Ich habe einen Traum Gerhard Steidl

"Solange wir beide mit dem Buch beschäftigt sind, gehört es uns ganz allein"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 42/2015

Mir träumte: Ich nehme den ICE 76 nach Hamburg, Abfahrt in Göttingen 13.43 Uhr, Ankunft 15.35 Uhr. Mit dem Fahrer von Taxi-Vokuhl Mölln bin ich bereits verabredet, am Polizei-Container. Ich sage ihm, dass ich zu Günter Grass nach Behlendorf möchte, und nicke kurz nach der Abfahrt ein. Als ich aufwache, stehen wir vor dem Zaun des Grassschen Grundstücks, und die Mischlingshündin Minka begrüßt mich stürmisch wie immer. Ich gehe über den Hof zur Werkstatt. Hier arbeitet Günter Grass, hier entstehen all seine Bücher, seine Grafiken und Skulpturen. Im Obergeschoss fertigt er bei bestem Nordlicht Radierungen und Lithografien, unten stehen sein Schreibpult und der Tisch mit der Olivetti-Schreibmaschine, hier ist seine Bibliothek mit dem winzigen Besprechungstisch, vertraut knarrenden alten Sesseln und Stühlen. Wie immer steht schon Tee bereit.

Wir setzen uns, reden etwas über Verkaufszahlen, Reisen, Lesungen. Grass stopft die Pfeife, raucht. Unvermittelt sagt er: Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, aber ich arbeite an einem neuen Buch. So rückt er immer mit einem neuen Projekt heraus, und: Ich hab da was vorbereitet. Es soll ein Prosastück werden. Ein Roman ganz sicher nicht, sagt er, für einen Roman habe ich nicht mehr genügend Kraft. Er beginnt mir das erste Kapitel vorzulesen. Danach stellt er die unvermeidliche Frage: Was meinste? Ich will mehr wissen: Wie geht’s denn weiter, wie hört es auf? Ich erkundige mich nach praktischen Dingen: nach dem Umfang, ob Zeichnungen hinzukommen, Gedichte. Grass hat sofort Antworten parat. Danach befinden wir uns für einen Moment schweigend in Gedanken bei dem bereits fertigen Buch. Grass hat mir seinen Traum vom neuen Buch erzählt, das in diesem Moment auch zu meinem Buch und meinem Traum wird. Und zu einer künftigen Realität, an der wir von nun an gemeinsam arbeiten. Darauf freut sich Grass, er sagt, solange wir beide mit dem Buch beschäftigt sind, gehört es uns ganz allein. Danach geht es hinaus in die Welt und zu den Lesern.

Nach zwei Stunden unterschreibt Grass mir noch ein paar Verträge, dann sagt er: Trinkste noch ’nen Schnaps mit mir? Natürlich tue ich das, die Wahl habe ich zwischen Genever und Zibärtle, einem Schnaps aus Schwarzwälder Wildpflaume. In meiner Werkstatt ist immer was los, sagt Grass dabei. Nach zwei Gläschen verabschiede ich mich. Auf der Heimfahrt hält mein Fahrer bei Gothmanns Gasthaus in Breitenfelde, wo uns die Wirtin den Riesen-Currylümmel mit Pommes rot-weiß und eine Cola light bringt. Das ist ein Ritual, es funktioniert zügig und ohne Bestellung. Nach einer Viertelstunde sind wir wieder raus, im Auto steht Rotwein bereit, ich lese Zeitung, bald bin ich eingeschlafen.

Ich erwache aus meinem Traum und sitze noch immer im Auto. Nach zweieinhalbstündiger Autofahrt, allerdings von Berlin kommend, verlässt der Wagen an der Abfahrt Göttingen die Autobahn. Wie immer, wenn wir uns der Düsteren Straße nähern, sprechen mein Fahrer Frank und ich noch kurz über den Abend. Schön war es heute bei Frank-Walter Steinmeier, sage ich. Bei all der vielen Arbeit, die er am Hals hat, findet der Außenminister Zeit, ein Sommerfest für Menschen aus dem Kulturbetrieb zu geben und entspannt zu plaudern. Das Beste am Abend war sein Bericht über die letzten Arbeitstage mit Vermittlungsreisen nach Kabul und Kiew.

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Nordlichtene Innenansichten. Da sieht man, wie die "knarrende" Sessel&Stühle-Biowelt der Mondänen&Arrivierten gezimmert ist. Schön übersichtlich hinsichtlich jener, die reindürfen: exklusiv Prominente&anerkannte Größen aus der gentrifizierten Kreativwirtschaft. Der miefige Rest bleibt brav draussen, notfalls werden Prätendenten mit grob vulgärer Wortwahl abgewimmelt. Längst funktionieren im Kulturbetrieb jene "Transitzonen", die man den Flüchtlingen, "empathisch" genug, nicht antun will, obendrein sind sie in einer absolut segregierenden Weise wirksam, wie man sie ausserhalb von Kunst&Kultur eigentlich nur als Verstoß gegen die Menschenwürde feststellen würde. Im Zeitalter des Internets von poètes maudits zu sprechen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts: Rimbaud&Co waren Könige, grands seigneurs, im Vergleich zu den Heutigen, denen die Verachtung der Verleger&Kuratoren, die sich als sogenannte "Entdecker" gerieren, so sicher ist wie das Amen in der Kirche. Kein Wunder, sind doch die vermeintlichen "Entdecker" in der Regel blind. Seit wann sollen denn Verleger Autoren ("ein unaufgefordert eingesandtes Manuskript arbeitet gegen sich selbst") bzw. Kuratoren Künstler ("no unsollicited material accepted") entdecken? Wahrscheinlich wird Steidl nun, da Grass mausetot ist, ein paar Syrer oder sonstige neo-"authentische" "Kulturschaffende" in seinen "Traum" einlassen. Was die im einzelnen machen, ist egal: Hauptsache, man kann sie zu posthistorischen Kreativgrößen machen.