© Franz Brück

Das war meine Rettung "Ich habe mich integriert, und ich bin kein Einzelfall"

Nizaqete Bislimi kam als Flüchtling nach Deutschland, heute ist sie Anwältin. Allein hätte sie es nie geschafft. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2015

ZEITmagazin: Frau Bislimi, Sie sind 1993 mit Ihren Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Heute diskutiert das ganze Land über Flüchtlinge. Wie wirkt das auf Sie?

Nizaqete Bislimi: Ich möchte meine Situation damals nicht mit den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien vergleichen. Diese Menschen haben einen gefährlichen Weg übers Meer hinter sich. Wir sind mit dem Bus bis zur grünen Grenze gebracht worden und haben diese dann zu Fuß überquert. Das war ein Marsch von einer halben Nacht.

ZEITmagazin: Aber auch Sie sind vor einem Bürgerkrieg geflohen.

Bislimi: Wir sahen den Krieg kommen, aber wir sind geflohen, lange bevor er 1998 begann. Trotzdem hat er mich sehr belastet. Es kamen ja ständig Verwandte, die von den Brutalitäten in der Heimat erzählten.

ZEITmagazin: Wie war Ihre Ankunft in Deutschland?

Bislimi: Die Willkommenskultur habe ich schon damals erlebt. Es gab vielleicht dieses Wort nicht, aber es gab Menschen, die sich für uns eingesetzt haben. Es fand zum Beispiel ein Willkommensfest in Oberhausen statt. Dass diesem Fest Proteste gegen die Unterkunft vorausgegangen waren, wussten wir nicht. Damals sind ja überall Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt worden, Menschen wurden getötet, es war die Zeit der Asylbetrüger-Hysterie, aber all das wussten wir nicht. "Das Boot ist voll", hieß es damals, und als Reaktion auf die Stammtischparolen wurde das Asylrecht verschärft. Uns wurde gesagt: Geht zurück, ihr habt keine Chance, ihr kommt aus dem Kosovo.

ZEITmagazin: Sie gehörten im Kosovo der Minderheit der Roma an. Wie erging es ihr im Krieg der Serben gegen die Albaner?

Bislimi: Nach dem Kriegsende sind Hunderttausende vertrieben worden. Das wurde in den deutschen Medien kaum zur Kenntnis genommen. Denn das Opfer, der von den Serben unterdrückte Albaner, konnte ja nicht auf einmal der Täter sein. Die Pogrome gegen die Roma und Aschkali gingen von der albanischen Bevölkerung aus. Es sollte eine ethnische Säuberung stattfinden.

ZEITmagazin: Wie wird man heute in Deutschland als Roma wahrgenommen?

Bislimi: Nach wie vor besteht ein ganz besonderer Rassismus ihnen gegenüber. Wir sind eine ungeliebte Minderheit, die man am liebsten loswerden würde. Da spuken so viele Vorurteile in den Köpfen.

ZEITmagazin: Eines lautet: schwer zu integrieren.

Bislimi: Ich mag es nicht, Vorurteile zu reproduzieren. Ich bin ja wohl da, und ich habe mich integriert, und ich bin kein Einzelfall. Das Problem ist eines der Sichtbarkeit. Auf der Straße nimmt man eher bettelnde Roma wahr. Aber Roma sind eine heterogene Gruppe. Sozial, kulturell und auch religiös. Aber ich bin auch selbstkritisch. Was mir bei den Roma fehlt, ist Selbstbewusstsein. Nicht stumm bleiben, sondern sich zeigen! Ich kenne das Problem von mir selbst. Ich musste erst mein Jurastudium bewältigen, bevor ich die Kraft hatte, mich zu meiner Identität zu bekennen. Wenn ich jetzt sage: Ich bin Romni, traut sich keiner, etwas zu sagen. Weil man Respekt hat vor meinem Beruf. Dass der Kosovo jetzt durch die Bundesregierung zum sicheren Herkunftsstaat erklärt worden ist, halte ich übrigens für einen Fehler. Die Minderheit der Roma wird im Kosovo nach wie vor systematisch ausgegrenzt und diskriminiert.

ZEITmagazin: Hat Ihr Studium Sie gerettet?

Bislimi: Mein erstes Semester an der Uni war furchtbar. Ich hatte nur eine Duldung. Alles war unklar, ich war überfordert, und ich fühlte mich so einsam. Die anderen Studenten hatten alle schon Freundschaften geschlossen, während ich an den abendlichen Treffen der Tutorien nicht teilnehmen konnte, weil die erst abends ab acht Uhr stattfanden und ich nicht mehr nach Hause gekommen wäre.

ZEITmagazin: Wie haben Sie durchgehalten?

Bislimi: Meine Rettung war eine Frau, die wir von dem Willkommensfest kannten und die sich um unsere Familie kümmerte. Sie war Lehrerin, und meine schulische Perspektive war ihr wichtig. Sie hat uns auch unseren Anwalt vermittelt, in dessen Kanzlei ich heute arbeite, jetzt ist er mein Kollege, wir sind beide auf Ausländer- und Asylrecht spezialisiert. Als ich kurz davor war, mein Jurastudium aufzugeben, sagte diese Lehrerin: Mach weiter, gib nicht auf, du kannst das! Sie hat mir die Kraft gegeben, diese schwere Zeit zu überstehen.

ZEITmagazin: Haben Sie heute noch Kontakt?

Bislimi: Die Freundschaft ist geblieben, auch wenn wir uns nicht mehr häufig sehen. Am Ende muss man auf eigenen Füßen stehen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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