an, legt den Kopf leicht in den Nacken und trinkt. Beim Absetzen lächelt er zufrieden. Genau diesen Moment des Glücks wollte ich auch in meinem Bierglas einfangen. Ich entschied mich für hauchdünnes Glas, sodass, wenn man die Lippen anlegt, man in erster Linie das Bier schmeckt und nicht von zu viel Glas abgelenkt wird. Nach oben hin öffnet sich das Glas, so kann das Bier wie aus einem Trichter geschmeidig in den Mund fließen. Beim letzten Schluck erwartet den Biertrinker eine kleine Überraschung: Der Glasboden ist so gestaltet, dass das einfallende Licht im Glas reflektiert wird. Zudem ist das englische Wort her, zu Deutsch ›sie‹, in den Boden eingraviert. Eine Konnotation, die für jeden etwas anderes bedeutet und den letzten Schluck zu einem persönlichen Erlebnis macht."

Als junge Frau ging Deborah Ehrlich von den USA nach Kopenhagen und studierte Design an der Königlich Dänischen Kunstakademie. Dort kam sie zum ersten Mal mit Objekten aus Glas in Berührung. Zurück in Amerika, spezialisierte sie sich auf das feine Material und entwirft seit 1999 Gläser und Vasen aus Kristallglas – in Schweden von Mund geblasen und so dünn wie Papier. Gerade arbeitet die 49-Jährige an einer eigenen Möbelkollektion.


MONOKEL
VON KATRIN GREILING

Katrin Greiling © Petra Bindel

"Bis heute ist der Blick auf die Welt kein gleichberechtigter. Dieser Gedanke brachte mich auf das Monokel, eine Sehhilfe, die in der Vergangenheit vor allem von Männern genutzt wurde – oft zur Demonstration von Status und Wissen. Mein Entwurf, den die Brillenfirma Mykita fertigte, ist weder richtungs- noch geschlechtsspezifisch. In seinem funktionalen und sportlichen Design wird das Monokel aus seinem historischen Kontext befreit. Die Fassung hat eine Öffnung, so kann die Sehhilfe wie ein Karabinerhaken an Kleidungsstücke und Schlaufen befestigt werden."

Katrin Greiling, 1978 in München geboren, arbeitet als Möbeldesignerin, Innenarchitektin und Fotografin in Berlin. Nach Studienjahren in Stockholm folgten Stationen in Dubai und einige internationale Ausstellungen und Kollaborationen. Zu Greilings jüngsten Projekten zählen die Einrichtung des Berliner "Freunde von Freunden"-Apartments und eine 2014 von ihr kuratierte Ausstellung über skandinavisches Design, ebenfalls in Berlin.

URINAL
VON JOA HERRENKNECHT

"Seit Jahrtausenden pinkeln Männer gegen Bäume. Auch wenn mal keiner zugegen ist, wissen sie intuitiv, wohin mit sich, dann müssen Gebäudewände oder Hauseingänge dran glauben. Zu ungern nutzen sie die öffentlichen Toiletten. Mein fast 2,5 Meter großes Urinal, in der Form eines abstrahierten Pinkelbaums, bringt dieses männliche Urverhalten auf den Punkt. Instinktiv kann man immer noch gegen einen Baumstamm pinkeln, aber durch eine Auffangrinne bleibt die Umgebung sauber. Und so kann er dabei ohne schlechtes Gewissen seinem Instinkt folgen."

1980 in Kanada geboren, wuchs Joa Herrenknecht im Schwarzwald auf. Nachdem sie in Karlsruhe  und Sydney Produkt- und Grafikdesign studierte, ging sie nach Berlin, um dort 2012 ihr eigenes Designstudio zu gründen. Dort entwirft sie Möbel und Accessoires, die sich durch geometrische Formen, kräftige Farben und natürliche Materialien auszeichnen. Seit Kurzem arbeitet sie auch als Innenarchitektin, etwa für das Berliner Fitnessstudio E3.

KOCHMESSER
VON KATJA BUCHHOLZ

"Männer, die in der Stadt leben, haben es nicht leicht, archaischen Neigungen nachzugehen. Allerdings lassen sich im Alltag immer wieder Enklaven der Männlichkeit finden, wie zum Beispiel in der Küche. Die Klinge meines Kochmessers ist aus handgeschmiedetem, rostfreiem Stahl, der nach der Härtung einen langanhaltend scharfen Schliff garantiert. Die Form der Schneide ermöglicht Feinarbeiten wie das Entkernen von Äpfeln, sie ist aber auch robust genug, um ein Stück Entrecôte vom Rind zu parieren. Der Griff ist aus einem Stück Moor-Eiche gefertigt, das jahrhundertelang als ehemaliges Wehr im Flussbett gedunkelt ist. Das Holz ist robust wie langlebig und hat trotz handschmeichelnder Haptik eine deutlich maskuline Ästhetik: Das Kochmesser als alltagsbegleitender Freund des urbanen Mannes, mit dem man auch anderen eine Freude machen kann."

In Berlin hat Katja Buchholz, Jahrgang 1973, Architektur studiert und sich auf das Design von Möbeln und Wohnaccessoires spezialisiert. Umweltverträglich und wiederverwendbar müssen die Materialien sein, die sie verwendet. Karpfenaufzuchtgläser werden bei ihr zu Lampen, Holzbohlen aus dem Fundament der Berliner Museumsinsel zu Tischen. In ihrem Berliner Showroom Buchholzberlin sind die Objekte zu sehen.

FEUERKORB
VON KIKI VAN EIJK

Kiki van Eijk © Dimitri Kireev

"Das erste Wort nach Mama und Papa, das mein Sohn sagen konnte, war Feuer. Er war so fasziniert von der Feuerstelle im Garten, dass der Tanz der Flammen lange Zeit alles war, woran er denken konnte. Um zu überleben, brauchen wir Wärme. Ein Feuer zu machen gehört damit zu den Urtätigkeiten des Menschen, besonders der Männer. Aus wetterfestem Baustahl fertigte ich vertikale Stäbe, die in ihrer Form an Äste erinnern. Anders als sein natürliches Vorbild ist der Feuerkorb unentflammbar, passt sich aber dennoch der Natur an."

Nach ihrem Abschluss an der Design Academy Eindhoven wurde Kiki van Eijk mit Teppichen mit nostalgischen Mustern bekannt. Heute designt die 37-Jährige neben Textilien auch Möbel für Hersteller wie Moooi, gestaltet Schaufenster für das Modehaus Hermès oder entwirft Installationen, die in Museen gezeigt werden. Wie kommende Woche im Rijksmuseum, für dessen Ausstellung "Asia&Amsterdam" sie zehn Räume gestaltete.

SPIEGEL
VON ALL THE WAY TO PARIS

"Wer Mann und wer Frau ist lässt sich heute nicht mehr so leicht definieren. Oft sind es andere, die darüber entscheiden, welchem Geschlecht man angehört. Dabei gilt es aber, immer wieder innezuhalten und sich selbst zu fragen, wer man ist und sein möchte. Wo gelingt das besser als vor einem Spiegel? Wir haben gleich zwei entworfen, jeweils dem menschlichen Kopf und Torso nachempfunden. In ihrer abstrahierten Form sind sie absolut geschlechtsneutral. Denn wen oder was man jenseits des Geschlechts sieht, liegt nur im Auge des Betrachters."

2004 gründeten die Schwedin Petra Olsson Gendt (Jahrgang 1972) und die Dänin Tanja Vibe (Jahrgang 1975) das Grafikbüro All the Way to Paris in Kopenhagen. Unter dem Kürzel ATWTP gestalten sie nicht nur Kataloge und Arbeiten für Museen und Buchverlage, sondern entwerfen Möbel für Firmen wie HAY oder Muuto. Zu ihren Entwürfen zählen außerdem grafische Teppiche für &tradition sowie eine minimalistische Wanduhr für Georg Jensen.


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