Das war meine Rettung "Mir fehlt so was wie Urvertrauen"

Im Flugzeug fiel Charlotte Roche vor Panik in Ohnmacht. Doch sie lernte, mit der Angst umzugehen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 43/2015

ZEITmagazin: Frau Roche, sind Sie ein ängstlicher Mensch?

Charlotte Roche: Und wie. Ich hatte unglaublich viele Ängste, Angst vor Einbrechern oder dass meiner Familie etwas zustößt. Ich hatte sogar eine Zeit lang Angst, dass plötzlich die Erdanziehung nicht mehr da ist und wir alle wegfliegen. Ich habe Angst vor austretendem Gas, wenn ich im Bett bin. Ich male mir dann aus, wie das Haus einstürzt oder dass mich im Schlaf das Gas vergiftet. Manchmal denke ich im Hotel, was ist, wenn irgendein Idiot hier raucht, es dann brennt und wir alle ersticken ... Schlafen bedeutet loszulassen, das ist ein bisschen auch wie der Tod, man kann beides nicht kontrollieren. Die Vorstellung, einzuschlafen, Gift einzuatmen und nach zwei Minuten ist die ganze Familie tot, die lässt mich nicht los. Wenn man das denkt, schläft man lieber nicht ein.

ZEITmagazin: Sie machen mir Angst.

Roche: Da haben Sie natürlich noch nie drüber nachgedacht, was? Aber jetzt!

ZEITmagazin: Was machen Sie, wenn Sie nicht einschlafen können?

Roche: Dann trinkt man unfassbar viel Alkohol und nimmt Schlaftabletten, damit man überhaupt schlafen kann.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch hat die Protagonistin Flugangst. Geht Ihnen das auch so?

Roche: Ja. Obwohl ich beruflich viel fliegen musste und auch wollte, konnte ich das nicht. Die Flugangst hat mein Leben eingeschränkt: Ich wollte mal mit Freunden verreisen, aber ich bin am Flughafen zusammengebrochen. Sie sind dann ohne mich geflogen, und ich habe etwas Tolles verpasst.

ZEITmagazin: Hatten Sie einen körperlichen Zusammenbruch?

Roche: Ja, innerlich. Ich bin nach außen sehr kontrolliert, ich zeige das praktisch nicht. Ich hyperventiliere leise vor mich hin und habe Stimmen im Kopf, die mir sagen, steig nicht ein, da passiert etwas ganz Schlimmes. Ich denke dann, es wäre dumm einzusteigen, weil ich ja gewarnt bin.

ZEITmagazin: Hatten Sie schon mal Todesangst?

Roche: Im Flugzeug oft, ich bin sogar mal vom Hyperventilieren ohnmächtig geworden. Die Vorstellung, in zwölf Kilometer Höhe zu fliegen und zu denken, ich habe nicht genug Atemluft, die Angst liegt schwer auf dem Brustkorb, die Kehle schnürt sich zu, und ich denke, ich muss Luft einatmen, rein, rein, rein, weil es bald keinen Sauerstoff mehr geben wird.

ZEITmagazin: Sie versuchen zu überleben, indem Sie möglichst viel Luft einatmen.

Roche: Genau, ich denke, ich merke als Einzige, dass wir gleich keinen Sauerstoff mehr haben, und fülle meine Lungen.

ZEITmagazin: Warum bitten Sie nicht um Hilfe?

Roche: Weil das Aussprechen der Angst die Angst noch größer macht. Von Stewardessen weiß ich, dass 70 Prozent der Passagiere an Flugangst leiden. In einem Luftloch schreien die am lautesten, die vorher am coolsten waren, dann ist die Fassade weg, und man merkt, wie viele eigentlich gar kein Vertrauen ins Fliegen haben.

ZEITmagazin: In Ihren Büchern sind Sie so freizügig, aber in Ihrem eigenen Leben haben Sie Angst vor Kontrollverlust.

Roche: Mir fehlt so was wie Urvertrauen. Ich finde, jedem Menschen ist jederzeit das Schlimmste zuzutrauen. Vielleicht vertraut man anderen nicht, weil man sich selbst nicht vertraut. Wenn man wirklich glaubt, dass die Erdanziehung weggehen kann, man sich das wirklich vorstellen kann und davor Angst hat, kann man sich eben auch vorstellen, allein auf der Welt zu sein, oder dass jeder Mensch, der einen liebt, einen betrügt. Das kann ich mir einfach alles richtig gut vorstellen, und zwar immer. Ich denke einfach, ich muss gewappnet sein für das Schlimmste, was passieren kann. Wenn ein Mann zu mir sagt, ich liebe dich, du kannst mir vertrauen, dann denke ich, ja, schon gut, aber wir wollen uns nicht zu sehr entspannen, weil nachher kommt das Schicksal. Solche Gefühle sind das.

ZEITmagazin: Haben Sie versucht, Ihre Ängste zu überwinden?

Roche: Ich habe mich mit Leuten unterhalten, die Flugangst haben, und von Therapeuten gehört, die darauf spezialisiert sind. Ich habe dann so einen Kurs gemacht. Die Angst ist nicht weg, aber ich kann mit ihren Symptomen umgehen, also wenn ich nicht mehr atmen kann, schwitze, alles kribbelt und ich denke, mein Herz bleibt stehen. Die Therapeuten haben mir beigebracht, mit der Angst klarzukommen, das war meine Rettung. Angst lässt sich in Schach halten. Außerdem mache ich seit dreizehn Jahren eine Psychoanalyse. Dort lernt man so viel, und irgendwann baut man doch Vertrauen zu sich selbst auf. Ich habe diesen Willen, mich selbst an den Haaren aus der Scheiße rauszuziehen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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