Harald Martenstein Über Mittel gegen die Ursachen des Flüchtlingsstroms

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 41/2015

Hunderttausende oder sogar Millionen Menschen wollen nach Europa einwandern und riskieren deshalb ihr Leben. Mir fällt dazu sofort die DDR ein, da war es bis 1989 ähnlich. Viele Deutsche riskierten an der Grenze ihr Leben, weil sie es nicht in der DDR verbringen wollten. Deswegen müsste auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eigentlich ein besonders großes Verständnis für Flüchtlinge herrschen, leider ist dies nicht überall der Fall. Ich stelle mir vor, was passiert wäre, wenn es 1990 in Deutschland keine Wiedervereinigung gegeben hätte. Dann würden heute etwa 12 Millionen der damals 17 Millionen DDR-Bürger im Westen leben. Das innerdeutsche Flüchtlingsproblem ist durch die Wiedervereinigung allerdings gelöst worden.

Mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge müsste man es genauso machen wie mit der DDR. Das ist natürlich ein gewagter Vorschlag. Aber wer 1988 gesagt hätte: "Lass uns Deutschland einfach wiedervereinigen, weg mit der Mauer, das ist die Lösung", den hätte man auch für einen Fantasten gehalten.

Man würde Hunderttausende oder sogar Millionen von Leben retten, indem man gewisse Länder wieder zu Kolonien macht, zum Beispiel Nigeria, Syrien oder Somalia. Sicher, der Kolonialismus war schlimm, aber das, was danach kam, ist in einigen Fällen deutlich schlimmer. Wenn ich die Wahl zwischen einem kleinen und einem großen Übel habe, wähle ich aufgrund meiner Lebenserfahrung immer das kleinere Übel, auch wenn ihr mich dafür ausschimpft.

Die Bürgerkriege werden militärisch niedergeschlagen, klar, das kostet Leben. Kosten die gegenwärtigen Zustände etwa nicht Tausenden das Leben? Anschließend wird die Infrastruktur wieder aufgebaut. Der Euro, das Pfund oder der Dollar werden eingeführt, ebenso freie Medien und eine unabhängige Justiz. Die aktuellen Politiker solcher Länder sind in der Regel ein Fall für den Internationalen Gerichtshof.

Nach ein paar Jahren haben die dortigen Lebensverhältnisse sich vermutlich den hiesigen angenähert. Natürlich müsste diese Maßnahme demokratisch legitimiert werden. Sobald die Lage es zulässt, sollten die Menschen darüber abstimmen dürfen, ob sie lieber zu Frankreich, Großbritannien, den USA oder gar Deutschland gehören möchten oder ob sie zum vorherigen Zustand zurückkehren wollen. Da bin ich mir ziemlich sicher, wie die Abstimmung ausgeht.

Diese Länder müssten dann ja nicht von Weißen regiert werden, sondern zum Beispiel von schwarzen Briten oder schwarzen Franzosen oder Afrodeutschen. Die ehemaligen Kolonialherren sind ja heute nicht mehr in dem undemokratischen und rassistischen Zustand, in dem sie um 1900 herum gewesen sind. Das wäre ein völlig anderer, ein softer, nachhaltiger und sensibler Öko-Kolonialismus, mit Mindestlohn, Solardächern und Gleichstellungsbeauftragten in jedem Dorf. Ein bisschen Kapitalismus muss man allerdings zulassen, es tut mir leid, das sagen zu müssen. Die weltweiten Flüchtlingsströme belegen überdeutlich, dass die Menschen ein Leben im Kapitalismus, warum auch immer, für irgendwie attraktiv halten. Das war auch schon in der DDR der Fall.

Man könnte es machen. Aber es wäre verdammt teuer, vor allem der militärische Teil. Verhältnismäßig einfach stellt sich die Lage auf dem Balkan dar. Es kommen ja auch viele Flüchtlinge aus den Balkanstaaten. Dort müsste man einfach Österreich-Ungarn wieder errichten, natürlich als konstitutionelle Monarchie. Der Kaiser kann alle zwei Jahre aus einem anderen Land kommen. Im Fußball würde Österreich-Ungarn übrigens eine relativ gute Figur machen.

Meine Idee ist undurchführbar.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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