Ich habe einen Traum: Noel Gallagher

"Solange ich im Kopf jung genug bin, werde ich weitermachen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 46/2015

Mal ganz ehrlich – wovon soll ich noch träumen? Für mich gibt es als Musiker keine Ziele mehr, ich habe schon vor Jahren alles erreicht. Wenn deine größten Träume so schnell und so früh im Leben wahr werden, ist das gleichzeitig großartig und enorm frustrierend. Als es mit Oasis losging, habe ich davon geträumt, dass wir die beste Band der Welt werden. Wollte ich auch reich und berühmt werden? Wahrscheinlich. Ich mag es, berühmt zu sein, aber wirklich wichtig war es mir nie. Ich akzeptiere es, alles andere kostet zu viel Kraft und Zeit.

Am Anfang habe ich von einem Plattenvertrag geträumt. Den haben wir ziemlich schnell bekommen. Dann habe ich davon geträumt, meine Lieder im Radio zu hören. Das wurde ebenfalls wahr. Dann haben wir ein Album aufgenommen, das wurde Nummer eins, das nächste ebenfalls. Wir gingen auf Tour, füllten Stadien. Nach drei Jahren hatten sich alle Träume erfüllt. Ich war 29 Jahre alt.

Ich erinnere mich, wie ich 1996 am Ende unseres Auftritts in Knebworth auf der Bühne stand und mich fragte: "Und was jetzt?" Wir hatten gerade vor dem größten Publikum gespielt, das je eine Band in Europa hatte, wir hatten 30 Millionen Platten verkauft. Wir waren die größte Band der Welt. Wie sollte es weitergehen?

In den nächsten drei Jahren wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich fühlte mich verloren, auch musikalisch. Zugegeben, das klingt nach bescheuerten Rockstarproblemen. Aber so etwas kann jedem passieren, der seinen Traum verwirklicht hat. Wahr gewordene Träume sind ein zweischneidiges Schwert. Es war frustrierend. Vielleicht haben mein Bruder und ich uns auch deshalb endgültig zerstritten.

Sicher, ich würde gern einen Song wie Morning Glory für die nächste Generation schreiben. Aber davon zu träumen ist Blödsinn – es hängt von zu vielen Faktoren ab, ob solche Träume wahr werden, du hast es nicht in der Hand. Darum ist es auch sinnlos, zu viel darüber nachzudenken, was man sich wünscht.

Trotzdem muss ich bei jedem Album davon überzeugt sein, den besten Song meines Lebens schreiben zu können. Sonst würde ich die Gitarre gleich in der Ecke stehen lassen. Und bisher funktioniert es ja auch noch gut. Solange ich gesund bin und im Kopf jung genug, werde ich weitermachen.

Meine privaten Träume sind langweilig: Ich wünsche mir das Beste für meine Familie. Meine Kinder sollen glücklich und sicher aufwachsen. Mir ist es scheißegal, ob sie später Anwalt oder Müllmann werden. Na ja, bei den teuren Schulen, die sie besuchen, ist Müllmann unwahrscheinlich. Aber wenn ihnen das Spaß machen würde, meinetwegen!

Meine Kinder haben mich dazu gebracht, über mich nachzudenken und ein gesünderes Leben zu führen. Das klingt jetzt vielleicht etwas melodramatisch, aber: Es wäre schön, alt zu werden und die Kinder erwachsen werden zu sehen.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Oasis war nie die größte Band der Welt. Nach welchen plakativen Kriterien auch immer. Diese Annahme ist Teil der, in sich schon fast charmanten, Selbstüberschätzung der Gallagher Brüder. Oasis hat keinen substanziellen kulturhistorischen Wert im Vergleich zu epochalen und genrebildenden Bands wie The Beatles, The Rolling Stones oder Nirvana.

Oasis waren zusammen mit Blur wohl die wichtigsten Bands des 90er Britpop/rock, die genauso wie die von Ihnen zitierten Nirvana maßgeblich den Sound eines ganzen Segments und für eine Generation geprägt haben. Ihr borniertes Geblubbere von wegen keine substanzielle kulturhistorische Bedeutung macht Sie auch nicht schlauer oder glaubwürdiger. Mag ja sein, dass Sie Oasis nicht diesen Stellenwert beimessen - andere tun dies schon. Genauso könnte man behaupten, die Smiths oder the Cure hätten keinen "substanziellen kulturhistorischen" Effekt gehabt, aber wer könnte oder wollte das wie messen?
Zumal Nirvana auch nur in kommerzieller Hinsicht einen bestimmten Sound vor allem in den Mainstream geblasen hat. Ist deshalb Pearl Jam weniger relevant?

"Sicher, ich würde gern einen Song wie Morning Glory für die nächste Generation schreiben. Aber davon zu träumen ist Blödsinn"

Und sinnlos. Ist ungefähr so, als hätte Lennon gegen Ende seines viel zu kurzen Lebens davon geträumt, die Beatles zweimal erfunden zu haben. Du wirst nur einmal unsterblich, was dann vielleicht auch schon das Dümmste ist an der ganzen Unsterblichkeitssache. Man wollte Noel fragen, was er denn vom zweiten Mal erwarten könnte. Die Antwort ist klar und er kennt sie selbst, vor allem eine vertraute Frage: "Was jetzt?"

Müßig ist schon das, weil er "Morning Glory" nicht für irgend eine Generation schrieb, sondern für seine eigene. Und das ist entscheidend, als es die Musik ja erst zu dem machte, was sie wurde. Auch für ihn selbst! Und auch heute für viele bleibt. Oasis waren auf ihrem Höhepunkt in erster Linie immer Sinnausdruck einer bestimmten Generation, sie würden heute nicht mehr funktionieren, weil es eine völlig andere ist, die auf den Festivals zeltet. Und sicher nicht, weil sie dort auf Morning Glory Redux wartet. Sie hat ihr eigenes. Eben genau wie damals.

"The sun is coming up and it's going down,
but it's all just the same at the end of the day."