Wien "Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore"

Das singen Wanda aus Wien und werden dafür überall gefeiert. Die Band gehört zu einer neuen Generation von Wienern, die ihre Stadt gerade ganz schön umkrempelt Von
ZEITmagazin Nr. 46/2015

Das neue und das alte Wien liegen manchmal sehr nah beieinander. Maurice Ernst, Sänger der Band Bilderbuch, sitzt in einer Bar, der Orange One, wenige Meter von seiner Wohnung entfernt, und trinkt eine Johannisbeerschorle. Ein junger Mann, 26 Jahre alt, mit zerzausten, blondierten Haaren und Goldkette. Er trägt eine Pyjamahose aus einem Secondhandshop. Plötzlich schaut Maurice Ernst auf: Eine vergoldete, offene Kutsche mit roten Ledersitzen fährt vorbei. Maurice Ernst ruft: "Das ist es! Das finde ich großartig. Ein Fiaker. Warum nicht auf einem Fiaker durch das nächste Bilderbuch-Video fahren?"

Wien im Oktober 2015. Wir sind in die Stadt gereist, weil dort etwas passiert, etwas Unerwartetes. Freunde, denen man vorab von dieser Reise erzählt, sagen sehnsuchtsvoll, sie wollten mit. Und die Berliner, Hamburger oder Münchner, die schon da waren, erzählen, dass Wien die einzige Stadt sei, in die sie ohne guten Grund ziehen würden, ohne neuen Job, ohne neue Liebe. Einfach nur, weil es dort so schön sei.

Das internationale Magazin Monocle zeichnete Wien gerade mit dem zweiten Platz im Ranking der lebenswertesten Städte der Welt aus, hinter Tokio, vor Berlin. Der Herausgeber Tyler Brûlé schwärmt: "Ich war vor fünf Wochen das letzte Mal in Wien. Wenn ich dort an den wunderschönen alten Gebäuden vorbeilaufe und samstags zum Markt gehe, beginne ich zu tagträumen, wie schön ein Leben dort sein könnte."

Wien erlebt in jeder Hinsicht glänzende Zeiten: Food-Kritiker bejubeln die neue Wiener Küche, junge Schriftstellerinnen erobern die Bestsellerlisten und Wiener Models die Laufstege der Welt. Und natürlich: Die deutschsprachigen Bands der Stunde, Wanda und Bilderbuch – beide kommen von hier. Und mit David Alaba hat die Stadt auf einmal einen jungen Fußballhelden. Nicht zuletzt dank ihm hat sich die österreichische Nationalmannschaft zum ersten Mal aus eigener Kraft für eine EM qualifiziert. Was ist gerade bloß los in dieser Stadt?

Als Besucher kommt einem Wien auf den ersten Blick ziemlich theatralisch vor: Die Hausfassaden der Innenstadt sind mit Löwenfratzen, Säulen und antiken Frauenfiguren verziert. Das Weiß, Cremegelb, Hellgrün, Rosa dieser Fassaden sieht aus wie frisch gestrichen. Und auf den Parkplätzen vor den Cafés sind Holzpodien aufgebaut, auf denen Tische stehen. So erobern sich die Menschen ihre Stadt.

Maurice Ernst, der Bilderbuch-Sänger, sitzt im Video zur Hitsingle Maschin in einem gelben Lamborghini und singt: "Willst du meine Frau werden, kaufe ich uns ein Haus aus Gold und Perlmutt." Der Bilderbuch-Pop klingt sexy und größenwahnsinnig – und ist deshalb ein Wagnis. Schließlich galten große, dekadente Posen in der introvertierten deutschsprachigen Indiepop-Szene lange als peinlich. Sind die Wiener gerade dabei, das zu ändern?

Maurice Ernst sagt, dass man seine Musik im Kontext der österreichischen Popgeschichte sehen muss: Es gab die glorreichen Zeiten des Austropop, mit Falco, Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich, die in den siebziger und achtziger Jahren erfolgreich waren. Die folgende Generation hätte diese Musik nur auf den Geburtstagsfeiern ihrer Tanten gehört. Sie war ihr peinlich. Wer in den Nullerjahren auf Wiener Bühnen Musik gemacht habe, wollte nur Englisch singen und jede ausschweifende Pop-Geste vermeiden. Hauptsache, keiner singt laut mit, schon gar nicht auf Deutsch.

Seine Generation, sagt Maurice Ernst, sei nun die erste, die sich wieder mit der Geschichte Wiens, nicht nur mit der popkulturellen, versöhnt habe. "Man merkt das daran, wie gerne meine Freunde und ich nachts mit Bier in der Hand durch das kaiserliche Wien laufen. Über den Heldenplatz, vorbei an der Hofburg, weiter zum Stephansdom." Das neue Wien macht sich das alte zu eigen. "Ich glaube, wir haben endlich zu uns gefunden und sind in der Lage, uns unverkrampft und selbstbewusst aus unserer Traditionen und Geschichte zu bedienen und daraus etwas Neues zu machen."

Maurice Ernst begreift Bilderbuch als kunstübergreifendes Projekt, als Aushängeschild von etwas, das er "Neuen Wiener Soul" nennt. Für seine Musikvideos lässt er sich von jungen Wiener Designern einkleiden. Von DMMJK zum Beispiel oder von Lisi Lang und ihrem Label lila. "Es ist in Wien generell leicht, exzellente junge Kreative zu finden, man muss nur in die Universität für angewandte Kunst gehen, dort findet man ein Dutzend Menschen, die Mode für große Musikvideo-Momente machen."

Die beiden Kunsthochschulen, die für angewandte und die Akademie der bildenden Künste, sind Kreativitätsmagneten: Weltberühmte Dozenten wie Raf Simons, Daniel Richter, Erwin Wurm und Bernhard Willhelm zogen in den vergangenen Jahren immer mehr internationale Studenten an. Der in Brasilien geborene Künstler Christian Rosa zum Beispiel hat bis vor wenigen Jahren bei Richter studiert. Heute verkauft Rosa seine Werke an Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und berühmte Kunstsammler wie Susan und Michael Hort. Auch der Wiener Wolfram Eckert – ein weltweit gefeierter DJ, den Moby, Superstar der elektronischen Musik, für seinen Geburtstag als Privat-DJ nach Los Angeles einfliegen ließ – hat bei Richter studiert. Rosa und Eckert sind natürlich auch befreundet. Wenn man sich in Wiens Kulturszene bewegt, entsteht sowieso der Eindruck, dass jeder jeden kennt. Wien ist ein Dorf. Alle haben irgendwann einmal zusammen eine Nacht durchgefeiert oder dasselbe Seminar besucht. Dank der internationalen Studenten fühlt sich die Wiener Dörflichkeit trotzdem nie provinziell an. Sondern einfach nur: warm und vertraut.

So riecht die Stadt auch. Ein bisschen wie ein Dorf. Aus den Bäckereien dringt der Geruch von Apfelstrudel und Krapfen, und oft riecht es auch ein bisschen nach Pferdestall auf den Straßen, wegen der Fiaker, die überall herumfahren. Betritt man ein Kaffeehaus, duftet es nach Gulasch und Kaffee. In den schlechteren Wirtshäusern mischt sich der Geruch von Spülmittel dazu.

Das Wiener Nähegefühl spürt man auch, wenn man sich durch die Stadt treiben lässt und dann, abends um acht, im Museumsquartier landet. Man geht durch das große Tonnengewölbe auf den Innenhof, der umgeben ist von Galerien und Museen, und sucht sich einen Platz auf einem der Sitzmöbel, die aussehen wie kleinwagengroße Legosteine. Überall lagern Jungs und Mädchen, manche eng umschlungen, Freunde treffen sich hier, bringen Wein mit und stoßen auf den Feierabend an.

Es sind solche Orte, die es Neuankommenden leicht machen, sich nicht fremd zu fühlen. Menschen wie die deutsche Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer zum Beispiel. In Deutschland kennt man die 26-Jährige aus Kinofilmen wie Christian Petzolds Barbara. Regisseure besetzen sie gern für Teenagerrollen, weil Bauer locker für 16 durchgeht und trotzdem die schauspielerische Reife einer Erwachsenen mitbringt. Seit drei Jahren lebt sie in Wien, bis vor Kurzem war sie Ensemblemitglied am Burgtheater. Jetzt möchte sie wieder mehr Filme drehen. Sie hat zwar eine Wohnung in Berlin gemietet, will aber die in Wien nicht aufgeben: "Die Stadt ist offener als Berlin. Man lernt wahnsinnig schnell Leute kennen. Nicht nur vom Theater, sondern wegen der ganzen Unis auch aus anderen Bereichen", sagt Bauer.

Aus ihrer Sicht gibt es neben dem Großes-Dorf-Gefühl noch einen Grund für die Zugänglichkeit Wiens: Das Leben findet nicht zu Hause und hinter verschlossenen Türen statt, sondern in den Kaffee- und Wirtshäusern, Beisln genannt.

Jasna Fritzi Bauer schwärmt vom Café Anzengruber, in dem man mitten in der Nacht noch ein ausgezeichnetes Gulasch bekommt. Und vom Café Europa, in dem man für ein Achtel Weißwein 2,10 Euro bezahlt. Überhaupt sei Essen und Trinken in den Beisln sehr günstig: "Ich habe noch nie so viel gesoffen wie in Wien." Wenn sie in Berlin ist, vermisst sie die Wiener Gemütlichkeit. "Zeit spielt hier keine Rolle. Man bestellt einen Kaffee, und er kommt eine halbe Stunde später. Das entspannt mich." Sie verbringt gern Zeit im Café Jelinek, dort hängt hinter der Theke ein Schild mit der Aufschrift: "Wer es eilig hat, wird hier nicht bedient."

Bauer lebt mit einem Mitbewohner in einer 160 Quadratmeter großen Wohnung mit Parkett, Stuck und Kachelofen. Das sei nichts Besonderes. Und tatsächlich ist es egal, wen man fragt, alle schwärmen von der Wohnsituation in Wien. Sie ist weltweit einmalig: 60 Prozent der Wiener leben in Gemeinde- oder kommunal geförderten Wohnungen, die man ebenso im ersten Innenstadtbezirk wie in den Randbezirken findet. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist noch nicht so angespannt wie in anderen Metropolen.

Das prägt die Stadt und ist einer der Gründe, warum in der Wiener Kreativszene Existenzen möglich sind, die in anderen Städten kaum denkbar wären. Antihelden, die lieber konstant knapp über dem Limit trinken, als zu viel zu arbeiten. Menschen, denen es genügt zu wissen, wie erfolgreich sie sein könnten. Stefanie Sargnagel ist die Königin dieses jungen Wiener Antiheldentums. Sie ist 29, Autorin, ihre Textform sind Facebook-Posts. Ihre Erkennungszeichen sind eine rote Baskenmütze, Zigaretten und Bier. Im Café Weidinger, ihrem Stammbeisl, dreht sie sich um kurz nach 17 Uhr eine Zigarette und bestellt ein Gösser-Bier in der Flasche. Am Vortag schrieb sie auf Facebook über den Laden: "Am Weidinger mag ich auch, dass man dort gut scheißen kann. Es gibt zwei Toiletten, die durch solides Mauerwerk isoliert voneinander sind. Das ist selten und viel wert." Trotz solcher Einträge ist Sargnagel alles andere als unpolitisch: Sie engagiert sich für Flüchtlinge, die in Wien ankommen, und schreibt gegen die rechtskonservative FPÖ an. Überhaupt verbindet das Ablehnen der FPÖ weite Teile der Wiener Kreativszene. Es herrscht Entsetzen darüber, dass die FPÖ bei den Wien-Wahlen im Oktober fast ein Drittel der Stimmen geholt hat.

Sargnagel arbeitet fünfmal die Woche in einem Callcenter, von morgens um sieben bis elf Uhr vormittags. "Das ist angenehm unkompliziert. Ich kann verkatert hingehen, die Leute rufen an, wollen eine Nummer, das dauert keine 30 Sekunden." Sie hält Facebook-Post-Lesungen in Kneipen, für die sie 200 bis 300 Euro bekommt, und hat inzwischen auch zwei Bücher veröffentlicht: Binge Living und Fitness. Auch Sargnagel studierte bei Daniel Richter, machte aber keinen Abschluss, weil sie zu selten da war. "In einer anderen Stadt wäre ich wahrscheinlich ambitionierter. Hier muss ich mich zu nichts überwinden, es klappt auch so. Ich war neulich in New York. Dort würde ich sterben: Da müsste ich alleine 40 Stunden arbeiten, nur um wohnen zu können." Sargnagel lebt in einer Gemeindebauwohnung, für die sie mit 16 von ihrer Mutter angemeldet wurde. Sargnagel zog mit 20 ein und bezahlt noch heute 350 Euro für 45 Quadratmeter.

Nach einer halben Stunde bestellt Sargnagel das nächste Bier. "Man kann hier leicht ein Original sein. Man muss sich nicht so affektiert durchsetzen. Man hat die Ruhe, sich zu entwickeln." Sie kenne kaum Menschen, die wirkliche High-Performer-Jobs hätten, und praktisch niemanden, der Sport treibe. Nachts gehe sie gern in "urgrindige Sauflöcher", in denen man Bier trinken und sich gehen lassen könne.

Verbringt man einige Abende in den Beisln Wiens, im Anzengruber und im Leopoldistüberl, in dem sich die Jungs von Wanda gern betrinken, fällt vor allem die Mischung auf: 20-jährige Modedesignstudentinnen, 70-jährige Karikaturisten, Schriftsteller jeden Alters. Im Anzengruber erklärt einem eine Zeitungskolumnistin: "Es gibt eigentlich nur eine Regel in diesen Wirtshäusern: Es ist egal, wer du bist, wie viel Geld du hast, wie groß dein Name ist – wichtig ist nur, ob du gute Geschichten erzählen kannst oder nicht."

Tatsächlich werden Schriftsteller und Autoren in Wien auffallend hoch geachtet. Man spürt es, wenn die Menschen über Stefanie Sargnagel sprechen, über Thomas Glavinic, der von manchen der "Bukowski von Wien" genannt wird, oder über die 26-jährige Schriftstellerin Vea Kaiser. "Man müsste taub und blind sein, um Vea Kaiser nicht zu kennen. Sie führt ja urviele Bestsellerlisten an", sagt Stefanie Sargnagel. Und das, obwohl Kaiser mit dem Beisl-Trinkertum nichts zu tun hat.

Als Treffpunkt schlägt Vea Kaiser das Restaurant Skopik & Lohn vor. Sie bestellt Blutwurst mit Apfel, Sellerie, Schalottencreme und Brombeeren und eine Flasche roten Veltliner. "Letzten Samstag war ich abends gegen zehn kurz auf ein Achterl da, und plötzlich fiel das über 50-jährige Pärchen am Nebentisch übereinander her, quer über die Teller hinweg, laut, schmatzend, intensiv. Es war so wunderschön. Und ich glaube, das ist typisch für Wien: Die Leute haben so eine Nach-mir-die-Sintflut-Haltung." Nach dem Essen möchte Vea Kaiser noch in die Loos Bar, die im ersten Bezirk liegt, wo tagsüber Touristenbusse vor Gebäuden aus der Kaiserzeit Halt machen. Die Loos Bar ist nur 27 Quadratmeter groß: Über die linke Seite des schmalen Raums zieht sich ein Tresen aus dunklem, poliertem Holz und Messing, auf der rechten hängen Spiegel über schweren Ledersesseln. Die Barkeeper tragen schwarze Krawatten und Hosenträger. Am Eingang sitzt die altehrwürdige Nachtlebenlegende und Besitzerin Marianne Kohn. Sie ist 70 Jahre alt. Als Vea Kaiser sich vorstellt, antwortet Kohn, dass es ihr eine Ehre sei, von einer Autorin wie Vea Kaiser besucht zu werden.

Vea Kaiser ist eine Vertreterin eines neuen Wien-Typs: des jungen, internationalen Wieners. Mit ihren rot geschminkten Lippen und dem offenen, schwarzen Haar sieht sie aus, als könne sie aus dem Stand den Wiener Opernball moderieren. Sie hält Lesungen in Tschechien, Deutschland, Frankreich, zum Essen geht sie gern in das japanische Restaurant Mochi, das sie im Moment für das kreativste Lokal Wiens hält. "Ich sage schon länger, dass diese Stadt unfassbar viel kann, mehr, als man ihr gemeinhin zutraut. Das sieht oft nicht so aus, weil die Wiener bei Trends nicht gleich aufspringen. Sie warten lieber. Wenn sie dann aber Lokale aufmachen, sind die großartig."

Vea Kaiser bestellt einen Tom Collins, einen Longdrink mit Gin und Zitronensaft, und schwärmt vom O boufés, der vor wenigen Monaten eröffneten Taverne des österreichisch-griechischen Kochs Konstantin Filippou. Das Lokal gefällt ihr auch deshalb so gut, weil es mutig und unkonventionell ist und internationaler angelegt. Vielleicht macht gerade das den Charme des neuen Wiens aus: dass sich in dieser Stadt gemütliche Beisl-Trinker wie Stefanie Sargnagel genauso wohlfühlen wie ambitionierte Welt-Wiener. Vea Kaiser verabschiedet sich, und auf dem Heimweg, gegen vier Uhr morgens, an der frischen Luft, riecht es wieder nach Pferden.

Der nächste Tag, mittags um zwölf. Konstantin Filippou, 35, der Koch, den nicht nur Vea Kaiser für den besten Österreichs hält, steht im Bioweinkeller seines Lokals O boufés: "Hier kannst du als Gast, wenn du möchtest, einfach runterkommen und dir aus den Kühlschränken eine Weinflasche nehmen. Der Kellner macht sie oben auf." Zum Mittagessen gibt es heute Blutwurstravioli, Sepia, Krustentierfond und Erbsen. Filippous Karte lebt von solchen griechisch-österreichischen Verbindungen. Gastronomen in Wien hätten ihn davor gewarnt, ausschließlich mit Bioweinen zu planen. Filippou, schulterlange, dunkle Haare, Fünftagebart, sagt: "Ich habe die Warnungen beiseitegeschoben, weil ich das Gefühl hatte, dass Wien sich verändert. Dass es hier Leute gibt, die internationaler denken. Und ich freue mich sehr, dass ich recht hatte." Für sein Restaurant Konstantin Filippou, das vor knapp drei Jahren öffnete, hat er einen Michelin-Stern bekommen. Und auch das O boufés ist drei Monate nach Eröffnung jeden Abend voll. Die renommierte Food-Zeitschrift fool hat Filippou besucht und schwärmte. In seiner Altersgruppe ist Filippou der einzige Koch Wiens, der ein Restaurant nach sich selbst benannt hat. Man könnte sagen: Die großen Wiener Gesten, für die musikalisch Bilderbuch steht, finden in Konstantin Filippou seine gastronomische Entsprechung.

Er selbst sagt, dass er sich natürlich erhofft hatte, erfolgreich zu sein, doch mit einem habe er nie gerechnet: dass die Wiener geradezu stolz seien würden auf seine Lokale. "Die Gäste genießen es, an einem Ort zu essen, der auch außerhalb von Österreich geachtet wird."

Der Blick nach außen, auch er ist eine Wiener Besonderheit: Als Besucher der Stadt wird man häufig nach seiner Meinung über Wien gefragt. Wenn man antwortet, dass man Wien für eine genießerische, selbstbewusste und im Vergleich zu anderen Metropolen besonders gelassene Stadt hält, freuen sich die Wiener, ohne dabei überheblich zu wirken.

Der jüngste Mensch, den wir auf dieser Reise treffen, ist Julian Schneyder. 19 Jahre alt, muskulöser Strandkörper, dunkelbraune Haare, kräftige Wangenknochen. In Modekreisen wird er als nächstes internationales Supermodel gehandelt. Im Januar lief er als Versace-Model auf dem Laufsteg der Mailänder Fashion Week. Vor einer Woche stand er in Calvin-Klein-Unterwäsche vor der Kamera. Heute, an einem sonnigen Samstagnachmittag, sitzt Schneyder in seiner Modelagentur. Er ist ausgesprochen höflich und wohnt noch bei seinen Eltern in Vösendorf, am Stadtrand von Wien. Eigentlich ist er Judo-Leistungssportler, und dass seine Modelkarrierekurve so steil verläuft, verdankt er offenbar auch einem Trend: Modefirmen wie Versace interessieren sich verstärkt für Models aus Wien. Bei der Fashion Week in Mailand schickte Schneyders Agentur Wienermodels insgesamt fünf Models auf den Laufsteg – so viele wie noch nie. Schneyder erklärt, die Agentur erstelle ein klares Image von Models wie ihm: Wiener Models sind am Boden geblieben. Zuverlässig. Willensstark. Das kommt bei Kunden offenbar an. Seine Eltern sind stolz auf ihn, wollen aber, dass er sein Abitur macht.

Wo verbringt Julian Schneyder seine Zeit, wenn er keine Schule, keine Jobs hat? "Mein Wien findet im ersten Bezirk statt. Dort sind auch meine Freunde, das hat sich so ergeben." Mit seinen Freunden, die aus Israel, Paris, Kroatien, Rumänien, Polen und Deutschland stammen, trifft er sich oft im Burggarten. Umgeben von Relikten des Kaiserreichs, plaudern sie dort gern und hören die Musik des Rappers Kendrick Lamar.

Zum Schluss ein Treffen mit Stefan Redelsteiner. Von nicht wenigen wird er als Pate des neuen Wiens bezeichnet. Er ist, unter anderem, der Verleger von Stefanie Sargnagel und der Manager der grandiosen Wiener Sängerin Monsterheart. Und, Grund für den Irrsinn seines Jahres: Er ist auch der Manager von Wanda, der Band, die für eine Textzeile verantwortlich ist, die in diesem Jahr wie keine andere auf Konzerten, Partys und Festivals gegrölt wird: "Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna. Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore!" Der Schriftsteller Rainald Goetz (der schon immer ein gutes Gespür für Trends hatte) hat sie kürzlich sogar am Ende seiner Dankesrede für den Büchner-Preis angestimmt.

An einem Montagvormittag lehnt Redelsteiner an der Wand eines Plattenladens in der Kärntner Straße, der Zara-Douglas-Palmers-Meile der Stadt. Wanda gibt eine Autogrammstunde. Die fünf Bandmitglieder sitzen vor Redelsteiner an einem Tisch. Hunderte sind gekommen, um sich Platten, CDs und Postkarten signieren zu lassen. Der ORF filmt.

ORF, Kärntnerstraße, Autogrammstunde – mehr Mainstream geht nicht. Für die meisten Indiebands ein Alptraum. Genau hier aber liege der Denkfehler, sagt Redelsteiner: "Wir sind auch deshalb zu einem Major-Label gegangen, damit das Präfix Indie vor Rock gestrichen wird." Sein Ziel sei es von Anfang an gewesen, im ganzen deutschsprachigen Raum erfolgreich zu werden. "Ich wusste: Wenn wir in Österreichs Top Ten sind, verdienen wir ein paar Hundert Euro im Monat. Wenn wir es in Deutschland schaffen, sind es ein paar Tausend." Redelsteiner führte bis vor einem Jahr das Plattenlabel Problembär Records, und viele der Künstler, die er managt, gehören zum Wiener Underground. Er schafft es, die Grenze zwischen Untergrund und Mainstream zu überwinden und beide Welten miteinander zu versöhnen. Offenbar eine typische Wiener Eigenschaft.

Niemand in Wien kritisiert ihn dafür, hoch hinaus zu wollen. Im Gegenteil: Es wird bewundernd anerkannt, dass Redelsteiner und Wanda wie gute Marktforscher eine Sehnsucht erkannt haben. Eine Sehnsucht nach einer bierseligen Wiener Band, die man wieder lauthals bejahen kann, zu deren Bussi-Baby-Gassenhauer-Refrains ganze Stadien mitsingen können. Das letzte Mal, das so etwas in Wien geschah, war, als die Band Opus Live Is Life sang. Das ist 30 Jahre her. Und wenn der Neue Wiener Soul von Bilderbuch eine Reaktion auf die introvertierten Nullerjahre ist, dann ist auch Wanda Teil dieser Bewegung. Die Gleichzeitigkeit der beiden Bands ist kein Zufall. Die Stadt ist stolz auf sich und will das nach Jahren der Stille auch laut und deutlich kundtun.

Auf eine sympathische Art hat die neue Generation das Gefühl, dass diese Stadt ihr gehört. Man merkt es an der Selbstverständlichkeit, mit der sie das alte Wien vereinnahmt, mit der sie von neuen Nachtclubs wie der Grellen Forelle um drei Uhr morgens in einen mehr als einhundert Jahre alten Laden wie die Eden Bar weiterzieht. Ein Raum aus rotem Plüsch. Eine philippinische Band spielt in weißen Sakkos italienische Schlager, Kellner zünden sehr jungen und sehr alten Damen im Vorbeigehen Zigaretten an und sagen: "So viel Zeit muss sein, gnädige Frau." Kaiserbüsten wachen über der Tanzfläche. Ein Mädchen fordert einen schüchtern aussehenden Jungen zum Tanz auf. Ein älterer Herr schlendert im Stile eines Fernsehshowmasters aus den siebziger Jahren mit seinem Mikrofon durch die Reihen und singt What a Wonderful World. Und der Junge auf der Tanzfläche küsst das Mädchen.

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