Harald Martenstein: Über beschämte Bürger und die eigene Vortrefflichkeit

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 46/2015

Einmal in der Woche schrieb der alte Herr M. eine kleine, unterhaltende Kolumne für ein Magazin. Hin und wieder äußerte er darin eine sogenannte Meinung, dies aber ohne größere pädagogische Absicht. Er war bescheiden geworden. Wenn in einem Land die Armen nicht hungern mussten, die meisten über bescheidenen Wohlstand verfügten und die Leute sich nicht gegenseitig an die Gurgel gingen, dann schien ihm dies in der gegenwärtigen Welt der Idealfall zu sein, das war ein verteidigenswertes Ziel. Aber viele wollten natürlich mehr als das. Seiner Ansicht nach bestand das politische Hauptziel der meisten Deutschen darin, dass ihr Land trotz seiner Geschichte überall geliebt wird, eine Geschichte der letzten Jahrzehnte müsste den Titel Der Liebeswunsch tragen.

Es gab einen Lehrsatz, den deutsche Journalisten früher gern zitierten, er stammt von dem Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs: "Man soll sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein." Eine Zeit lang konnte M. es gar nicht mehr hören, so oft wurde das zitiert. Es stimmte nicht ganz, zum Beispiel sollten sich Journalisten durchaus mit den Menschenrechten gemein machen. Der Journalismus von heute funktioniert genau umgekehrt. Man soll für das kämpfen, was man für das Gute hält, man soll in öffentlicher Betroffenheit versinken.

In Köln war auf eine Bürgermeisterkandidatin ein Attentat verübt worden. Da musste man jetzt wohl ein Adjektiv verwenden, schändlich, brutal, aber war in einer Demokratie nicht jedes Attentat schändlich? Bei der anschließenden Wahl war die Beteiligung trotzdem so niedrig wie nie, 40 Prozent. Auf Spiegel Online las M. die Überschrift Schäm dich, Köln! Wegen der niedrigen Wahlbeteiligung wurden den Kölnern von einem Journalisten die Leviten gelesen. Es hätte eines Aufstands der Anständigen bedurft, das Verhalten der Wähler sei ein Schlag ins Gesicht des Verbrechensopfers. "Parteien, Medien, Prominente riefen dazu auf, unbedingt zur Wahl zu gehen. Vergeblich."

In Köln hatte es ein paar Skandälchen gegeben. Offenbar waren die meisten Wähler nicht bereit, ihre Negativmeinung über die Lokalpolitik wegen des natürlich sehr angebrachten Mitleids mit einer Schwerverletzten zu vergessen. Eigentlich fand M. es eher gut, wenn man sich in der Politik nicht nur von Emotionen leiten ließ, nicht einmal von positiven, dabei konnte man sich doch in schreckliche Irrtümer verstricken. Kurz dachte er darüber nach, was passieren würde, wenn die Kölner sich den Artikel zu Herzen nähmen und sich schämten. Wenn sie alle zum Spiegel pilgerten, den Namen des Journalisten skandierten und riefen: "Verzeih uns! Wir schämen uns so! Es war nicht so gemeint! Hab uns wieder lieb!"

Aber der Autor des Artikels hatte einen anderen Vorschlag. Als Beispiel dafür, wie die Kölner sich verhalten sollten, erinnerte er an ein Volksfest gegen Fremdenfeindlichkeit. "Es gab Musik und Kölsch, und alle schunkelten in der Beseeltheit, gute Menschen zu sein. Damals durfte Köln stolz auf sich sein." Zuerst fiel M., der christlich erzogen war, Jesus ein. Jesus mochte es ja überhaupt nicht, wenn Menschen sich an der eigenen Vortrefflichkeit berauschten. Dann dachte er an ein berühmtes Brecht-Zitat. Wenn das Volk sich nicht so verhält, wie Parteien, Medien und Prominente es von ihm verlangen, dann müssen sich Parteien, Medien und Prominente vielleicht ein neues Volk suchen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

86 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren

carlos ac liberal

#1  —  24. November 2015, 8:43 Uhr

Journalismus muss Strecken und moralische , wenn die Spreads zu erhalten ..
aber Risiken für eine Hysterie in der ganzen Welt zu schaffen

"Jesus mochte es ja überhaupt nicht, wenn Menschen sich an der eigenen Vortrefflichkeit berauschten."
Solche Predigten hat der Kardinal Meissner den Kölnern auch gerne gehalten. Römisch katholisch ist aber nun mal was anderes als rheinisch katholisch. Man hat es vor Ort belustigt zur Kenntnis genommen.

Das Problem, dass man mit dem eigenen Volk zum Teil nur scher klar kommt, teilt er da anscheinend zum Teil mit Journalisten und zeitweise anderem hochrangigen Regierungspersonal.

Flugschreiber

#4  —  24. November 2015, 9:13 Uhr

Oh, oh! Auf den Punkt.

Herr M., Sie brauchen jetzt ein besonders schnelles Pferd.