Harald Martenstein: Über Nachrufe

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2015

Professor N. starb, er war eine wichtige Gestalt des sogenannten Kulturbetriebs, ein sympathischer, kluger und, über weite Strecken seines Lebens, einflussreicher Mann. N. gehörte zu den Großen, ohne jeden Zweifel. Nun setzte sich also der ebenfalls nicht ganz unbekannte Autor Zampanito an den Nachruf. Bei hochbetagten berühmten Menschen haben die Redaktionen in der Regel bereits zu deren Lebzeiten Nachrufe vorrätig, aber bei N. war das irgendwie vergessen worden. Zampanito legte los.

"Als ich N. zum letzten Mal sprach, saßen wir gemeinsam bei einigen guten Flaschen Barolo in seiner wunderbaren Charlottenburger Altbauwohnung. Ich hatte ihm bei deren Einrichtung den einen oder anderen Rat gegeben. Er gehörte zu den Menschen, die solche Freundschaftsdienste nicht für eine Selbstverständlichkeit halten. Was war das für ein lustiger Abend – ein paar Spitzenpolitiker, ein paar Galeristen und Theaterleute, eine Literaturnobelpreisträgerin, die wichtigsten Feuilletonchefs.

Sehr schnell wandte sich das Gespräch meinem jüngsten Roman Das Federkleid des Perlhuhns zu, erschienen bei Suhrkamp, der allseits gelobt wurde. N. sprach davon, dass ihn seit Jahren keine Lektüre so sehr erschüttert und zugleich emporgehoben habe. Er war einfach menschenklug.

N. ist ein väterlicher Freund gewesen, er gab mir in vielem recht. Aber die Kühnheit, mit der ich immer wieder mit Konventionen breche und Neuland beschreite – das Federkleid ist durchweg im Plusquamperfekt erzählt –, machte ihn bisweilen auch besorgt. ›Du bist den kleinen Lichtern zu brillant, wirf dich nicht vor die Wölfe, sei vorsichtiger, auf solche wie dich können wir nicht verzichten‹, sagte er einmal.

Früher spielten wir Tennis zusammen. Manchmal ließ ich ihn gewinnen, er schmunzelte und verlor nie ein Wort darüber. Ach, wie er genießen konnte. Vor ein paar Wochen noch, im Grill Royal, genoss ich seine Genusskunst. Wenn er an einem solchen Abend etwas noch mehr schätzen konnte als gutes Essen und guten Wein, dann waren es meine Reiseerzählungen aus der Levante (Akaba ist überall, Luchterhand-Verlag), die er sich wieder und wieder anhören wollte. Natürlich ertappte ich ihn bei der nächstbesten Gelegenheit, wie er, glucksend vor Vergnügen, meine Abenteuer aus dem Harem des letzten Großwesirs als die seinen ausgab. Er schrieb Dutzende von Theaterstücken, eines davon gefiel mir sehr, nicht zufällig spielt es in der Levante.

Als ich in Bengasi für die Kulturzeitschrift Beef ein viel gelobter Korrespondent war, kam er mich besuchen, wir feierten meinen dritten Hochzeitstag gemeinsam. Ich begleitete ihn und Sylvie – wo bekam ausgerechnet er nur immer diese prachtvollen, langbeinigen Trophäen her? – auf die Hügel nahe der Stadt und zeigte ihm das funkelnde Bengasi im Abendrot. Er bewunderte und staunte, und wenn sein Blick auf mich fiel, war ein besonderer Glanz in seinen Augen. Als ich bei Beef gefeuert wurde, ein Skandal, der bis heute in der deutschen Kulturgeschichte seinesgleichen sucht, lagen wir uns lachend in den Armen. Er lachte sich schief über die Nullen, die heute für dieses Provinzblatt verantwortlich zeichnen. Mann, was für ein Leben! Die Hauptsache, die von ihm zu lernen war: sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Ich vermisse ihn."

In diesem Stil werden in Deutschland manchmal Nachrufe geschrieben. Dies ist der wichtigste mir bekannte Grund für ein ewiges Leben.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Lebenskrise bei Martenstein?
Macht sich da jemand Gedanken zum eigenen Lebensende? Hat die Redaktion den Nachruf in der Schublade, oder muss Martenstein selbst tippeln und selbst deponieren … Mmh? Die Gedanken: “Was bleibt von mir?“
Kennt doch jeder ab einem gewissen Alter. Das ewige Leben ist immer noch nicht käuflich und das beruhigt mich zumindest.
Schreiben sie doch auch im Plusquamperfekt, dann denkt man weniger an die Zukunft. Allerdings zählt man dann zu den Vorgestrigen, die wirklich nicht mehr in diese Welt passen und denkbar ungeeignet für ewiges Leben sind.

Viel Gesundheit und alles Gute – auch beruflich, Herr Martenstein :)