Carlos Saura Mein Spanien

Interview:
ZEITmagazin Nr. 42/2015

Als ich auf der Filmhochschule in Madrid studierte, lud mich mein Freund Eduardo Ducay ein, ihm bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm zu assistieren, der Carta de Sanabria (Brief aus Sanabria) heißen sollte. Da ich mir eine interessante Erfahrung versprach, nahm ich gern an. Ich war neugierig darauf, einen mir unbekannten Teil Spaniens kennenzulernen.

In dieser an Portugal und Galicien grenzenden Region Kastiliens herrschte eine Armut, wie ich sie nur aus Luis Buñuels Dokumentarfilm Las Hurdes kannte. Strohdachhäuser, manchmal sogar ohne Fenster, in denen Menschen mit ihren Tieren lebten, schlammbedeckte Straßen fernab jeglicher Hygiene, mittelalterliche Ochsenkarren, schwarz gekleidete Frauen mit Kopftüchern … Als wir dort ankamen, hatte man gerade die Leitungen für das elektrische Licht verlegt.

Die meisten der hier abgebildeten Personen kamen beim Dammbruch eines nahe gelegenen Stausees ums Leben. Das Dorf Ribadelago verschwand vollständig in der Wasserflut.

— Carlos Saura

ZEITmagazin: Herr Saura, Sie sind seit Jahrzehnten einer der berühmtesten Regisseure Spaniens, Ihre "Carmen"-Verfilmung war 1983 für einen Oscar nominiert. Aber erst jetzt im Alter non 83 Jahren können wir Sie als Fotografen entdecken.

Carlos Saura: Ich war eben die meiste Zeit meines Lebens ein heimlicher Fotograf.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Saura: Als ich jung war, habe ich für kurze Zeit als Zeitungsfotograf gearbeitet, aber ich habe mich früh entschieden, nicht beruflich zu fotografieren, sondern nur für mich privat. Ich lade Sie zu mir nach Hause in Madrid ein, da liegen Tausende von Bildern, ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll.

ZEITmagazin: Sie haben auch hier in Göttingen, wo wir gemeinsam an dieser Ausgabe des ZEITmagazins arbeiten, immer eine Kamera dabei.

Saura: Wenn ich nicht mindestens ein Foto am Tag mache, bin ich frustriert. Wissen Sie, ich habe zu Hause eine Sammlung von über 700 Kameras. Ich habe mich so sehr mit Kameratechnik beschäftigt, dass ich sogar angefangen habe, eigene Modelle zu bauen. Es gibt nicht viele Dinge im Leben, die ich sehr gut verstehe – Kameras gehören definitiv dazu.

ZEITmagazin: Wie sind Sie zum Fotografieren gekommen?

Saura: Das hat mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft zu tun, in das ich verliebt war. Ich habe die Kamera meines Vaters genommen, um sie zu fotografieren. Dann habe ich das Foto entwickelt, auf die Rückseite des Bildes ein Herz gemalt und dazugeschrieben: "Ich liebe dich." Den Brief habe ich ihr geschickt.

ZEITmagazin: Wie hat sie reagiert?

Saura: Ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht hat ihre Mutter den Brief abgefangen? Ich habe jedenfalls nie eine Antwort bekommen. Deshalb ist das Fotografieren für mich von Anfang an mit Leidenschaft verbunden – und mit Frustration.

ZEITmagazin: War Ihnen früh klar, dass Sie ein Künstler werden wollen?

Saura: Als junger Mann hatte ich viele verschiedene Interessen, Technik hat mich immer fasziniert. Ich habe eine kleine Motorradmarke mitgegründet, die wir "Oscar" genannt haben. Wir haben immerhin 25 Exemplare gebaut! Ich habe anfangs davon geträumt, Motorradrennfahrer zu werden, aber dann hatte ich doch zu viel Angst.

ZEITmagazin: In den fünfziger Jahren sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr Heimatland Spanien zu bereisen und Ihre Landsleute in ihrem Alltag zu Fotografieren. Wie kam es dazu?

Saura: Ich hatte Glück. Mein Vater fuhr selbst kein Auto und kaufte mir deshalb eins, damit ich ihn chauffieren konnte. Deshalb war ich damals einer der wenigen jungen Spanier, die ein eigenes Auto besaßen. Damit bin ich dann einfach losgefahren. Ich wollte mein Land kennenlernen und verstehen. Den Wunsch, die Fotos zu veröffentlichen, hatte ich erst viel später.

ZEITmagazin: Sie hatten damals sogar das Angebot der französischen Zeitschrift "Paris Match", Spanien-Korrespondent zu werden.

Saura: Beim Filmemachen hat mich fasziniert, dass man ein ganzes Leben erzählen kann, während man beim Fotografieren immer nur den Moment festhält. Deshalb habe ich mich beruflich auf das Kino konzentriert.

ZEITmagazin: Einige Ihrer Bilder aus den fünfziger Jahren werden in diesem ZEITmagazin erstmals veröffentlicht. Wenn Sie die Fotos heute betrachten: Was sehen Sie?

Saura: Ich freue mich, dass die Bilder jetzt veröffentlicht werden. Aber ich muss Ihnen etwas gestehen: Ich bin ein Zukunftsmensch, kein Vergangenheitsmensch. Und je länger die Vergangenheit auf den Bildern zurückliegt, desto wehmütiger werde ich. Es fällt mir unglaublich schwer, über die Vergangenheit zu reden, über Verluste, selbst über den Tod enger Freunde. Das hat nichts damit zu tun, dass sie mir nicht nahe waren. Es ist nur so, dass ich lieber nach vorn schauen möchte. Wenn ich diese Bilder betrachte, möchte ich also nicht zu lange in der Vergangenheit verharren. Ich möchte mich von ihnen für die Zukunft inspirieren lassen. Ich habe immer etwas vor. Und ich glaube, dass mich genau das am Leben hält.

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