Männer!: No Smile

© Matt King/Getty Images
Sie haben Berge von Muskeln, manche sogar richtige Brüstchen oder eine Brustwarze als zentrale Rosinenstruktur. Diese Rugby-Typen sind ästhetisch einfach anders drauf. Von
Aus der Serie: Beziehungen DIE ZEIT Nr. 41/2015

Manchmal kriege ich jetzt Männer-Post, Post über Männer, von Leuten, die den Horizont der Männer-Kolumnistin erweitern möchten. Dafür bin ich dankbar. Oft kommen Bilder. Neulich kam eines von Jonathan. Jonathan trägt Glatze, dazu mandelförmige Augen, er sieht süß aus. Das Styling ist, na ja. Das Foto zeigt ihn in einem weiß-blau geringelten Overall. Seine Faust liegt vor dem Näschen und ist, wie der Chinese sagt, festgezwirbelt wie ein Farnblatt vor dem Austrieb im Frühjahr. Zum Zeitpunkt des Fotos war Jonathan zwei Wochen alt, die Frage drängte sich auf, was ist an ihm männlich oder kann es werden? Wird Jonathan in 20 Jahren immer noch eine Glatze haben? Schon wieder? Wäre er da schon Professor? Ein Wirtschaftsboss? Oder Wirtschaftsflüchtling aus Old Europe, der in Mumbai um Gnade bettelt? Hätte er dann seine zarte Gestalt schon abgestreift zugunsten eines kleinen Bauchansatzes? Männer! Diese Fragen drängen sich auf, weil zurzeit die Rugby-WM läuft, von der mich ebenfalls viele Bilder erreichten, sie zeigen die knallhärtesten Spieler der Saison, bei denen man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie einmal das Stadium der Jonathan-Verpuppung durchlaufen haben.

Der Look ist seltsam. Keine Hälse. Arme vor der Brust verschränkt. Die Arme sehen aus wie der Verteidigungswall eines Nachtlagers von Siedlern in einer von Feinden gespickten Prärie. Sie wirken aber so ähnlich wie Push-up-BHs. Man sieht oberhalb des Walls überquellende Polster, das sind Brüste, also gerahmt von Oberarmen, die breiter sind als meine Oberschenkel, denen ich ja mit dem Kobra-Asana einen ästhetischen Kompromiss abzuringen versuche. Diese Rugby-Typen sind ästhetisch anders drauf. Israel Folau, der für Australien spielt, ist auf seinem Fanfoto nackt bis auf das Tattoo, das sich über eine zu üppigen Gebirgen aufgeworfene Muskulatur des rechten Oberarms spreizt, um von dort auf den Oberkörper zu wallen und da bis um die Brüste herum, die Tattoos akzentuieren so die Brustwarze als zentrale Rosinenstruktur. Die Muster der Tattoos erinnern an den geometrisch gesteppten, von Jean Paul Gaultier für Madonna entworfenen BH.

Bei Filo Paulo vom Team Samoa wandern fedrige Tattoos bis über die Bauchdecke weit nach unten. Sehr kitzelig. Der Oberkörper von Viliamu Afatia, ebenfalls Samoa, ist so aufgepumpt, dass die Arme in kleinen runden Sicheln rechts und links abstehen. Mihaita Lazăr aus Rumänien bringt seine Brüstchen unter einem engen goldgelben Hemdchen zum Glänzen. Alle wirken so, als habe der Fotograf gebrüllt: "NO SMILE!" Nur Mario Sagario von Uruguay hat einen süßen Kirschmund und trägt dazu Locken wie Shirley Temple. Nikola Matawalu von den Fidschi-Inseln dreht die Augen nach oben, als könnte ihnen nur noch Gott helfen. Davon lassen sich die Verfasser der Kommentare etwa von Guardian Online natürlich nicht gnädig stimmen. "Parfümierte Zuhältertruppe, alle!" hat noch den freundlichsten Sound.

Nun, es ist schwierig, etwas Neutrales über diese Typen zu sagen. Mich erinnern sie an seltsame Tiere, die ich einmal in Belgien sah. Der Bus fuhr durch eine Landschaft, in der sich Wesen tummelten, die ich, als Landei geboren, nicht eindeutig zuordnen konnte. Unter muskulösen Hinterbacken waren halbhohe Stummelbeine angebracht, Eindruck: wie aufgebockte Schweine. Die Schnauzen waren lang und weich wie bei den Kühen meiner Kindheit. Agrikulturelles Transgender. Wer’s nicht glaubt – an diesem Samstag spielt Südafrika gegen Neuseeland, am Sonntag Argentinien gegen Australien im Halbfinale, am nächsten Samstag findet dann das Finale statt. Seht selbst!

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form in der ZEIT Nr. 41. Sie finden ihn als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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