Die großen Fragen der Liebe Warum will er keinen Sex mehr, seit sie zusammen wohnen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 46/2015

Die Frage: Hanna hat zwei Kinder weitgehend allein großgezogen. Vor einigen Jahren hat sie Markus wiedergetroffen, den sie vom Studium kannte. Er erzählte, er sei Single geblieben, seitdem seine erste Beziehung schiefgegangen sei. Hanna und er verliebten sich, lebten aber zunächst in verschiedenen Städten. Nach drei Jahren Beziehung sind sie jetzt auf seinen Wunsch in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Seitdem will er kaum noch Sex, sagt aber andererseits, er liebe sie. Hanna ist darüber bekümmert; manchmal ist sie schon aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen, weil sie seine Zurückhaltung nicht erträgt. Dann ist Markus beleidigt. Sie weiß, dass er während seiner Singlezeit manchmal mit Prostituierten zusammen war. Liegt es daran?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die meisten Menschen können Bindung, Nähe und Erotik gut unter eine Decke bringen. Aber bereits die Vorgeschichte von Markus zeigt, dass er nicht zu dieser Gruppe gehört. Er hat bisher feste Bindungen vermieden. Hinter solchen Vermeidungen steckt in der Regel Angst. Es ist leichter, die Fassade aufrechtzuerhalten, wenn man wenig Alltag teilt. Ein Sexualpartner wird als übermächtig erlebt, wenn der Abstand zu ihm nicht kontrolliert werden kann. Daher ist die Erotik mit einer Prostituierten, die Liebschaft mit einer gebundenen Frau oder auch in einer Wochenendbeziehung angstfrei. Hanna und Markus können erst eine Lösung finden, sobald Markus sein Problem nicht mehr verleugnet. Hanna sollte ein Zeichen setzen und auf getrennten Schlafzimmern bestehen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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