Michael Bully Herbig "Ich wollte immer Filme machen, das war schon mit zehn Jahren so"

ZEITmagazin Nr. 43/2015
Er hatte nichts außer diesem Traum. Dann kämpfte er sich zu Deutschlands erfolgreichstem Filmkomiker hoch. Mit einem großen Knall will Michael Bully Herbig jetzt das Fach wechseln. Interview:

ZEITmagazin: Kann es sein, dass Sie Ihr Leben ändern wollen?

Michael Bully Herbig: Ja, vor allem in Bezug aufs Filmemachen. Im Grunde hat das ja seinen Anfang gehabt vor 14 Jahren.

ZEITmagazin: Was war vor 14 Jahren?

Herbig: Dieser exorbitante Erfolg mit dem Schuh des Manitu hat eigentlich alles über den Haufen geschmissen.

ZEITmagazin: Was genau?

Herbig: Es war Wahnsinn, weil man bis dahin so vor sich hin gewurschtelt hat und irgendwie alles entspannt war. Selbst die TV-Show damals ...

ZEITmagazin: ... die Bullyparade auf ProSieben ...

Herbig: ... war anders, als sie heute vielleicht wahrgenommen wird. Heute wird ganz gern von einer Kultshow gesprochen. Die Wahrheit ist: Die ersten Staffeln hat kaum jemand gesehen! Die Show lief ja samstags gegen ran!. Ungelogen, wir hatten mit der ersten Staffel eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 500.000. Wenn ich mir jetzt überlege, es hätte damals Facebook gegeben oder Twitter – die hätten uns wahrscheinlich weggeblasen.

ZEITmagazin: Und was änderte sich dann durch den Erfolg von Manitu?

Herbig: Ich hatte vorher ja Erkan und Stefan inszeniert, und dieser Film hatte, glaube ich, 1,2 oder 1,3 Millionen Zuschauer. Das war für mich unheimlich. Ich habe damals gesagt: "Ich hoffe ja nur, dass mein zweiter Film wenigstens einen Zuschauer mehr hat, damit die Leute nicht sagen können: "Erkan und Stefan war eine Eintagsfliege von dem Typen!" Und dann kam dieser Western, das war eine Odyssee von zwei, drei Jahren, bis wir überhaupt das Drehen angefangen haben, weil es ja keiner machen wollte. Erst anhand der Trailer, die im Kino liefen, zeichnete sich ab, dass das etwas Gutes werden könnte. Ich bin ja so: Ich muss dann ins Kino und mir die Reaktionen auf den Trailer anschauen.

ZEITmagazin: Die Leute haben sehr gelacht?

Herbig: Ja, also man spürte, da bewegt sich gerade irgendwas. Dann kam der Kinostart – und das mit Wucht! Am ersten Abend hatte der Film 250.000 Zuschauer. Und am ersten Wochenende bestimmt irgendwas zwischen einer und zwei Millionen!

ZEITmagazin: Was passierte dann in Ihrem Leben?

Herbig: Das war auf einmal totaler Stress.

ZEITmagazin: Warum?

Herbig: Weil ich plötzlich so im Fokus war, den ich nicht gewohnt war. Ich stand am zweiten Wochenende mal mit dem Rick Kavanian auf unserem Parkplatz, wir haben uns angeguckt und gemerkt, das ist ein gemischtes Gefühl: Irgendwie freut man sich, aber es hat auch was Unheimliches, da kommt was Vereinnahmendes, so etwas wie: "Jetzt gehörst du uns allen." Helmut Dietl, den ich damals getroffen habe, hat mir etwas total Richtiges gesagt, was ich erst Jahre später verstanden habe. Er sagte: "Jetzt haste deinen Erfolg, jetzt musst du damit leben." Am Ende hatten wir 11,7 Millionen Zuschauer.

ZEITmagazin: Sie waren damals Anfang dreißig. Haben Sie wirklich nie abgehoben, nicht einmal für einen Moment?

Herbig: Nee, bei mir passierte genau das Gegenteil. Ich habe mich erst einmal gar nicht mehr rausgetraut. Das war die Zeit, in der ich das letzte Mal auf der Wiesn war und erschrocken bin, wenn mich im Flugzeug die Stewardess mit dem Namen angesprochen hat. Ich wollte eigentlich wieder in Ruhe gelassen werden. Wir waren ja dann ein halbes Jahr mit dem Film im Kino unterwegs, das hörte einfach nicht auf. Irgendwann kam ein Befreiungsschlag. Auf die Frage, was als Nächstes kommen soll, habe ich gesagt, wisst ihr was, ich lasse einfach das Publikum abstimmen.

ZEITmagazin: Eine unglaublich avantgardistische Maßnahme damals.

Herbig: Ja, ganz ohne Facebook. Wir haben durch einen Aufruf im Fernsehen im Internet abstimmen lassen.

ZEITmagazin: Fast jeder andere hätte nach dem Erfolg eine Fortsetzung des Schuh des Manitu gedreht. Stattdessen haben Sie nach der Abstimmung das ​(T)Raumschiff Surprise gemacht.

Herbig: Eine Abstimmungsoption war übrigens auch "Bully, hör auf mit dem Scheiß". Ich war ein bisschen enttäuscht, dass nur fünf Prozent dafür waren. Dann hätte ich endlich meine Ruhe gehabt. (lacht)

ZEITmagazin: Bis heute ist wohl nur dem Produzenten Horst Wendlandt mit Otto – Der Film ein noch größerer Zuschauererfolg als Ihnen gelungen, weit zurück im vergangenen Jahrhundert.

Herbig: Nun ja, bis unser Film kam, hieß es, Otto hätte 8,7 Millionen Zuschauer gehabt, danach haben die offenbar neu gerechnet, egal. Aber ich habe den Herrn Wendlandt unheimlich bewundert. Einmal war er bei mir im Büro; da habe ich gedacht, jetzt zeige ich ihm mal den Trailer vom Manitu. Er war ja auch der Produzent der Winnetou-Filme, die ich parodiert habe. Ich dachte, ich hole mir jetzt seinen Segen ab, oder er haut’s mir um die Ohren. Meine Mitarbeiter im Raum verfielen in Schockstarre, die wurden ganz blass und haben gesagt: "Bist du irre?" Und dann guckte sich Wendlandt das an, ich glaube, er hat ein Mal ganz kurz mit den Schultern gezuckt, ich weiß nicht, ob’s ein Husten oder ein Lacher war. Und dann war der Trailer zu Ende, und er dreht sich um und hat zu mir nur gesagt: "Ich weiß nicht, ob die Leute lieber über Winnetou lachen oder weinen, aber ich wünsche Ihnen viel Glück."

ZEITmagazin: Wie haben Sie den Satz verstanden?

Herbig: Für mich war das ein Absegnen.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Bernd Eichinger Ihnen für den Erfolg von Manitu einen Porsche schenken wollte?

Herbig: Ja. Ich wollte ihn aber nicht.

ZEITmagazin: Warum nicht? Hatten Sie schon einen?

Nein, gar nicht. Es war so, ich wohnte damals noch in einer netten kleinen Dreizimmerwohnung in Trudering.

ZEITmagazin: Nicht die hipste Gegend.

Herbig: Nein, aber ruhig. Da saßen wir auf unserem Balkon, und sonntagnachmittags fuhren da plötzlich auffällig viele Radler vorbei und haben hochgewinkt. "Vielleicht sollten wir mal langsam an Umzug denken", habe ich zu meiner Frau gesagt. Und da hatte ich damals einen sehr netten Nachbarn, der ein Autonarr war und einen Ferrari besaß und noch einen Porsche und immer mit Brrrruumm, Wrrruuum vorbeigefahren kam. Er hat mir mehrmals angeboten, mit ihm eine Spritztour zu fahren. Ich habe immer gesagt: Nee, lass mal, ich fühle mich nicht so wohl, wenn ich in solchen Autos sitze, weil die Leute ohnehin schon gucken. Und dann die Vorstellung, dass die Leute sagen: "Aha, da sitzt der feine Herr im Ferrari", das war mir noch unangenehmer.

ZEITmagazin: Aber wie kam Eichinger auf die Idee?

Herbig: Es sollte ja eine Überraschung sein. Meine Managerin rief mich an und meinte: "Ich soll’s dir ja eigentlich nicht verraten, aber der Bernd würde dir gerne einen Porsche schenken." "Warum?", habe ich gefragt.

ZEITmagazin: Ja, warum eigentlich?

Herbig: Weil er einen Haufen Kohle gemacht hat über den Verleih meines Filmes. Ich sagte also Nein, und damit war das Thema für mich erledigt. Doch dann ruft meine Managerin eine Woche später wieder an und sagt: "Jetzt wollen sie dir ein Pferd schenken!" Ich sage: "Sind die irre geworden? Was soll ich mit einem Pferd? Wo soll ich das hinstellen?" Ich habe mich wirklich mit Händen und Füßen gegen das Geschenk gewehrt.

ZEITmagazin: Hat Eichinger Sie eigentlich vor Ihrem Erfolg mit Manitu ernst genommen?

Herbig: Nee, er kannte mich ja nicht mal. Bernd hat irgendwann mal den Trailer von Erkan und Stefan gesehen. Und er war jemand, der sich gerade im Marketing und bei Trailern extrem eingemischt hat und immer alles genau haben wollte. Er hat diesen Trailer gesehen und seinen damaligen Marketingchef erstaunt gefragt: "Wer hat denn das g’macht?" Da sagt der: "Der Regisseur, der Bully." – "Warum kenne ich den nicht?" Das war seine Antwort: "Warum kenne ich den nicht?"

ZEITmagazin: Dann haben Sie sich kennengelernt?

Herbig: Dann kam der legendäre Anruf: "Der Bernd will dich sehen." Der Bernd will dich sehen: Das ist einer dieser Sätze ... Dann bin ich da rein zu Constantin und war wahnsinnig aufgeregt und nervös. In dem Raum waren unglaublich viele Leute, und dann ist es mir passiert.

ZEITmagazin: Was?

Herbig: Ich war so nervös. Ich bin da rein und habe jedem die Hand gegeben, "Herbig, Herbig, Herbig", dann komme ich zu Bernd und sage prompt: "Eichinger".

ZEITmagazin: Sie haben sich Bernd Eichinger mit Eichinger vorgestellt?

Herbig: Ja, und in dem Moment habe ich gedacht, das war’s. Aber er war sich nicht sicher, ob ich einen Scherz gemacht habe. Während ich da so rumstand, fragte er dann: "Ihr plant’s doch noch so einen Western." Da war ich total überrascht, weil ich tatsächlich eineinhalb Jahre mit dem Manitu unterwegs gewesen war, aber mir überall Absagen eingefangen hatte. Und dann sagt er so zu mir: "Was is des?" Dann sage ich: "Na ja, das ist so eine Winnetou-Parodie." In der Woche drauf habe ich ihm dann meine Winnetou-Sketche aus der Bullyparade gezeigt.

ZEITmagazin: Hat er darüber lachen können?

Herbig: Er hat nur gesagt: "Ja, is witzig", also ohne Lachen, "ja, is witzig". Und: "Wie stellst’n dir das vor?" Ich habe ihm beschrieben, dass ich das jetzt gerne in Almería drehen möchte und dass es ausschauen soll wie ein Western. Und dann sagt er: "Hast schon einen Verleih?" – "Nein." – "Ich würd’s machen."

ZEITmagazin: Sie sagten zu Beginn, dass Sie Ihr Leben ändern wollten und dass Sie diesen Vorsatz schon eine ganze Weile mit sich herumtragen.

Herbig: Ja, nach dem Erfolg des Schuh des Manitu musste man schon sehr naiv sein, wenn man nicht ahnte, dass das der größtmögliche Erfolg war, den man mit einem Film haben kann. Darum fing das damals schon an mit den Überlegungen, worin jetzt noch der Reiz dieses Genres bestehen könnte. Ich hätte mich vergraben können und sagen, okay, mit Anfang dreißig habe ich meinen Erfolg gehabt. Das war die Geburtsstunde eines Wunsches. Ich bin ja nicht auf die Welt gekommen und habe gesagt, ich bin jetzt Komiker, sondern ich wollte immer Filme machen.

ZEITmagazin: Auch ernste also.

Herbig: Ja.

ZEITmagazin: Erst mal haben Sie aber an den lustigen Filmen festgehalten?

Herbig: Absolut, ich wollte die Fans nicht enttäuschen. Wir haben einen Film gemacht, der hat die Leute wirklich glücklich gemacht. Da haben sich Menschen bedankt, dass ihre im Sterben liegende Schwester noch mal lachen konnte. Wir bekamen Wäschekörbe voller Post! Bis heute ist das so. Und da war mir klar, ich kann nicht von heute auf morgen das Genre wechseln.

ZEITmagazin: Würden Sie auch im Nachhinein sagen, dass es kein Problem ist, dass man beim (T)Raumschiff die ganze Zeit über drei Schwule lacht?

Herbig: Nee, und zwar weil wir die Figuren echt lieben. Ich finde, das waren immer charmante Figuren.

ZEITmagazin: Man lacht über Tunten.

Herbig: Nee, ich habe mir das ja nicht ausgedacht, sondern abgeguckt. Wir haben diese Filme vorher auch mit schwulen Freunden geguckt, die sich weggeschmissen, die Tränen gelacht haben. Thomas Hermanns hat sich öffentlich hingestellt und gesagt, es gebe zwei in Deutschland, von denen er sich gerne parodieren lasse: Der eine sei Bastian Pastewka als Brisko Schneider in der Wochenshow damals – der andere sei Bully.

ZEITmagazin: Wir leben ja in politisch sehr korrekten Zeiten heute. Wäre es möglich, diese Filme heute noch genau so zu machen, ohne dass Sie einen Aufschrei erleben?

Herbig: Ja klar, wir würden es genau so wieder machen.

ZEITmagazin: Wann haben Sie erstmals an sich entdeckt, dass Sie komisch sein können?

Herbig: Gut, da muss ich wieder ausholen. Nicht dass Sie sich beschweren, ich würde nicht zum Punkt kommen.

ZEITmagazin: Okay.

Herbig: Ich habe mich in der Schule sehr schwer konzentrieren können, weil ich immer Bilder im Kopf hatte, die ganze Zeit, ich wollte immer Filme machen. Das war auch schon mit zehn Jahren so.

ZEITmagazin: Sie wollten mit zehn schon Filme machen?

Herbig: Ja, mit acht oder neun dachte ich, ich werde Schauspieler. Aber mit zehn habe ich dann meinen ersten Hitchcock gesehen und dachte, "Nee, nee, ich mache die Filme lieber selber." Auf jeden Fall musste ich mich wahnsinnig konzentrieren im Klassenzimmer, in diesem Neonlicht. Wenn es draußen geschneit hat, waren die Schneeflocken viel interessanter. In der Geschichtsstunde habe ich den Vorschlag gemacht, die Geschichten über die Königshäuser nachzuspielen. Das fand der Lehrer super. "Wenn du das auf die Beine stellst, dann schauen wir uns das an", hat er gesagt. Ich habe mir drei, vier Leute aus der Klasse gesucht, die Lust hatten, und wir haben uns ein Theaterstück ausgedacht. Das kam so gut an, dass am Ende alle Zugabe geschrien haben.

ZEITmagazin: Weil Sie so lustig waren?

Herbig: Anscheinend, ja.

ZEITmagazin: Und Sie haben auch die Regie geführt?

Herbig: Ja, aber ich wusste damals nicht, dass ich Regie führe. Heute weiß ich, das war Inszenieren, ja. Am nächsten Morgen war mir das aber schon peinlich, da kannten mich alle auf dem Schulhof, und das fand ich dann wieder doof.

ZEITmagazin: Haben Sie das zu Hause erzählt?

Herbig: Da habe ich das erste Mal zu meiner Mutter gesagt, ich würde gerne Schauspieler werden. Ein Jahr später war mir klar, dass ich eigentlich lieber die Filme machen möchte.

ZEITmagazin: Hatten Sie eigentlich eine glückliche Kindheit?

Herbig: Ja, erstaunlicherweise. Ich habe sicherlich gewisse Dinge verarbeiten müssen, das ist ja klar, wenn man mit einer alleinerziehenden Mutter aufwächst. Damals war eine alleinerziehende Mutter noch nicht salonfähig, man musste sich manchmal dumme Bemerkungen anhören. Aber es ist unglaublich, wie sie das hingekriegt hat. Ich habe mich trotzdem immer sicher und geborgen gefühlt. Das finde ich schon eine tolle Leistung.

ZEITmagazin: Was war mit Ihrem Vater?

Herbig: Es hat ihn praktisch nicht gegeben. Das hat natürlich extrem viel mit mir gemacht, darum versuche ich als Vater auch ... (Pause)

ZEITmagazin: ... zu geben, was Sie selbst vermisst haben?

Herbig: Ja, ich möchte alles viel, viel besser machen. Ob es mir gelingt, das wird der Kleine mir dann irgendwann erzählen.

ZEITmagazin: Wie hat denn Ihre Mutter auf die Ankündigung reagiert, Sie wollten auf das Abitur verzichten, um möglichst schnell Filme machen zu können?

Herbig: Als ich elf war, haben wir einen Deal geschlossen. Meine Mutter sagte: "Pass auf, wenn du meinst, du willst kein Abitur, dann ist der Deal, mindestens die mittlere Reife und eine Ausbildung." Und dann habe ich gesagt: "Spitze, dann werde ich erst mal Fotograf." Denn über den Fotografen bist du schon mal ganz nahe dran am Kameramann. Das fand ich auch ganz cool, Kameramann zu sein, denn wenn du später Regisseur bist, kann dir der Kameramann nicht erzählen, was geht und was nicht geht. Also habe ich meinen Realschulabschluss gemacht und dann drei Jahre die Fotografenausbildung absolviert.

ZEITmagazin: Und dann haben Sie beschlossen, sich bei der Hochschule für Fernsehen und Film in München zu bewerben?

Herbig: Na ja, ich wollte das nach der Ausbildung machen, das war mein Plan. Aber dann kam plötzlich die Wehrpflicht. Die hatte ich ja überhaupt nicht mehr auf dem Schirm.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie da, 19?

Herbig: Ja, ungefähr. Ich dachte mir, ich kenne so viele Leute, die sind um die Bundeswehr rumgekommen, das mache ich auch. Da gehe ich zu meinem Doktor und frage, ob er mir ein Attest schreibt. Und jetzt muss man aber dazu sagen, ich habe schon einen roten Kopf gekriegt, wenn man mich in der Schule an die Tafel geholt hat. Aber ich bin hin zu dem Arzt und sage den Satz: "Ja, ich werde jetzt dann bald eingezogen, könnten Sie ..." Da unterbrach er mich schon und sagte: "Nee, nee, so was machen wir nicht." Da war ich so eingeschüchtert, dass ich sofort "okay" gesagt habe und wieder gegangen bin. Was die Sache dann aber noch viel schlimmer machte, war, dass die Wehrpflicht plötzlich von 15 auf 18 Monate erhöht werden sollte. Ich habe also direkt da angerufen und gesagt: "Ihr müsst mich jetzt sofort einziehen, weil ich ein Riesenangebot aus Amerika habe, und wenn ihr mich jetzt nicht einzieht, dann ist meine Karriere komplett im Arsch." Das war sozusagen mein erster Pitch. Da habe ich gemerkt, wie wichtig das ist.

ZEITmagazin: Wie ist Ihnen der Wehrdienst bekommen?

Herbig: Ich war hier in München, nach der Grundausbildung beim Faltschwimmbrückenzug. Alle, die nach der Grundausbildung in die Kompanie kamen, haben entweder den Lkw- oder Bootsführerschein gemacht. Nur ich bin den Iltis gefahren, ein lächerliches Jeep-ähnliches Gefährt. Ich dachte, wie uncool ist das eigentlich? Darin sollte ich den Oberleutnant fahren, und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum ich dort gelandet bin. Irgendwann habe ich ihn dann gefragt, und er sagte: "Jo, ich hab bei der Grundausbildung ang’rufen und hab gesagt, schickst mir den Lustigsten." Der Humor hat mich auch vor manchem bewahrt.

ZEITmagazin: Aber nicht vor der großen Enttäuschung an der Filmhochschule in München.

Herbig: Stimmt, ich hatte mir während der Bundeswehr schon die Bewerbungsunterlagen schicken lassen. Dann habe ich mich beworben, aber nicht mal die erste Hürde geschafft.

ZEITmagazin: Hat Sie das gekränkt?

Herbig: Sehr. Aus heutiger Sicht war es natürlich auch ein bisschen naiv, dass ich so fest davon ausgegangen bin, dass das klappt.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit der Kränkung fertig geworden?

Herbig: Na ja, ich dachte, ich habe drei Jahre lang intensiv mit Bildern zu tun gehabt, jetzt nehme ich mir den Ton vor. Mit einem Kumpel, den ich bei der Bundeswehr kennengelernt hatte, habe ich dann eine Firma gegründet, die Ansagetexte für Anrufbeantworter produziert hat, das war damals eine Marktlücke.

ZEITmagazin: Wirklich wahr?

Herbig: Wirklich wahr. Verdient haben wir damit zwar nichts, aber dadurch kam letztendlich die Einladung zum Radio, und so bin ich zum Radio, von da zum Fernsehen und schließlich zum Film.

ZEITmagazin: Und redet man an der Filmhochschule heute darüber, dass Sie damals abgelehnt wurden?

Herbig: Moment, dazu muss ich Ihnen etwas zeigen!

Herbig verlässt den Raum und kommt mit einem Plakat wieder. In großen Buchstaben kündigt das Poster ein sechseinhalbstündiges Gespräch mit Michael Bully Herbig an zum Thema "Lasst uns doch mal ernsthaft über Humor reden. Über die Kunst der Komödie" – an der Hochschule für Film und Fernsehen.

Herbig: Ich habe mir vorgenommen, beides nebeneinanderzuhängen: das Absageschreiben der HFF und dieses Plakat. Toll, oder? Mittlerweile betreue ich als Mentor auch den Abschlussfilm einer Studentin. Späte Genugtuung.

ZEITmagazin: Wir waren beim großen Erfolg von (T)Raumschiff Surprise angekommen. Dann haben Sie noch den Zeichentrickfilm Lissi und der wilde Kaiser gemacht. Und dann sind Sie 2010 Vater geworden.

Herbig: Das hat natürlich schon ziemlich viel verändert in meinem Leben. Ich konnte mir auch, weil alle Verträge ausgelaufen waren, endlich Zeit nehmen für meine Familie. Und auch schauen, wo ich stehe und wie mich die anderen sehen. Und so habe ich mich wirklich fast ein Jahr lang mit vielen Studio-Producern oder Studiobossen oder was auch immer getroffen. Letztendlich wollte ich mir auch anhören, was meine Perspektiven wären. Ich wollte gerne noch ein paar andere Leute bei der Arbeit beobachten.

ZEITmagazin: Sie haben dann in ziemlich ernsten Filmen mit ziemlich großen Regisseuren als Schauspieler mitgewirkt: Vilsmaier, Haußmann, Dietl.

Herbig: Genau, und ich war da schon auch ein Glücksschwein. Man hat mich mal gefragt, ob ich nicht Theater spielen wolle. Da habe ich gesagt, wenn, dann gibt’s nur ein Stück, das ich mir vorstellen könnte: der Brandner Kaspar. Und ein halbes Jahr später, das wusste der aber nicht, kam die Anfrage vom Joseph Vilsmaier, ob ich den Boanlkramer im Brandner Kaspar spielen würde.

ZEITmagazin: Was haben Sie von Vilsmaier gelernt?

Herbig: Eine unglaubliche Entspanntheit. Joseph Vilsmaier und ich saßen mal mit unseren Produktionsfirmen im selben Gebäude. Gleich nebenan war der Schnittplatz für Brandner Kaspar, und irgendwann sagt Joseph: "Moagst a mal schaun?", und zeigt mir eine Szene. Ich mache so ein paar Vorschläge, da sagt der Sepp auf einmal: "Woaßt was, dann schneid’ du des", und ist rausgegangen. Ich schau den Cutter so an, der Cutter sagt: "Ja klar, machen wir halt so." Und dann habe ich eine Szene selbst geschnitten. Nach einer Woche hat er sich’s angeschaut und gesagt: "Ja super, das lassen wir." Ich fand’s Wahnsinn, weil so was käme mir andersrum nie in den Sinn.

ZEITmagazin: Dann kamen Leander Haußmann und Ihre Hauptrolle in Hotel Lux.

Herbig: Also, jetzt muss ich echt aufpassen, was ich sage. Also Punkt eins: Ich liebe Leander Haußmann. Ich liebe ihn. Punkt.

ZEITmagazin: Jetzt bin ich aber gespannt auf Punkt zwei.

Herbig: Ich liebe ihn, und ich habe viel gelacht, aber er wird mir auch verzeihen, wenn ich sage, am Set ist er manchmal nicht ganz einfach. Als wir in Berlin gedreht haben, klingelt mitten in der Nacht mein Telefon. Schlaftrunken gehe ich ran und sage: "Was?" – "Ja Bully, hier ist Leander." – "Was rufst du mich jetzt an?" – "Mein Kind kommt." Da sage ich: "Wie, dein Kind kommt?" – "Ja, meine Frau, die entbindet." – "Warum rufst du mich da jetzt an?", frage ich. "Ja, was soll ich jetzt machen?" – "Das fragst du mich?" – "Ja, ich muss doch da hin." – "Ja, dann fahr halt hin." – "Ja, soll ich echt hinfahren?" – "Ja", sage ich, "ruf deinen Produzenten an und nicht mich!" Auf einmal fragt er: "Ja, kannst du morgen Regie machen?" Ich war so verpennt, ich hab Ja gesagt, aufgelegt und bin wieder eingeschlafen. Am nächsten Morgen komme ich ans Set, hab das total vergessen, sitze in der Maske, kommt der Regie-Assi rein und sagt: "So, guten Morgen, was machen wir heute?" Dann sage ich: "Wie, was?" – "Na ja, Leander hat gesagt, du machst Regie." Und so kam es, dass ich einen Tag am Set von Hotel Lux Regie geführt habe.

ZEITmagazin: Und dann bot Helmut Dietl Ihnen die Hauptrolle in seinem letzten Film an: Zettl.

Herbig: Dietl war immer ein Traum von mir, bei Helmut war es mir völlig wurscht, was wir machen, ich wollte ihn einfach am Set erleben. Für mich war er einer der Größten. Also wirklich Lubitsch, Wilder, Dietl. Für mich kann man die in einem Atemzug nennen.

ZEITmagazin: Wie sind Sie zusammengekommen?

Herbig: Das war wie gesagt 2001, als dieser Satz fiel: "Jetzt haste deinen Erfolg, jetzt musst du damit leben." Ich habe damals zu ihm gesagt: "Weißt du, Helmut, wenn du eine neue Komödie machst, will ich nur einmal als schmieriger Banker hinten durchs Bild laufen, das würde mir schon reichen, weil ich einmal in einem Helmut-Dietl-Film sein will!" Er guckt mich an und sagt: "Ah wirklich, interessant, aha, aha." Danach haben wir uns noch ein-, zweimal getroffen, und ich war so stolz, dass wir dann allgemein über Filme gesprochen haben. Und dann hat er einmal gesagt: "Also, Bully, man kann schon sagen, also, du beflügelst mich."

ZEITmagazin: Beflügelt waren Sie nach diesem Satz bestimmt auch!

Herbig: Ja, ich bin selten stolz, aber in dem Moment! Es gibt so ein paar Dinge, die ich für mich aufgehoben habe, dieser Satz gehört dazu.

ZEITmagazin: Wie war es dann mit ihm?

Herbig: Ich muss ganz ehrlich sagen, das ist jetzt – glaube ich – auch kein großes Geheimnis, das wusste Helmut sicherlich auch, dass es sehr diktatorisch am Set zuging.

ZEITmagazin: Alte Schule.

Herbig: Ja. Und manchmal vielleicht auch sehr ungerecht. Wobei es natürlich für diese cholerischen Ausbrüche Gründe gab. Ich habe da eine andere Energie, wenn bei uns am Set etwas schiefgeht oder nicht funktioniert. Helmut brauchte ein Ventil, sonst wäre er wahrscheinlich buchstäblich geplatzt. Aber in diesen Momenten musste ich das Set verlassen. Ich habe allerdings nie erlebt, dass er sich mit einem Schauspieler angelegt hat, er hat seine Darsteller immer geliebt.

ZEITmagazin: Und was hat er Ihnen als Tipp gegeben fürs Schauspielen?

Herbig: Gleich am ersten Tag gab es einen Satz nach der ersten Probe, den habe ich mir den ganzen Film über gemerkt: "Net lustig, Bully, trocken, ja, na, Bully: trocken!"

ZEITmagazin: Trocken?

Herbig: Trocken. Das hat er mir noch mehrmals vorgehalten, da habe ich irgendwann zu ihm gesagt: "Helmut, nach diesem Film bin ich komplett ausgetrocknet."

ZEITmagazin: Zettl war ein Misserfolg, Dietl wurde von der Kritik zerrissen. Ein paar Spritzer haben Sie damals auch abbekommen.

Herbig: Ich war da vielleicht ein bisschen naiv, ich habe damals wirklich gelernt, dass die meisten nicht unterscheiden können zwischen "ein Film von ..." und "ein Film mit ...". Das ist aber ein Riesenunterschied. Wenn ein Film kritisiert, für schlecht befunden oder wie Zettl zerfleddert wird, dann stehe ich als Zaungast da. Denn ich wurde engagiert, ich habe meinen Job gemacht, und wenn jemand sagt, Bully hat scheiße gespielt, dann ist das was anderes, dann sage ich, okay, dann versuche ich es beim nächsten Mal besser zu machen.

ZEITmagazin: Es gibt Leute, die raunen: Bully macht nur noch bei Flops mit.

Herbig: Das ist eine oberflächliche Beurteilung, die bei den Leuten dann wahrscheinlich auch so ankommt.

ZEITmagazin: Lassen Sie das an sich heran?

Herbig: Na ja, damit komme ich jetzt wieder auf 2001 zurück ...

ZEITmagazin: ... und die Frage, was Sie in Ihrem Leben ändern wollen ...

Herbig: ... das Schöne am Filmemachen ist ja, dass du nicht in Rente gehst. Am Ende will ich ja mit achtzig, toi, toi, toi, auf einer Parkbank sitzen und meinem Enkel erzählen können, dass ich mit Helmut Dietl gedreht habe, und von meinen Begegnungen mit Bernd Eichinger. Das sind meine Geschichten, das mögen alles Flops sein, aber das sind meine Geschichten.

ZEITmagazin: Was wirft man Ihnen am häufigsten vor?

Herbig: Es ist ja meistens einfach Polemik. Pauschale Beschimpfungen zum Beispiel, wenn du dich für eine Kampagne engagierst wie jetzt im Moment für dieses Recht auf Menschenrecht, und dann kommt der Kommentar: "Das war’s jetzt, die DVDs wandern in die Tonne, und ich esse kein Haribo mehr!"

ZEITmagazin: Apropos Haribo. Warum machen Sie dafür Werbung, wenn Ihnen Öffentlichkeit immer wieder peinlich ist?

Herbig: Aus Spaß. Es gab sehr früh die Idee dieses gemeinsamen Spots ...

ZEITmagazin: ... von Thomas Gottschalk und Ihnen ...

Herbig: ... ja, und das mochte ich total. Klar wird dir immer wieder von Leuten, die dich ohnehin nicht mögen, vorgeworfen: "Jetzt hat er sich doch kaufen lassen!" Aber ich habe da eine andere Einstellung.

ZEITmagazin: Nämlich?

Herbig: Ich war immer der Überzeugung, wenn du Dinge aus Überzeugung heraus tust, dann kommt der Erfolg, und mit dem Erfolg kommt automatisch natürlich auch die Kohle, das ist in jedem Beruf so. Die größte Energie in den letzten zwanzig Jahren habe ich investiert, um dem Mittelmaß zu widerstehen. Ich fand’s immer besser, wenn Leute sagen: "Wir finden dich scheiße", und die anderen sagen: "Wir finden dich gut", als wenn Leute sagen: "Ja, ist ganz okay, was du machst!"

ZEITmagazin: Um endlich auf den Punkt zu kommen: Ist jetzt Schluss mit lustig?

Herbig: Darauf wird es hinauslaufen. Ich bin jetzt 47, und ich weiß halt nicht, ob ich mit 50 noch in Frauenklamotten steigen möchte. Oder auf ein Pferd.

ZEITmagazin: Und wie werden Sie sich verabschieden aus diesem Genre?

Herbig: Das ist das Schöne: Ich habe ja erzählt, wie armselig 1997 die Bullyparade gestartet ist und was sie letztendlich hervorgebracht hat, von Manitu über (T)Raumschiff bis Lissi. Wir haben uns vor Kurzem mal getroffen ...

ZEITmagazin: Die drei üblichen Verdächtigen ...

Herbig: Genau, Rick Kavanian, Christian Tramitz und ich. Jeder von uns dachte während der letzten zehn Jahre, es hört irgendwann mal auf, irgendwann fragt keiner mehr nach einer Fortsetzung.

ZEITmagazin: Aber es hörte nicht auf.

Herbig: Nein, da ging es uns allen gleich. Und da haben wir uns entschieden, wir wollen noch einmal einen Film machen. Die Wünsche der Fans dazu sind ganz unterschiedlich. Die einen sagen, wir wollen eine Fortsetzung vom Manitu, andere: "Macht doch mal eine Fortsetzung von (T)Raumschiff Surprise, viele sagen "Wir wollen die Bullyparade zurück!" Und da die Bullyparade 2017 ihr 20-jähriges Jubiläum feiert, haben wir uns entschieden, dann mit einem Bullyparade-Film ins Kino zu kommen. Da wird alles drin sein, es wird ein Episodenfilm: die beliebtesten Figuren, dazu gehörten Winnetou und Old Shatterhand, Mr. Spuck, Kork, Schrotty, da gehörten Sissi und Franz dazu, die wir ja im Kinofilm noch nie gezeigt haben. Und zwei Überraschungen wird es auch geben.

ZEITmagazin: Wenn der Film 2017 in die Kinos kommt, stehen Sie kurz vor Ihrem 50. Geburtstag. Was machen Sie, wenn Sie endlich volljährig sind?

Herbig: (lacht) Ich werde einen Thriller drehen, den ich schon seit Jahren machen wollte. Die Geschichte der Familien Strelzyck und Wetzel, die 1979 mit einem Heißluftballon aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen sind. Die Story ist Anfang der achtziger Jahre von Disney verfilmt worden. Mittlerweile sind aber aus den Stasi-Akten Details bekannt geworden, die man damals nicht kennen konnte.

ZEITmagazin: Haben Sie selbst dafür recherchiert?

Herbig: Ich habe mich mit beiden Familien getroffen, deshalb bin ich ja auch der Meinung, dass man die Geschichte noch mal erzählen muss. Wir haben lange Gespräche geführt, die Drehbuchautoren Thilo Röscheisen und Kit Hopkins waren auch dabei. Den Film werde ich zusammen mit Roland Emmerich produzieren.

ZEITmagazin: Und rauskommen wird der Film dann nach dem finalen Bullyparade-Film?

Herbig: Das wäre der Plan. Für mich wäre es ein Traum, wenn Leute von mir einen Thriller akzeptieren würden.

ZEITmagazin: Obwohl er überhaupt nicht lustig ist?

Herbig: Ja, mit Ansage nicht lustig.

Kommentare

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"ZEITmagazin: Würden Sie auch im Nachhinein sagen, dass es kein Problem ist, dass man beim (T)Raumschiff die ganze Zeit über drei Schwule lacht? "
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Jetzt habe ich es endlich kapiert. Die Probleme werden herbeigeredet. Von humorlosen heterosexuellen Journalisten.

Garantiert nicht ein einziger Schwuler fühlte oder fühlt sich durch den Film diskriminiert. Damals nicht und heute auch nicht. Es wäre für das gesellschaftliche Klima hilfreich, wenn man nicht in allem zwanghaft Diskriminierung verorten möchte. Wenn niemand, außer dem Journalisten ein Problem sieht.

Die Antwort von Bully ist schlau und selbstverständlich. Auf die Antwort hätte di Laurenzo auch selber kommen können und sich dann die bescheuerte Frage gespart.

Meine Zeit mit dem Lesen dieses Interviews verplempert zu haben bedaure ich sehr. Obwohl ich ihn eigentlich für einen angenehmen Zeitgenossen halte und die Bully-Parade manchmal witzig fand, macht dieses Interview den Eindruck, als hätte er nichts zu sagen. Das ist tragisch und schwer zu ändern. Ich habe übrigens noch nie so einen unlustigen Film wie
"der Schuh des Manitu" gesehen. Dass er von den Machern der Winnetou-Filme fertig gemacht wurde, ist jedoch ungerecht: Diese Filme waren Meilensteine der seichten Unterhaltung.