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Das war meine Rettung "Das Sitzenbleiben stempelt zum Verlierer"

Thomas Oppermann erinnert sich gut an das Zeugnis, mit dem er in der Schule zum zweiten Mal sitzenblieb. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 42/2015

ZEITmagazin: Herr Oppermann, Sie haben als einziger in Ihrer Familie studiert. War von Anfang an klar, dass Sie Abitur machen würden?

Thomas Oppermann: Es war der Wunsch meines Vaters, dass wenigstens eines seiner vier Kinder Abitur machen sollte. Er hatte mit 15 eine Lehre als Molkereigehilfe machen müssen. Nach dem Krieg leitete er in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, eine kleine genossenschaftliche Molkerei.

ZEITmagazin: Empfanden Sie das Abitur als Privileg oder als Bürde?

Oppermann: Als Privileg, aber in der Pubertät lief dann alles ein bisschen aus dem Ruder. Die Aufsicht meiner Eltern ließ in der Zeit etwas nach, sodass ich mich verselbstständigte und in der Schule ein etwas renitenter Flegel wurde. Ich habe mich nicht an die Regeln gehalten, die Schule geschwänzt und stattdessen im Stadtpark Musik gehört. Es waren keine schweren Verfehlungen dabei, aber es führte dazu, dass ich in der neunten Klasse sitzenblieb.

ZEITmagazin: Da sind sie aufgewacht?

Oppermann: Nein, zum Ende der zwölften Klasse spitzte sich das Ganze noch mal zu. Es war im Sommer 1973, ich freute mich auf die Ferien, und der Klassenlehrer ließ durchblicken, keiner bleibe sitzen. Nur in Latein hatte ich eine Fünf. Dann erhielt ich die Nachricht, es sei in der Lehrerkonferenz auch in Kunst eine Fünf hinzugekommen, und man entschied, mich nicht zu versetzen.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie das Zeugnis in der Hand hielten und wie es sich anfühlte?

Oppermann: Zeugnispapier ist glattes, unsinnliches Schreibmaschinenpapier. Ich kannte ja das Ergebnis schon vorher, habe nur einen kurzen Blick darauf geworfen und es dann in eine Klarsichthülle geschoben. Zu Hause wurde ernsthaft beraten, ob es Sinn machte, mich noch länger aufs Gymnasium zu schicken. Meine Mutter wollte, dass ich einen ordentlichen Beruf ergreife und etwas lerne, so wie meine Geschwister auch. Es war mein Vater, der mir zu Hilfe kam.

ZEITmagazin: Er war der Retter in der Not?

Oppermann: Er fand, ich sollte eine dritte Chance bekommen, und dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Damit war der Knoten geplatzt. Die Wiederholung klappte, ich habe dann auch das Abitur anständig hingelegt und war am Ende hoch motiviert für ein Studium der Germanistik und Anglistik in Tübingen.

ZEITmagazin: Sie beschreiben das sehr nüchtern.

Oppermann: Die Nachricht traf mich aber wie ein Blitz. In dem Moment wusste ich nicht, wie es weitergeht. Ich habe da auch an mir selber gezweifelt. Doch ich war schon auf dem richtigen Weg. Eine Freundin hatte mir das Buch Die Blechtrommel von Günter Grass geschenkt, und ich habe es mit großer Begeisterung gelesen. Durch dieses Buch und Heinrich Bölls Billard um halb zehn fing ich an, mich wirklich für Literatur zu interessieren. Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen. Die Fünf in Kunst, das glaube ich noch heute, habe ich aus disziplinarischen Gründen bekommen. Es hat mir am Ende aber nicht geschadet. Die Ironie der Geschichte ist, dass ich später in Niedersachsen Kultur- und Wissenschaftsminister geworden bin.

ZEITmagazin: Als Politiker fallen Sie manchmal durch einen spöttischen Unterton auf. Hatten Sie den schon in der Schule?

Oppermann: Ja, ich war eher frech, aber richtiges Selbstvertrauen hatte ich damals nicht. Das Sitzenbleiben stempelt einen zum Verlierer. Frei gemacht habe ich mich erst, nachdem ich ein glänzendes erstes Staatsexamen in Jura hinlegte. Da hatte ich es allen gezeigt und fühlte mich von dem Tag an gegenüber meinen Eltern nicht mehr in der Bringschuld. Ich habe das Studium immer als Privileg empfunden, aber auch als Verpflichtung.

ZEITmagazin: Auf Ihrem Schreibtisch stapeln sich Akten und Ordner. Wie sehr ist Parteiarbeit auch Papierarbeit?

Oppermann: Ich habe ja ununterbrochen Papiere in der Hand: Positionspapiere, Eckpunkte, Grundsatzpapiere, Parlamentsbeschlüsse, Sprechzettel für meine Pressekonferenzen. Diese ganze Gebrauchsliteratur ist furchtbar. Wenn ich dagegen ein Buch in die Hand nehme, was leider an normalen Tagen nur in den letzten zwanzig Minuten vor dem Einschlafen passiert, hat das etwas Kontemplatives. Das ist bei meiner knappen Zeit immer etwas Besonderes und entspannt mich sofort. Ich lasse mich dann gleich auf etwas ganz anderes ein. Dazu brauche ich immer noch ein richtiges Buch mit zwei Deckeln und schönen Papierseiten dazwischen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

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Das Sitzenbleiben muss nicht zwangsläufig zum Verlierer stempeln. In Herrn Oppermanns Fall scheint es ja seinen pädagogischen Zweck geradezu erfüllt zu haben. Ohne dritte Chance wäre der Knoten nicht geplatzt und diese Situation ergab sich nur, weil Herr Oppermann nicht versetzt wurde.
Ist es nicht auch sonst im Leben so, dass einem fundamentale Erkenntnisse und Einsichten, manchmal auch unbewusste Entwicklungen, erst im Misserfolg kommen?

Ob die Tatsache, dass das Herr Oppermann Politiker werden konnte, als Beweis dafür dienen kann, das er eigentlich ein ganz kluger Kopf ist, sei mal dahingestellt. Schließlich haben wir auch einen Wirtschaftsminister der in seinem ganzen Leben weder in der freien Wirtschaft gearbeitet, geschweige denn, ein Unternehmen geführt hat. Will sagen, zum Politiker brauchst in diesem Land offenbar nicht viel, das schafft man auch als Sitzenbleiber....
Früher sagte man: "Wer nichts wird, wird Wirt!" - und heute, da wird man halt Politiker.